Religion

Hilchenbacher schreibt eine Flaschenpost für Gleichgesinnte

„Sich mit Leuten verbinden und gucken, welche Aufgabe die Welt stellt“: Dr. Peter Neuhaus sucht Gleichgesinnte.

„Sich mit Leuten verbinden und gucken, welche Aufgabe die Welt stellt“: Dr. Peter Neuhaus sucht Gleichgesinnte.

Foto: Steffen Schwab

Hilchenbach.  „Kirchenschmelze“ heißt das Buch des Hilchenbacher Theologen Dr. Peter Neuhaus über seine Sehnsucht nach einem galiläischen Frühling.

Der Autor hat gedacht, dass jetzt der rechte Zeitpunkt für eine von ihm selbst so genannte „Flaschenpost“ sei: „Kirchenschmelze“ heißt das Bändchen, das Dr. Peter Neuhaus verfasst hat. „Sehnsucht nach einem galiläischen Frühling“ heißt die Unterzeile. Wer sich darauf einlässt, lernt den katholischen Grünen-Fraktionschef, der in Sichtweite der evangelischen Kirche am Kirchweg sein zu Hause gefunden hat, als studierten Theologen kennen, der mit seiner Kirche fertig ist – aber längst nicht mit seinem Glauben.

Rauswurf und Austritt

Die Gemeinde verschwindet, bedauert Dr. Neuhaus, sie geht in großen pastoralen Räumen auf. „Die Gemeinde lebt von konkreten Beziehungen“, sagt er. Und Kirche hätte eine Chance, diesen „Kontrapunkt zu setzen zu den unübersichtlichen Verhältnissen, in den wir leben“. Der „galiläische Frühling“ ist eines seiner Symbole: die Aufbruchstimmung, die Jesus dort erzeugte.

Ein anderes Symbol ist der Tisch, um den Menschen sich versammeln, um sich verständigen – und die Welt besser zu machen. Der Abendmahlstisch fürs richtige Leben eben. Und nicht für einen Machtapparat, der sich vornehmlich mit sich selbst beschäftigt. „Ich bin damit nicht allein“, weiß Peter Neuhaus. Die „Kirchenschmelze“ soll das Medium werden, Gleichgesinnte zueinander zu bringen. Dazu geht er auf Lesereise, dafür lädt er zu Diskussionen ein.

Den Begriff „Kirchenschmelze“ kann man doppelt lesen. Dass Kirche buchstäblich wegschmilzt. Oder dass sie auftaut – dass womöglich Letzteres gemeint ist, auch wenn er das Gegenteil befürchtet, legt die Biografie von Peter Neuhaus nahe, der nie aufgehört hat, sich mit theologischen Fragen auseinanderzusetzen und seinen Lehrern und Pfarrern auszutauschen. Neuhaus berichtet von seinen Aufenthalten in Chile und seiner Sympathie für eine - politische - Theologie der Befreiung. Und überträgt das in die deutsche Gegenwart. Den nötigen Einsatz für Geflüchtete, für die Bewahrung der Schöpfung und gegen Rechts. „Sich mit Leuten verbinden und gucken, welche Aufgabe die Welt stellt.“

Es gehe ihm nicht um Kirchenkritik, betont Peter Neuhaus. „Dafür brauchen die mich nicht. Ich bin ja auch nur Zaungast.“ Tatsächlich ist der Messdiener von einst, der erst mit 28, im Jahr 1992, seinen Wunsch aufgab, Priester zu werden, 1996 aus der katholischen Kirche ausgetreten. „Das hat mir selbst meine Mutter übelgenommen“, erzählt Neuhaus - dass ihr Sohn nun doch Familienvater werden konnte, fand sie Jahre zuvor durchaus erfreulich. Tischler wurde er dann auch nicht. Sondern er kam nach Siegen und wurde Gemeindereferent an der Katholischen Hochschulgemeinde. In einem Leserbrief bekannte sich Neuhaus dazu, dass in seiner Gemeinde jeder und jede die Kommunion empfangen durfte, und nicht nur, wie es die Kirchenführung festgelegt hatte, katholisch getaufte Christen. Das war der Grund für den Rauswurf nach nur zwei Jahren. Peter Neuhaus sattelte um und wurde Krankenpfleger.

Nachwort vom Gemeindepfarrer

„Die, die religiöse Fragen haben, werden durch diese Kirchenleitung um ihre Religion betrogen“, stellt Peter Neuhaus fest. Nein, sagt er, diese Kirche sei wohl nicht mehr zu retten. „Keines meiner Kinder geht mehr in die Kirche.“ Überhaupt in Frage zu stellen, dass Frauen Priesterinnen werden dürfen, sei für sie eine Zumutung. Und trotzdem: Religion, Glauben und Gemeinde spielten in seinem Leben eine wichtige Rolle, sagt Peter Neuhaus. „Das will ich nicht einfach hinter mir lassen.“

Friedhelm Rüsche, Pfarrer von St. Augustinus Keppel, wagt ein freundliches Nachwort zur „Kirchenschmelze“. Für ihn, schreibt er, kann der galiläische Frühling immer wieder und jederzeit anbrechen, „ob innerhalb oder außerhalb der Kirche“.

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