Literatur

Helge Achenbach liest in Hilchenbach aus seinem neuen Buch

Helge Achenbach bei der Vorstellung seines Buchs in Hilchenbach.

Helge Achenbach bei der Vorstellung seines Buchs in Hilchenbach.

Foto: Michael Kunz

Hilchenbach.  Anekdoten aus dem Leben und der Kunstwelt: Helge Achenbach liest in Hilchenbach aus seinem Buch – und spielt mit den Emotionen des Publikums.

Wie schafft es einer, den inzwischen verstorbenen Aldi-Erben Berthold Albrecht um rund 20 Millionen zu betrügen, überhaupt erst einmal von diesem eine deutlich höhere Summe praktisch zur freien Verfügung zu bekommen, um damit Kunst zu kaufen? Diese Frage interessierte die Besucher der Lesung von Helge Achenbach in der Buchhandlung „Bücher buy Eva“ in Hilchenbach. Dieser bekam 2015 für diesen Vorwurf sechs Jahre Haft und kam nach Verbüßung von zwei Dritteln auf Bewährung in Freiheit. Nun erzählt er seine Lebensgeschichte bei Lesungen.

Werk

Hatte Helge Achenbach bereits 2013 eine erste Autobiographie veröffentlicht, stellt er den Menschen nun mit „Selbstzerstörung -- Bekenntnisse eines Kunsthändlers“ einen weiteren Einblick in sein Leben vor, in das eigene und das Innenleben der mehr und mehr aus allen Fugen geratenen Kunstszene, in der er selbst auch die Grenzen verloren haben will. „Ich war ein Arschloch“, bekennt der 67-Jährige unverblümt und versichert, aus seinen Fehlern und dem folgenden Absturz gelernt zu haben. Freilich hat er dabei, wie eigentlich den ganzen Abend, immer ein leichtes Zwinkern in den Augen. „Seht her, ich bin doch im Grunde ein netter Kerl“, signalisieren Mimik und Körpersprache zu jeder Sekunde, und auch die durchaus angenehme Stimme des Erzählers, die interessanterweise an Wolfgang Suttner erinnert.

Andrang

Der kleine Aktionsraum in „Bücher buy Eva“ am Hilchenbacher Markt ist bis in die hinterste Ecke gefühlt. „Kennt ihr euch ein bisschen mit Kunst aus oder ist das hier nur der große Heimatabend“, fragt Achenbach lächelnd, bekommt Zustimmung für den ersten Teil der Frage und weiß offenbar sofort, wie er die Zuhörerschaft gewinnen kann. Was folgt, sind zwei Stunden genialer Dramaturgie, die schnell deutlich machen, warum der gebürtige Klafelder so bequem vom Aldi-Erben solche Vollmachten und Vertrauen bekam, wie er schon vorher über Jahrzehnte seinen Job als findiger Kunsthändler und Projektbetreuer für hochkarätige Unternehmen aller Art erledigt haben muss. Vorlesen gehört interessanterweise kaum dazu.

Leben

Helge Achenbach kommt von einer Anekdote zur nächsten, jongliert mit großen Namen aus der Kunst- und Gesellschaftswelt genauso, wie mit Millionensummen, die er auch im wahren Leben offensichtlich mit ähnlicher Nonchalance in die Lüfte geworfen hat. Geschickt beginnt das mit Kindheit und Jugend zwischen Klafeld-Geisweid und dem Siegener Schloss, wobei es da vor allem um seine Sturheit gegenüber Eltern und Lehrern geht und um die große Vorliebe für das weibliche Geschlecht, das schon mit der sechsjährigen Nachbarstochter begann.

Mit verklärtem Strahlen berichtet Achenbach auch von den Sex-Heftchen der Marke „Eldorado“, die er und sein bester Kumpel von dessen Vater „ausliehen“, einzelne Seiten mit einer Rasierklinge heraustrennten und für einen Groschen auf dem Schulhof anschauen ließen. Danach wurden Schwarzweiß-Fotos für 50 Pfennig verkauft, „Farbe für eine Mark“. Der Anstaltsgeistliche habe das später als frühen Beweis „für meine Schlitzohrigkeit oder das Austesten von Grenzen“ genommen, schmunzelt Achenbach und hat sichtlich bis heute kein schlechtes Gewissen. Selbst dafür nicht, „dass ich die Einnahmen nicht gleich mit meinem Freund geteilt habe“.

Sichtlich stolz ist er auch darauf, immer eine gewisse Führungsrolle gespielt zu haben. Erst war er Klassen-, später Asta-Sprecher und Initiator einer Demo gegen Rainer Barzel und dessen Versuch, Kanzler Brandt seinerzeit durch ein konstruktives Misstrauensvotum zu stürzen. Und während des Studiums der Sozialpädagogik, von dem dann bis zur Haftzeit keine Rede mehr ist, entstand bereits die erste Galerie. Ach ja, Siegen sei doch so schön, wirft Achenbach immer wieder ein, lobt Barbara Lambrecht Schadeberg und vergisst an dieser Stelle nicht, auch seinen Beitrag an der Einrichtung des Museums für Gegenwartskunst zu erwähnen. Das rollende R, das habe ihm als Kind beim Umzug nach Düsseldorf viele Sorgen bereitet. Heute „kann ich es nach Beliebe ein- und ausklappen“.

Publikum

Die Leute lachen, wenn der Vortragende ein Witzchen macht oder eine Anekdote zum Besten gibt. Sie werden ruhiger, wenn eine nachdenkliche Passage kommt oder gar ein paar Tränen. Achenbach spielt mit ihren Emotionen, als würde er die Tasten eines Flügels bedienen. Eine gute Stunde dauert es, um das pralle Leben mit dem Niedergang, „der dunklen Seite“ zu konfrontieren. Heute sei ja alles noch viel schlimmer, in der Kunstszene und der Gesellschaft, die die Orientierung und den Glauben verloren habe.

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