Kunstausstellung

Büchsendruck im Siegerlandmuseum: Reinhold Koehler wird 100

Das Siegerlandmuseum zeigt in der Ausstellung "Reinhold Köhler zum 100. Geburtstag" eine Auswahl von Arbeiten aus dem Nachlass des Siegener Künstlers. Zur Ausstellungseröffnung ist seine Tochter Angela Köhler aus Zürich angereist.

Das Siegerlandmuseum zeigt in der Ausstellung "Reinhold Köhler zum 100. Geburtstag" eine Auswahl von Arbeiten aus dem Nachlass des Siegener Künstlers. Zur Ausstellungseröffnung ist seine Tochter Angela Köhler aus Zürich angereist.

Foto: Florian Adam

Siegen.  Zerschlagene Teller, kaputte Glasflaschen und gedruckte Blechbüchsen. Stichworte zu der Ausstellung „Reinhold Koehler zum 100. Geburtstag.“

Zerstörung ist der Ausgangspunkt. Manchmal überließ Reinhold Koehler sie dem Zufall – oder vielmehr: dem Lauf der Welt –, manchmal wandte er sie selbst an; immer, um aus dem Ergebnis etwas Neues zu schaffen, zu arrangieren, entstehen zu lassen. Vielleicht ist „Zerstörung“ deshalb gar nicht das richtige Wort im Zusammenhang mit den Arbeiten des 1970 verstorbenen Siegener Künstlers, dem das Siegerlandmuseum ab Sonntag, 15. September, anlässlich seines 100. Geburtstags in diesem Jahr die Ausstellung „Reinhold Koehler – Décollages imprimés / Büchsendrucke und Objets décollagés“ widmet.

Bis einschließlich 3. November sind die etwa 60 Exponate im Sonderausstellungsbereich des Siegerlandmuseums zu sehen. Koehlers Werk ist sehr umfangreich, die Präsentation konzentriert sich auf zwei Gebiete seines späten Schaffens: Seine Arbeiten aus zerschlagenem Geschirr und seine Büchsendrucke – die deshalb so heißen, weil tatsächlich Konservendosen als Druckplatten dienten.

Über Koehlers Wirken ließe sich mit einem noch recht jungen Ausdruck sagen, dass er bereits Mitte des vorigen Jahrhunderts Upcycling betrieb; jene Form der Wieder- und Andersverwertung von vorhandenem und eigentlich ausrangiertem Material, oft tatsächlich oder vermeintlich Abfall, die im Gegensatz zum Recycling nichts Neues mit vergleichbarem oder geringerem, sondern etwas Neues mit höherem Wert schafft.

Koehlers Tochter aus Zürich angereist

Seine Tochter Angela Koehler, die den Großteil der Stücke aus dem Nachlass des Künstlers zur Verfügung stellt, spricht beim Vorab-Termin etwa von „kaputtem Geschirr“. Das bringt es zwar auf den Punkt, zeugt aber von bodenständigem Understatement angesichts dessen, war ihr Vater aus diesem „kaputten Geschirr“ machte.

Charakteristisch ist die Fähigkeit, zersprungene oder anderweitig demolierte Teller, Flaschen, Schüsseln, faktisch alle Arten von Scherben als Objekte auf Leinwänden so zusammenzusetzen, dass zwar der ursprüngliche Gegenstand zweifelsfrei erkennbar bleibt, der skulpturale Wert aber zur eigentlichen neuen Bestimmung wird.

Silhouette einer Skyline

Oft ist dies mit Verfremdung verbunden, mit der Kreation neuer Körper, die weit über das Ausgangsmaterial hinausgehen, es aber demonstrativ im Bild präsent halten. Oder im Objekt: Das Fragment eines alten, völlig verrosteten Heizkörpers ist zwar als solches zu erkennen, ist aber auch so in Form gebracht, dass es Erinnerungen an die Silhouette einer Skyline weckt.

Häufig legte Koehler zur Zerstörung seines Materials selbst Hand an. Häufig griff er aber auch auf Fundstücke zurück, die er in ihrem gegebenen Zustand beließ. Bei den Büchsendrucken, mit denen er 1966 begann, ist das besonders deutlich. „Er hat sie oft gefunden. Damals lagen viele Büchsen auf den Straßen herum. Er hat aber auch auf Schutthalden gesucht“, sagt seine Tochter Angela Koehler. Um die Dosen als Druckstöcke verwenden zu können, musste er aus den dreidimensionalen Objekten dabei zunächst natürlich flache Platten machen, indem er sie aufschnitt und auseinanderfaltete.

Kohlers Kunst gibt neue Antworten

So ist bei vielen Drucken, schwarzen wie bunten, klar erkennbar, wie sich aus der Form wieder eine Dose – oder zumindest der Teil einer solchen – zurechtbiegen lassen würde. Doch trotz dieses scheinbar engen Rahmens gelang es dem Künstler, seine Dosendruckplatten so zu entfalten, dass sich eine verblüffende Assoziationsbreite öffnet: Die Silhouetten von Kameras, sehr häufig von Schallplatten, von Figuren, roboterhaften Augen.

Eindeutig liegt die Koehler’sche Position, wie sie im Siegerlandmuseum zu sehen ist, damit im übergeordneten künstlerischen Flow ihrer Entstehungszeit; in der Abkehr vom Gegenständlichen und der Hinwendung zu neuen Formen des Sich-Ausdrückens, des Experimentierens und der im Umbruch befindlichen Sicht auf eine Welt, mit der sich völlig neue Antworten auf die Frage fanden, was eigentlich künstlerisch wertvoll oder, allgemeiner gesprochen, ästhetisch ist.

Konservendose als Zentrum künstlerischer Beschäftigung

Nun bedienen sich Koehlers Arbeiten aber auch – ob gewollt oder nicht – der Grundzüge der in den späten 1950er und erst recht den 60er Jahren prägenden Popart: Einen banalen, alltäglichen Gebrauchsgegenstand wie die Konservendose zum Zentrum der künstlerischen Beschäftigung und zum Thema der Kunst zu machen. Immerhin ein Objekt, das in seiner unverkennbaren Erscheinungsform und in seiner Symbolkraft für eine Lebensweise ähnliche ikonische Qualitäten hat wie die die Coca-Cola-Flasche, die Schallplatte oder der VW Käfer.

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