Reviergeschichte

Ein rundes Jahrhundert dem Taubensport in Wattenscheid treu

Gründer beim Gold-Jubiläum 1969: (v.l.) vorn Paul Kleine (Schwarzer Vogel), Josef Nikowski (Konkurrenzlos), Bernhard Ruth (Konkurrenzlos), Franz Stahl (Unser Stolz) hinten Peter Peren (Einigkeit), Heinrich Dietrich (Alter Stamm), Fritz Midderhoff (Biltzpost), Hermann Obermüller (Rakete), Johann Gulaschewski (Edeltaube)

Gründer beim Gold-Jubiläum 1969: (v.l.) vorn Paul Kleine (Schwarzer Vogel), Josef Nikowski (Konkurrenzlos), Bernhard Ruth (Konkurrenzlos), Franz Stahl (Unser Stolz) hinten Peter Peren (Einigkeit), Heinrich Dietrich (Alter Stamm), Fritz Midderhoff (Biltzpost), Hermann Obermüller (Rakete), Johann Gulaschewski (Edeltaube)

Foto: Jörg Paßmann / Chronik

Wattenscheid-Mitte.  Stattliche Chronik der Reisevereinigung Wattenscheid entstand zum 100jährigen Bestehen. Den Krieg überstanden die Taubenuhren im Zechenstollen.

Einst waren sie sogar im Einsatz für den Kaiser. Aus dem Ruhrpott kaum wegzudenken, blickt das „Rennpferd des Bergmanns“ zurück auf eine lange Historie. Der Brieftaubensport brachte die Menschen zusammen, ließ Freundschaften und Vereine entstehen und bestimmte große Teile der Freizeit. So auch in der Alten Freiheit. Hier feiert die Reisevereinigung (RV) Wattenscheid nun ein besonderes Jubiläum: am 9. November wird sie 100 Jahre alt.

Noch immer steigen die Tauben auf, gehen auf Preisflüge und legen hunderte Kilometer zurück. Die Hochzeiten aber sind fraglos vorbei. Damit der frühere Glanz und das Wissen um ein langsam verschwindendes Kulturgut des Ruhrgebiets erhalten bleiben, legen das Vater-und Sohn-Gespann Horst und Jörg Paßmann eine beeindruckende Chronik vor.

Auf 900 Seiten haben sie der „Geschichte des Wattenscheider Brieftaubensports“ ein Denkmal sondergleichen gesetzt. „Mein Vater hat immer alles gesammelt – Preislisten, Reisepläne, Urkunden, Fotos, alte WAZ-Artikel – und gesagt: Irgendwann müsste man mal ein Buch daraus machen“, berichtet Sohn Jörg Paßmann.

600 Seiten schon in sieben Jahren

Sieben Jahre lang haben beide alles zusammengetragen, am Ende stand ein 600 Seiten starkes Buch. Stark? Vater Horst sah es anders: „Da fehlt noch zu viel, wir sind noch lange nicht fertig.“Also ging der Züchter noch einmal auf die Reise, besuchte Gleichgesinnte, sammelte Pokale und Medaillen. Zehn Jahre nach Buch-Beginn liegt die Chronik nun in ganzer Stärke vor. Elf Exemplare habe man drucken lassen.

Sogar bis nach Harvard

Jörg Paßmann: „Zwei davon liegen in der Deutschen Nationalbibliothek, je eins in Leipzig und in Frankfurt.“ Und auch der Flug über den großen Teich ist geglückt. Ein Stück Ruhrgebiets-Kultur steht in der US-amerikanischen Harvard-Universität.

Das geht zurück auf den „genetisch bedingten Taubenvirus“ im Stammbaum der Paßmanns. „Mein Vater hat mit 14 Jahren seine ersten Tauben bekommen, beide Großväter waren aktiv, auch ein Ur-Ur-Großvater und meine Onkel.“ Einer von ihnen wanderte nach Ohio (USA) aus, Paßmanns besuchten die Nachfahren mehrfach und pflegten Kontakt mit einem Züchter vor Ort.

Die erste Taube landete 1879 sogar in der Zeitung

Wer dem Brieftaubensport geneigt ist, dem offenbart Paßmanns Chronik eine wahre Fundgrube. Selbst einen Artikel aus der Wattenscheider Zeitung aus dem Jahr 1879 haben Vater und Sohn mit der Hilfe von Stadtarchivar Andreas Halwer auftreiben können – damals landete die erste Brieftaube aus Belgien kommend in der Nähe des Alten Marktes. Eine Sensation.

Der erste Taubenverein wurde in Wattenscheid 1884 gegründet, 1904 kam die Idee auf, sich zu einer eigenen Reisevereinigung zusammenzuschließen. Züchter, die zuvor noch Gelsenkirchen und Bochum angeschlossen waren, traten bei. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges geriet die erste RV jedoch in Vergessenheit und „Tauben wanderten in Kochtöpfe“ – wenn sie nicht im Dienste des Kaisers Botschaften transportierten, wie Jörg Paßmann berichtet. Erst ein Jahr nach Kriegsende wurde die Reisevereinigung wiederbelebt. 1919, genau vor 100 Jahren.

In der Spitzenzeit über 1100 Taubenväter

Welchen Einfluss der Sport auf die Bürgerschaft hatte, zeigen Zahlen aus den 1950er: „In der Spitzenzeit zählte man 1100 Mitglieder“. Aufgenommen wurde nur noch, wer in einem Fünf-Kilometer-Radius um die Friedenskirche herum wohnte. Heute sind nur noch unter 100 Mitglieder in der RV, davon 30 aktiv. Von einem Nachwuchsproblem zu sprechen, wäre untertrieben. Es gibt eigentlich keinen. Auch Jörg Paßmann ist zwar Mitglied, hat selbst aber keine Tauben mehr.

Drum soll die Chronik und auch die Feier am 9. November die lange Tradition lebendig halten. So

überliefern Paßmanns unter anderem die Geschichte von Fritz Midderhoff. Der Bergmann trug während der Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg die teuren Uhren zusammen, mit denen die Flugzeiten gemessen wurden und versteckte sie zusammen mit einer Rechenwalze in einem Stollen der Zeche Holland. „Sie blieben unversehrt und waren das Fundament, nach Kriegsende den Reisesport wieder aufzunehmen“, würdigt Jörg Paßmann den Einsatz

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