Kriminalität

Velbert: Als Kind entführt, leidet Melanie noch heute

Melanie war auf dem Weg zum Spielplatz, als sie ihren Entführer traf.

Melanie war auf dem Weg zum Spielplatz, als sie ihren Entführer traf.

Foto: Marius Becker / dpa

Velbert.  Im Alter von sechs Jahren wurde die Velberterin missbraucht. Niemand half dem Mädchen das Verbrechen zu verarbeiten, darüber wurde sie krank.

Das Verbrechen liegt bereits fast 30 Jahre zurück, doch es bestimmt noch immer den Alltag von Melanie (35). Und als vor kurzem das Urteil gegen den Entführer des Jungen aus Langenberg gesprochen wurde, da kehrten die grausamen Bilder zurück. Im Alter von sechs Jahren ist Melanie entführt und missbraucht worden. Mit Folgen für das ganze Leben, wie die Velberterin der WAZ berichtet.

Der Mann zerrte sie ins Auto

Damals wohnte Melanie mit ihrer Familie in einer Stadt am Niederrhein. Ihre Mutter ging mit fünf ihrer Geschwister auf einen Hinterhof in der Nachbarschaft zum spielen. Melanie wollte lieber auf den Spielplatz ganz in der Nähe, die Mutter erlaubte es schließlich. „Da hielt plötzlich ein Auto und der Fahrer sprach mich an. Ich zögerte, schließlich zerrte er mich ins Auto“, berichtet Melanie, der das Reden darüber immer noch schwer fällt. Der Mann fuhr mit ihr durch die Stadt, wohin genau, weiß Melanie nicht. Nur, dass es an ihrer Schule vorbeiging. Der Mann muss sich gut in der Gegend ausgekannt haben, denn er steuert einen abgelegenen Parkplatz an. Dort vergeht er sich an dem Kind, mehr möchte Melanie darüber nicht erzählen.

Der Entführer lässt Melanie allein im Wald zurück

Dann fährt der Mann mit ihr in einen Wald, lässt sie nach einer Weile frei. „Ich glaube, er hat geplant mich zu töten“, sagt Melanie heute und fügt hinzu: „Manchmal wünsche ich, er hätte es getan.“ Warum der Täter sie verschont hat, weiß Melanie nicht. Er zeigt ihr den Weg, sie kommt schließlich an eine Landstraße. Das kleine Mädchen setzt sich an den Straßenrand. Das erste Auto fährt einfach weiter. Darin saß ein älteres Ehepaar, erinnert sich Melanie.

Ein weiteres Ehepaar hält schließlich an, merkt, dass mit dem Kind etwas nicht stimmt. Sie fahren mit Melanie zu einer Bekannten. Von dort ruft Melanie ihre Mutter an, die ihre Tochter mittlerweile schon gesucht hatte. Dann wurde die Polizei informiert. An die nächsten Stunden hat Melanie keine guten Erinnerungen. Sie wurde im Krankenhaus gynäkologisch untersucht und musste sich hunderte Fotos von Verdächtigen anschauen.

Psychologische Hilfe bekam das Kind nicht

„Mehr als zwei Jahre lang konnte ich über das Geschehene nicht sprechen, als ich dann darüber reden wollte, hörte mir in der Familie niemand mehr zu“, erinnert sich Melanie. Auch psychologische Hilfe bekam das Kind nicht. „Meine Mutter sagte später, eine Polizeipsychologin habe ihr gesagt, ich sei noch so jung und werde das Verbrechen vergessen.“ Die Familie zog schließlich um, doch vergessen konnte Melanie nie.

Immer wieder musste die junge Frau in psychiatrischen Krankenhäusern behandelt werden, dreimal versuchte Melanie sich das Leben zu nehmen. Es dauerte Jahre bis die richtigen Diagnosen gestellt wurden und eine gezielte Behandlung einsetzen konnte. Es wurden eine Posttraumatische Belastungsstörung, ein Borderline-Syndrom und Depressionen diagnostiziert.

„Redet mit den Kindern. Helft ihnen!“

Seitdem geht es mit Melanie bergauf, zumal die heutige Mitdreißigerin vor einigen Jahren ihre jetzige Partnerin kennengelernt hat. Aber die Bilder von damals auf dem Schulhof kehren immer wieder zurück, sie muss Medikamente nehmen, um den Alltag zu bewältigen und in den Nächten Schlaf zu finden.

Aber jetzt kann sie endlich auf über das, was ihr der Verbrecher angetan hat, reden. Und sie richtet einen eindringlichen Appell an Eltern und alle ihre Mitmenschen: „Helft den betroffenen Kindern, redet mit ihnen, bringt sie zu Psychologen. Und schickt sie nicht einfach weg, so wie es mir passiert ist“.

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