Gedenken

Frühere Siegener Synagoge: Gedenken im Schatten von Halle

Alon Sander findet deutlich andere Töne an.

Alon Sander findet deutlich andere Töne an.

Foto: Michael Kunz

Siegen.  Viele Menschen kommen in Siegen zur Erinnerung an Pogrom von 1938 zusammen. Es gibt Dank aus Emek-Hefer und mahnende Kritik von Alon Sander.

Rund 350 Menschen waren gekommen, um am Sonntag am Standort der früheren Siegener Synagoge an die Geschehnisse des 9. November 1938 zu erinnern. Eine von 177 jüdischen Gotteshäusern sei die Synagoge gewesen, die damals von den Nationalsozialisten in Brand gesteckt worden seien, betonte Yoni Scherzer, im Partnerkreis Emek Hefer für den Austausch mit Siegen-Wittgenstein zuständig. Er begrüßte zugleich die große Unterstützung, die er hier sehen könne, die in Israel sehr wohl ankomme und die ein deutliches Zeichen für den Widerstand beinhalte, der von den Siegener Bürgern gegen rechte Gewalt und Hass gesetzt werde.

Alarmzeichen vor Jahren verstummt

Während Scherzer noch an die Mahnwache erinnerte, die sich spontan an gleicher Stelle nach dem Anschlag in Halle gebildet hatte, schlug Alon Sander deutlich andere Töne an. Der jüdische Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland kritisierte die ewig gleichen Reaktionen der Öffentlichkeit auf Gewalt gegen Juden, die mehr und mehr zunehme. Die Alarmzeichen seien schon vor einigen Jahren verstummt. „Der Kampf hat begonnen“, erklärte Sander und forderte eindeutige Signale von der deutschen Gesellschaft, die sich endlich entscheiden müsse „zwischen Sparta und Athen“, zwischen Verschlossenheit und Gestern oder einer offenen Gesellschaft.

Im NS-Staat sei das jüdische Leben in Deutschland vernichtet worden, die Folgen und den Verlust habe die Gesellschaft bis heute nicht ausgleichen können. Bis vor einigen Jahren sei der Eindruck entstanden, es könne trotz allem wieder jüdisches Leben entstehen in Deutschland, „eine zarte Pflanze. Und dann kam Halle!“ Jetzt zeige sich, dass antisemitische Gewalt nicht nur weit weg in Pittsburgh geschehe, sondern hier vor der Haustür. „Die Juden müssen Angst haben, nicht die Antisemiten“, klagte Sander über deutsche Gerichte, die sich nicht trauten, Täter zu verurteilen und die Voraussetzungen für Strafen maßlos hoch ansetzten. „Kein Jude ist zufällig in Deutschland“, fügte er an, für jeden sei dies eine bewusste Entscheidung, jeden Tag neu.

Stolz aufs Anderssein

Vor 81 Jahren hätten Deutsche andere Deutsche gehetzt und getötet, nur weil diese anders gewesen seien. Er sei stolz auf sein Anderssein, „weil ich Jude bin“, weil er sich viel zu sehr ändern müsste, um etwa ein Christ zu werden. Er wolle aber offen mit allen anderen zusammenleben.

Pfarrer Raimar Leng als evangelischer Vorsitzender der „Christlich-Jüdischen“ und Siegens stellvertretender Bürgermeister Jens Kamieth begrüßten das eindeutige Zeichen gegen Hass und Gewalt an diesem Tag und forderten ähnlichen Einsatz an jedem Tag von jedem Bürger.

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