Medien

Der Hilchenbacher Bauhof-Prozess kommt ans Licht zurück

Hier wurde der Hilchenbacher Bauhof zur Folterkammer.

Hier wurde der Hilchenbacher Bauhof zur Folterkammer.

Foto: Steffen Schwab

Hilchenbach.  Vor neun Jahren hat Hilchenbach bundesweit Schlagzeilen gemacht. Jetzt gibt es neues Interesse an dem Skandal um Folter und Sadismus im Bauhof.

Auf einmal finden neun Jahre alte Artikel aus dieser Zeitung neue Leser. Der Grund, warum Menschen nicht nur aus Hilchenbach die Beiträge aufrufen, in denen über einen Gerichtsprozess vor dem Siegener Landgericht berichtet wird, liegt auf der Hand. Sabine Rückert, damals Gerichtsreporterin und heute stellvertretende Chefredakteurin der Wochenzeitung „Die Zeit“, macht in ihrem Verbrechens-Podcast den Hilchenbacher Bauhof-Prozess zum Thema. „Die Sadisten von Hilchenbach“ lautete damals die Schlagzeile. Das Internet vergisst nichts.

Der Prozess

Mit einer Durchsuchung des Bauhofs und von Privatwohnungen durch Polizei und Staatsanwaltschaft im Oktober 2008 wurde der Skandal öffentlich. Im März 2010 begann der Prozess gegen vier Bauhof-Arbeiter, die einen behinderten Kollegen jahrelang gequält und misshandelt hatten. In 15 Verhandlungstagen geht es um 60 der 149 ermittelten Straftaten. Im Juli werden zunächst drei der vier Angeklagten verurteilt, der vierte in einer Revisionsverhandlung auch noch.

Die auf den Hauptprozess folgenden Revisionsverhandlungen, der Folgeprozess gegen einen weiteren Mitarbeiter und der Zivilprozess zum Schmerzensgeld beschäftigten die Öffentlichkeit noch vier weitere Jahre. Erst im November 2014 ist wirklich alles vorbei – das von einem Verteidiger angekündigte Wiederaufnahmeverfahren fand nie statt. Ihre Haftstrafen haben die Verurteilten – der Hauptangeklagte wurde zu vier Jahren Gefängnis verurteilt – längst verbüßt.

Gerichtsreporterin Sabine Rückert berichtet im Podcast aus der zeitlichen Distanz – aber sie ist während der Monate der Hauptverhandlung tiefer als andere Beobachter ins Hilchenbacher Innenleben eingetaucht: Sie konnte Gutachten lesen, saß bei einem der Angeklagten am Küchentisch und stand in Verbindung mit dem Opfer und seinen Angehörigen.

In knapp einer Stunde breitet sie das Kaleidoskop von Mobbing, Sadismus und – ja – Faschismus aus. Wenige Beispiele genügen, um das Grauen im Hilchenbacher Bauhof hinreichend zu skizzieren: die Schläge mit den Ketten, die Tritte, das versuchte Vergasen, die Scheinhinrichtung. Dazu, nur als Fußnote, die lebendig gehäckselte Katze, die einem der Angeklagten eine zusätzliche Verurteilung einbrachte. Und, passend, die Absurditäten in dem Prozess, in dem ein Verteidiger an einer Stoffpuppe nachvollziehen wollte, dass man mit einem Weißdornzweig niemanden erdrosseln kann. Man kann doch.

Die Lehren

„Der Fisch stinkt vom Kopfe her“, zitiert die Reporterin den Volksmund. Und meint, dass dieses „exzessive Mobbing“, wie es der Vorsitzende Richter Wolfgang Münker bei der Urteilsverkündung zusammenfasste, nur durch das Versagen aller Vorgesetzten möglich war: vom Kolonnenführer über den Bauhofleiter bis zum Beigeordneten und Bürgermeister. Eine eigene Rolle schreibt Sabine Rückert der Hilchenbacher Stadtgesellschaft zu, den Vereinen, in die die Angeklagten integriert waren und den Angehörigen: Hätten die alle nicht darauf bestanden, dass nicht sein konnte, was nicht sein durfte – vielleicht wären die Vier dann nicht bis zum Schluss fast stumm geblieben, hätten Einsicht oder Reue entwickeln können.

Die Gerichtsreporterin ist vermutlich nach 2010 nie wieder in Hilchenbach gewesen. Zu fragen bleibt, ob es angemessen ist, für ein Lehrstück über „gefährliche Kollegen“ diese abgrundtiefe Kleinstadt-Katastrophe nach dieser langen Zeit mit all ihren Details über beteiligte Personen wieder an die Oberfläche zu holen. In den vielen Kommentaren zu dem Podcast trägt einer das nach, was noch gefehlt hat: Dem jungen Gärtner von damals geht es heute gut.

Mehr Nachrichten, Fotos und Videos aus dem Siegerland gibt es hier.

Die Lokalredaktion Siegen ist auch bei Facebook.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben