Justiz

Vergewaltiger aus Siegen zeigt sich selbst an: Bewährung

Die 1. Große Strafkammer hat angesichts der Umstände das Strafmaß gemildert, das ansonsten deutlich höher hätte ausfallen können.

Die 1. Große Strafkammer hat angesichts der Umstände das Strafmaß gemildert, das ansonsten deutlich höher hätte ausfallen können.

Foto: Hendrik Schulz

Siegen.  Das Landgericht Siegen berücksichtigt die eingeschränkten intellektuellen Fähigkeiten des Angeklagten. Der hatte seine Ex-Freundin vergewaltigt.

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Zwei Jahre auf Bewährung lautet das Urteil gegen den 32-jährigen Siegener M., der gestanden hat, eine etwa gleichaltrige frühere Freundin vergewaltigt und misshandelt zu haben. Der Mann war aufgrund eingeschränkter intellektueller Fähigkeiten zur Tatzeit am 4. Oktober 2018 nicht fähig, das Unrecht seines Tuns komplett zu erfassen. Daher hat die 1. Große Strafkammer das Strafmaß gemildert, das ansonsten deutlich höher hätte ausfallen können. Überhaupt gibt es in diesem Geschehen eine Vielzahl eher ungewöhnlicher Umstände.

Der eigentliche Vorfall klingt zunächst einmal nicht danach, sich für größere Nachsicht bei der Beurteilung zu qualifizieren. Der Angeklagte hatte seine frühere Freundin nach Hause gebracht, bei ihr noch etwas gegessen und ordentlich Alkohol zu sich genommen. Die Frau habe sich „dann bettfein“ gemacht und zahlreiche Medikamente gegen ihre eigene psychische Erkrankung eingenommen, trägt Richterin Elfriede Dreisbach bei der Urteilsbegründung am Freitag, 6. Dezember, vor.

Angeklagter aus heiterem Himmel vom Zorn erfasst

Anchließend saßen beide auf der Couch und sahen fern. Dabei erinnerte sich der Angeklagte, der durch eine Sehstörung kaum lesen und schreiben kann, plötzlich an zahlreiche Streitigkeiten und Demütigungen durch seine ihm in mehrerer Hinsicht überlegenen „Ex“, für die der Mann ohnehin eher eine „Affäre“ unter mehreren gewesen sei, während er deutlich mehr in der früheren Beziehung gesucht habe. Unter anderem sei es an dem Abend noch um einen neuen Bekannten der Frau gegangen, der sie schlecht behandelte und gegen den M. ihr eigentlich beistehen sollte.

M. wurde jedenfalls unvermittelt zornig, drückte den Kopf der Frau gegen die Wand, hielt ihr Mund und Nase zu und stürzte beim anschließenden Kampf mit ihr auf den Boden. „Sei still, sonst bringe ich Dich um“, soll er gesagt und nach der Anklage auf ein Messer gedeutet haben, dass auf dem Tisch lag. Letzteres kann die Kammer aber nicht feststellen. Auch ein zeitweises Würgen der Frau mit ihrem Schal wird nicht, wie von der Staatsanwältin angenommen, als lebensbedrohliche Handlung gewertet. Das Opfer hat sich gewehrt und später vorgebracht, M. sei gegen ihren Willen nicht nur mit dem Finger in sie eingedrungen. Auch das gibt die Beweisaufnahme nicht her.

Angststörung der Frau hat sich verschlimmert

Schon vorher habe die Frau M. einmal zu Unrecht vorgeworfen, sie vergewaltigt zu haben. Nun habe sie wenigstens einen Grund für so eine Behauptung, habe er gerufen, beim Gedanken an ihre Tochter aber schnell wieder von ihr abgelassen. M. brach jetzt in Tränen aus, entschuldigte sich bei der Frau, lag in ihrem Schoß, ging dann friedlich. Zwei Tage danach zeigte er sich selbst an, schickte mehrere Entschuldigungsnachrichten, ging freiwillig in eine Klinik und versuchte schließlich, sich das Leben zu nehmen. Er sei mit blutigen Handgelenken beim Opfer aufgetaucht, später in eine andere Umgebung gezogen, um sich fern von ihr zu halten.

Bis heute leidet M. unter der Tat, „die er sich nicht verzeihen kann“. Für die Frau sei der Vorfall ebenfalls nicht verarbeitet, betont Dreisbach. Die ohnehin schon vorhandene Angststörung sei noch schlimmer geworden. Sie könne nicht mehr allein leben, sei zu ihren Eltern zurückgezogen.

Landgericht Siegen behält sich mögliche Sozialstunden vor

All das trägt zum sehr milden Urteil der Kammer bei, wobei sich die Richter noch mögliche Sozialstunden während der Bewährungszeit vorbehält. Ein solches Tatnachverhalten sei sehr ungewöhnlich, betont die Vorsitzende, die ihre Erläuterungen sehr behutsam der Ebene des Angeklagten anpasst. Kaum ein Täter gehe selbst zur Polizei.

„Ich stehe zu meinen Fehlern“, versichert der Angeklagte und bekommt von Elfriede Dreisbach noch einen guten Rat mit auf den Weg: „Suchen Sie sich für die Zukunft eine Freundin, die besser zu Ihnen passt. Nicht eine, die ein bisschen böse zu Ihnen ist!“

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