Zwangsarbeit

In Hamminkeln fand eine Weißrussin Spuren ihres Großvaters

Viktoria Kyrychenko, Gerd Lammers, Magre Sühling, Richard Sühling, Iryna Kashinskaya, Heinz Wolberg, Vladimir Dyurbeyko und Hermann Ostendarp, von links, vor dem Heimathaus in Dingden.

Viktoria Kyrychenko, Gerd Lammers, Magre Sühling, Richard Sühling, Iryna Kashinskaya, Heinz Wolberg, Vladimir Dyurbeyko und Hermann Ostendarp, von links, vor dem Heimathaus in Dingden.

Foto: Erwin Pottgiesser / FUNKE Foto Services

Hamminkeln.  Josip Antonovich Kashinsky war 1943 in den Niederlanden festgenommen und als Zwangsarbeiter deportiert worden. Eine Spur führt nach Hamminkeln.

Hochemotional ging es jetzt im Dingdener Heimathaus zu, denn der Heimatverein hatte ganz besonderen Besuch. Iryna Kashynskaya und ihr Begleiter Vladimir Dyubeyka aus Minsk/Weißrussland waren gekommen, um auf Spurensuche zu gehen. Spuren, die sie schließlich zu einem Grab in Maria Venn führten. Dort liegt ihr Großvater, Josip Antonovich Kashinsky, begraben. Und dessen Geschichte zu erforschen, zu sehen, wo er in den letzten Jahre vor seinem gewaltsamen Tod lebte, ist das Vermächtnis, das ihr Vater Iryna vor seinem Tod mit auf den Weg gegeben hat.

Bei der Begrüßung durch den Vorsitzenden des Heimatvereins, Heinz Wolberg, fließen bei der Weißrussin die Tränen. Denn sie sitzt jetzt in der guten Stube des Heimathauses inmitten von Dingden, wo ihr Großvater im Jahr 1934 einige Tage als Deportierter lebte. Dort, wo jetzt alles so liebevoll hergerichtet ist, war früher der Stall der jüdischen Familie Humberg, die als letzte Juden in Dingden lebten, bevor sie flohen. Auch hier brachte die Wehrmacht als Durchgangsstation Deportierte und Kriegsgefangene unter, bevor sie als Landarbeiter auf die Höfe der Region verteilt wurden.

Zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert

Dieses Schicksal teilte Josip Antonovich Kashinsky. Er, der verheiratete Familienvater von drei Söhnen aus Minsk, war 1943 von der deutschen Militärverwaltung in den Niederlanden festgenommen und zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert worden. Nach einem kurzen Aufenthalt in Dingden wurde er dem Bauernhof Honsel in Rhede-Büngern zugewiesen, wo er als Landarbeiter registriert war.

Hier hatte er am 2. Februar 1945 den Auftrag, mit einem Traktor und zwei Anhängern eine Ladung Kohlen vom Bahnhof Marbeck-Heiden zu holen, als er auf der Höhe des heutigen Bauernhofes Bölker in Raesfeld von alliierten Jagdbombern beschossen wurde und starb. Heute liegen seine Gebeine auf dem Friedhof von Maria Venn in Reken.

Der Vater wollte das Schicksal aufgeklärt haben

Ihr Vater sei der jüngste Sohn von Josip Antonovich gewesen, erzählt Iryna Kashynskaya. 1941 geboren, habe er seinen Vater nie kennengelernt. Das hab ihn immer beschäftigt, er habe oft davon geträumt, das Schicksal seines Vaters zu kennen, zu wissen, wie und wo er in den Kriegsjahren gelebt habe. Doch es sei bei dem Traum geblieben und sie habe ihrem Vater vor dessen Tod versprechen müssen, nachzuforschen was aus Josip geworden sei. Das hat sie mithilfe von Vladimir Duyrberyko getan, Kontakt aufgenommen mit den Kommunen, den Heimatvereinen und Stück für Stück das Leben ihres Großvaters in Deutschland nachvollzogen.

Und nun ist sie persönlich vor Ort, besucht das Grab, den alten Stall, der jetzt die Heimatstube ist, die Straße, auf der ihr Großvater gestorben ist, den Bauernhof auf dem er gearbeitet hat. „Es ist eine emotionale Angelegenheit“, lässt sie übersetzen. Aber auch eine schöne. Am Freitag, 6. Dezember, geht es zurück nach Minsk. Dort will sie den Ur-Enkeln von Josip, ihrem Ahnen erzählen. Damit sein Schicksal nicht dem Vergessen anheim fällt.

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