Theater

Hildegard von Bingen in Wesel gekonnt in Szene gesetzt

Minimalistisches Bühnenbild, starke Aufführung: „Hildegard von Bingen. Die Visionärin“ von Susanne Felicitas Wolf.

Minimalistisches Bühnenbild, starke Aufführung: „Hildegard von Bingen. Die Visionärin“ von Susanne Felicitas Wolf.

Foto: Arnulf Stoffel / FFS

Wesel.  Die Frau war vieles – Dichterin, Kirchenlehrerin, Komponistin, Heilerin und mehr. Ihre Geschichte wurde im Bühnenhaus meisterhaft aufgeführt.

Fast jeder hat irgendwann von Hildegard von Bingen gehört. Rezepte für gesunde Ernährung werden der Nonne aus dem 12. Jahrhunderts ebenso zugeschrieben wie für Naturkosmetik. Dass die Benediktinerin aber die wohl erste weibliche Universalgelehrte war, ist weniger bekannt. „Hildegard von Bingen. Die Visionärin“ nennt Autorin Susanne Felicitas Wolf ihr biografisches Stück über die Frau, die als Kirchenlehrerin, Dichterin, Komponistin, Naturforscherin und Heilerin wirkte.

Wolf schrieb es eigens für das Münchner Ensemble Theaterlust, das am Freitag zum ersten Mal in Wesel gastierte. Und es war ganz großes Theater, was Regisseur Thomas Luft und seine durchweg exzellente Truppe im Bühnenhaus vorführten. Da stimmte alles.

Durchscheinende Paravents auf Rollen

Luft hat die Präsentation minimalistisch angelegt: Die Schauspieler waren in einfache graue Gewänder gehüllt, nur Hildegard, die Lichtgestalt, trug schlichtes Weiß. Das Bühnenbild bestand aus beweglichen, durchscheinenden Paravents auf Rollen, die meist als Klostermauern von der Außenwelt abschirmten.

Dahinter zogen dann wiederholt Hildegards Kritiker auf – verschwommen sichtbar und mit leisen, eindringlichen Stimmen, gleich dem Chor des griechischen Dramas. Denn Kritiker hatte sie nicht wenige, wenn sie dagegen rebellierte, dass Männer Frauen wie Besitz behandelten oder für die Nonnenklöster forderte, ihre Führung selbst zu bestimmen. Auch, dass sie als Frau predigte, stieß auf heftigen Widerstand. Anja Klawun verkörperte sie wunderbar als einfühlsame, liebevolle und weltoffene Frau, die trotz labiler Gesundheit eine enorme Kraft ausstrahlte.

Einen besonderen Reiz der Aufführung machte die Musik aus. Am Bühnenrand hatte sich die Sängerin Manuela Rzytki postiert. Sie sorgte für Gänsehaut, wenn sie stimmgewaltig Hildegard von Bingens Kompositionen interpretierte, die der Gregorianik zuzurechnen sind. Begleitet wurde Rzytki von Cornelia Melián und ihrem Masterkeyboard.

Mal sanfte, mal bedrohliche Klänge

Melián oblag die musikalische Leitung, und sie untermalte fast das gesamte Stück mit mal kaum spürbar sanften und mal bedrohlich heftigen Klängen. Die Visionen Hildegard von Bingens, die sich vor allem um den Glauben rankten, ließ Regisseur Thomas Luft sehr geschickt von der Videokünstlerin Manuela Hartel umsetzen.

Die mobilen Paravents boten die Leinwand. Die Inszenierung machte deutlich, dass die weise Nonne aus dem 12. Jahrhundert auch heute noch viel zu sagen hat.

So ging es der ersten ganzheitlichen Denkerin der Welt nicht nur um die Gleichstellung der Frau in Kirche und Gesellschaft, sondern auch um den Erhalt der Schöpfung und ein Leben im Einklang mit der Natur: „Alles hängt mit allem zusammen“, lautete einer ihrer Lehrsätze. Noch eine Botschaft Hildegards, so Thomas Luft in seiner Einführung zum Stück, erschien ihm besonders aktuell – ihr Aufruf zu Mäßigung.

Hildegard von Bingen wurde 1098 bei Alzey geboren. Der Vater schickte sie mit acht Jahren ins Kloster. 1112 kam sie in das Benediktinerkloster Disibodenberg. Später gründete sie das Kloster Rupertsberg bei Bingen, wo sie auch 1179 verstarb.

Sie schrieb bedeutende theologische Werke. 100 Jahre nach ihrem Tod wurden natur- und heilkundliche Werke schriftlich fixiert, die wohl auf sie zurückgehen. Es sind Briefwechsel mit einflussreichen Persönlichkeiten ihrer Zeit erhalten, liturgische Gesänge und weitere Musikstücke.

Papst Benedikt XVI. sprach Hildegard 2012 heilig und erhob sie zur Kirchenlehrerin. Der Reliquienschrein befindet sich in der Pfarrkirche von Rüdesheim-Eibingen. Das Leben Hildegards wurde 2008 von Margarethe von Trotta verfilmt, zehn Jahre zuvor brachte Nadja Reichhardt ein Ein-Personen-Stück über sie auf die Bühne. 2010 entstand ein Theaterstück von Rüdiger Heins, das auf ihren Texten fußte.

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