Interview

Sozialarbeiter: „Cybermobbing und Pornos sind Schulalltag“

Spätestens mit dem Wechsel zur weiterführenden Schule bekommen viele Kinder ein Smartphone. Schul-Sozialarbeiter Lars Jonetat hält das für einen Fehler – vor allem dann, wenn die Kinder damit allein gelassen werden.

Spätestens mit dem Wechsel zur weiterführenden Schule bekommen viele Kinder ein Smartphone. Schul-Sozialarbeiter Lars Jonetat hält das für einen Fehler – vor allem dann, wenn die Kinder damit allein gelassen werden.

Foto: Martin Schutt / picture alliance/dpa (Archiv)

Velbert.  Schon Fünftklässler sehen Pornografie und sexualisierte Gewalt auf dem Smartphone, warnt Schulsozialarbeiter Lars Jonetat. Was er Eltern rät.

Die jüngsten Vorfälle in Mülheim und Herne schockieren: Weil die mutmaßlichen Täter so jung sind und die Übergriffe ein Verhältnis zu Sexualität offenbaren, das allein durch Machtdemonstration und Gewalt getrieben ist. Eine Entwicklung, die auch Schulsozialarbeiter Lars Jonetat beobachtet. Seit elf Jahren betreut er die Realschule Kastanienallee in Velbert, hat sich vor drei Jahren zum Thema Medienkompetenz weitergebildet. Mit Elternabenden, Aufklärungskampagnen und Schwerpunkten im Unterricht versucht die Schule gegenzusteuern. Das allein sei aber noch nicht genug, appelliert der 42-Jährige im Interview.

Welche Rolle könnte der Konsum pornografischer Inhalte bei den jüngsten Gewaltvorfällen gespielt haben?

Lars Jonetat: Das vermag ich nicht zu beurteilen. Was ich aus unserem Schulalltag berichten kann, ist, dass schon in der fünften Klasse 60 bis 70 Prozent der Kinder über ihr Smartphone mit pornografischen Inhalten in Berührung gekommen sind, auch mit Hardcore-Videos. Das gesamte Thema Cybermobbing und Pornografie bestimmt mittlerweile zu einem Großteil meinen Beruf und gehört zum Schulalltag. Problematisch ist, dass viele Kinder das, was sie da sehen, für die Realität halten und mitunter auch nachmachen. Das beobachten wir verstärkt ab der neunten Klasse: Wurden früher „nur“ Nacktbilder verschickt, so kursieren mittlerweile selbst gedrehte Filme der Schülerinnen und Schüler, die explizite sexuelle Handlungen zeigen. Wenig später hat diese Videos dann die halbe Schule gesehen.

Wie gehen Sie mit solchen Vorfällen um?

Jonetat: Je nach Inhalten, von denen wir Wind bekommen, schalten wir die Polizei ein. So ist es in der Vergangenheit auch vorgekommen, dass in diversen WhatsApp-Gruppen kinderpornografische Bilder und Videos verschickt wurden. Das bringen wir sofort zur Anzeige. Ein Schüler musste neulich Sozialstunden ableisten, weil er das Video eines Kindes geteilt hatte, das nackt tanzt. Er war sich keiner Schuld bewusst. Wir versuchen, unsere Schüler stärker zu sensibilisieren. Noch wichtiger aber ist es, die Eltern einzubinden und ihnen deutlich zu machen, dass das Handy kein Spielzeug ist.

Wie kann es sein, dass Pornografie mittlerweile einen so großen Raum im Schulalltag einnimmt?

Jonetat: Speziell in der Pubertät ist die Neugier bei Themen rund um die Sexualität schon immer groß gewesen, das ist ja kein neues Phänomen. Nur waren die Inhalte noch nie so leicht und schnell verfügbar wie heute, es gibt quasi kein Entrinnen. Bedenklich finde ich auch die sinkende Schamgrenze: Einem Schüler war es neulich nicht einmal peinlich, das viele Mitschüler ein Bild von seinem Penis gesehen hatten: Er war im Gegenteil sogar stolz darauf. Sein Vater wäre hingegen am liebsten im Boden versunken. Bei dieser Entwicklung müssen wir gesellschaftlich gegensteuern.

Was können Eltern denn überhaupt tun, um Kinder vor jugendgefährdenden Inhalten zu schützen?

Jonetat: Alle Kinder, die in der fünften Klasse zu uns kommen, haben ein Handy. Spätestens mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule ist mittlerweile ein Automatismus bei Eltern eingetreten, ihrem Kind ein Handy zu schenken – wenn es nicht schon früher eins hatte. Das halte ich vor allem dann für einen Fehler, wenn die Kinder mit dem Gerät allein gelassen werden. Medienkompetenz zu vermitteln sollte für Eltern genauso selbstverständlich wie Verkehrserziehung sein. Dabei kann man einige einfache Tipps beachten: Keine Datenflatrate etwa. An vielen Rootern lässt sich mit ein paar Klicks der Jugendschutz einschalten: Pornografische Inhalte können dann gar nicht aus dem heimischen W-LAN abgerufen werden. Außerdem sollten Eltern das Smartphone täglich kontrollieren. Mitunter sagen mir Eltern, dass sie nicht einmal den PIN-Code ihres Kindes kennen – so etwas darf nicht sein. Ein „No-Go“ ist auch das Handy am Kinderbett: Unsere Erfahrung zeigt, dass vor allem Abends die Gruppenchats explodieren.

Ab wann können denn Kinder aus Ihrer Sicht mit einem Smartphone umgehen?

Jonetat: Das lässt sich pauschal nicht auf ein Alter eingrenzen aber sagen wir so: Es gibt gute Gründe, warum Messaging-Dienste wie etwa WhatsApp erst ab 16 Jahren erlaubt sind. Dennoch habe ich Eltern erlebt, die schon zehnjährigen Kindern die App ganz selbstverständlich installiert haben. Ähnlich verhält es sich mit sozialen Netzwerken wie Facebook. Dabei will ich Handys mitsamt ihrer Möglichkeiten nicht verteufeln, im Gegenteil: Smartphones sind super, aber nur dann, wenn der Umgang damit begleitet wird und Minderjährige gewisse Regeln lernen. Ich persönlich finde es viel zu früh, schon Zehnjährigen ein Smartphone in die Hand zu drücken.

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