Lokalgeschichte(n)

Erinnerungen an die Kindheit im alten Velbert aufgeschrieben

Friedhelm Kopshoff (li.) hat ihnen sein Büchlein zugeschickt. Und Inge Leuchtenmüller und Friedhelm Klapdor haben sich jetzt zum ersten Mal nach 80 Jahre ausführlich wiedergesehen und ausgetauscht.

Friedhelm Kopshoff (li.) hat ihnen sein Büchlein zugeschickt. Und Inge Leuchtenmüller und Friedhelm Klapdor haben sich jetzt zum ersten Mal nach 80 Jahre ausführlich wiedergesehen und ausgetauscht.

Foto: Alexandra Roth / FUNKE Foto Services

Velbert-Mitte.  Drei Blagen der 1930er Jahren sind jetzt wieder zusammengekommen. Sie haben gemeinsam „Eine Kindheit im alten Velbert“ erlebt.

Irgendwie gab’s damals noch richtig knackige Winter mit dick Schnee. „Da sind wir die Poststraße mit den Schlitten runtergefahren“, erzählt Friedhelm Klapdor. „Nee“, fällt ihm Inge Leuchtenmüller – ebenfalls 89 – ins Wort, „die Parkstraße war viel besser, die ist steiler.“ Das Büchlein von Friedhelm Kopshoff „Eine Kindheit im alten Velbert“ hat sie, die Blagen aus dem vergangenen Jahrhundert, wieder zusammengebracht. Und schon wird kräftig in Erinnerungen geschwelgt, packen sie die mitgebrachten Fotos auf den Tisch: „Guck mal, bist du dabei?“

Bötterkes und Klümpkesbude

Abends wurde auf der Straße Völkerball gespielt. Für fix auf der Straße aufgekehrte Padsköttel steckte der Opa, dankbar für solch guten Gartendünger, ein paar Pfennige in die Spardose. Für den Weg zum Kindergarten bekamen die Kurzen ein Ledertäschchen für die Bötterkes um den Hals gehängt. Was alle unwiderstehlich anzog, war die legendäre Klümpkesbude, aber auch die Vogelwarte im Herminghauspark mit den Störchen, denen sie ja schließlich ihr Dasein zu verdanken hatten. Und natürlich wurde Fußball gepöhlt. Eine anständige Schulklasse hatte ihre Klassenmannschaft; zu den Idolen gehörten Sportler wie Ernst Kuzorra oder Ötte Tibulski.

Kreativ und voller eigener Ideen

„Wir waren noch kreativ, wir hatten kein Smartphone und mussten uns selbst was einfallen lassen“, sagt Friedhelm Kopshoff, „aber wir waren von so etwas eben auch nicht abgelenkt.“ Der Velberter Junge – mittlerweile lebt er in Düsseldorf – hat vorletzten Januar den 90. Geburtstag in seiner Vaderstadt gefeiert, wo sein Elternhaus in der Hochstraße (heute Dürerstraße) war, und zu diesem Anlass eigene Erinnerungen lebendig werden lassen. Das müsse er unbedingt aufschreiben, fand Dr. Jutta Scheidsteger, Vorsitzende der hiesigen Abteilung des Bergischen Geschichtsvereins. Gesagt, getan: Das Ergebnis floss in die Historischen Beiträge ein. Nunmehr hat der Autor einige Sonderdrucke anfertigen lassen und diese handverlesen verschenkt und verschickt.

Sehr treffend beschrieben

Dabei bedachte er auch seine Mitschüler Friedhelm und Inge, mit denen er an die drei Jahre in der Volksschule Schulstraße zusammen war und jetzt zu einem Termin gemeinsam mit der WAZ im Café Langensiepen zusammentraf. Er findet das Büchlein „toll“ und „sehr treffend beschrieben“, sie lobt es als „sehr schön“. Inge Leuchtenmüller wohnt „schon immer an der Friedrich-Ebert-Straße, ich bin da nie ausgezogen.“ Und war mit ihrer Zwillingsschwester Ursula in einer Klasse.

Kein Mangel an Spielkameraden

Das waren immerhin „an die 50 Kinder“, berichtet Friedhelm Klapdor. Er wohnte in der Friedrichstraße 162, war aber auch häufig bei der Oma in der Poststraße, von der er Platt lernte. Der Vater hatte ein Lebensmittelgeschäft, der Onkel eine Metzgerei. Auch seine Erinnerungen sind noch höchst lebendig und farbig, auch in lukullischer Hinsicht: „Der Funke hatte die besten eingelegten Heringe.“

Velbert war überschaubar, zählte gerade mal 30.000 Einwohner. „Die Zahl der Autos war gering, die der Kinder dagegen so groß, dass an Spielkameraden kein Mangel herrschte“, heißt es im Vorwort. Lehrer seien Respektpersonen, Sonntagsausflüge noch mit besonderer Kleidung verbunden und Reisen in größere Nachbarstädte eher selten gewesen.

Riesenandrang am Arbeitsamt

Das Büchlein verklärt und beschönigt allerdings auch nichts. Dafür ist der Verfasser zu sehr ein ernsthafter und kritischer (Lokal)-Historiker. Folglich gibt’s auch den Passus, der schildert, wie der Hof in der Kaiserstraße – damals Arbeitsamt, heute Musik- und Kunstschule – schwarz vor Menschen war. Velbert hatte 1932 5000 Arbeitslose. Und Kopshoff schildert ausführlich, was er als Neunjähriger am Tag nach der Pogromnacht empfand und wie die Nazi-Zeit zum Beispiel Folgen bis tief in die eigene Familie hatte.

Aus heutiger Sicht würden die drei alt gewordenen und doch irgendwie jung gebliebenen Blagen der 1930er Jahre durch die Bank gerne noch einmal Kindheit in Velbert erleben. Das bejahen die beiden Friedhelms und die Inge sofort. „Unter damaligen Bedingungen jederzeit nochmal. Meine Kindheit war so abwechslungsreich.“

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