Zweiter Weltkrieg

Weseler Bombardierung - Zeitzeuge: „Es ist wie gestern“

Die Trümmer der Stadt Wesel nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg.

Die Trümmer der Stadt Wesel nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg.

Foto: Hilde Löhr / Stadtarchiv Wesel

Wesel.  Willi Kleinpaß erlebte die Bombenangriffe im Februar 1945 als Jugendlicher. Er war auf der Straße unterwegs, als die Flugzeuge kamen.

Die Erinnerung ist bei Willi Kleinpaß frisch geblieben. Immer im Februar und besonders jetzt, genau 75 Jahre nach den Bombenangriffen. Der 16. Februar hat sich im Kopf des heute fast 92-Jährigen festgesetzt: Der blaue Himmel, das Brummen der Flugzeuge, die hochschlagenden Flammen, die Toten auf der Reeser Landstraße. „Das ist wie gestern“, erzählt der Weseler.

Bilder, die ihn nie losgelassen haben. An diesem Tag war der damals 17-Jährige mittags mit dem Fahrrad auf dem Weg von seinem Elternhaus an der Hamminkelner Landstraße zu seinem Lehrbetrieb, der Spedition Niederrhein am Hafen. In Höhe der Bahnschienen nahe der Delogstraße hörte er das Brummen der Flugzeuge, es waren wohl einige hundert. Die Flugzeuge kamen plötzlich – es hatte keinen Vollalarm gegeben, schildert er.

Die Mathenakirche brannte

Willi Kleinpaß drückte sich an eine Hausmauer. Er blickte in Richtung Aue. „Ich konnte sehen, wie die Bomber ihre Fracht herunterschmissen. Die Aufschläge kamen immer näher.“ Flammen schlugen hoch, 20 Meter neben ihm wurde sein Fahrrad zerstört. Er blieb unverletzt. Als es vorbei war, sah Willi Kleinpaß die Toten auf der Straße liegen, zerstückelt. „Die sind in den Bombenteppich geraten“.

Zu Fuß ging er zu seinem Elternhaus, das zum Glück nicht getroffen war. Mutter und Großvater hatten überlebt. Doch als er in der Stadt Verwandte besuchen wollte, sah er das Ausmaß der Zerstörung. Die Mathenakirche – dort steht heute der Kaufhof – brannte. „Ich sah, wie der Turm zusammenfiel“.

Überleben im Keller des Elternhauses

Nach dem 16. Februar folgten weitere heftige Angriffe am 18. und 19. Februar, erinnert er sich. Die überstand er im Keller des Elternhauses am heutigen Marktplatz in der Feldmark, wo die Eltern ein Textilwarengeschäft führten. „Nach den Angriffen war alles umgepflügt. Es war fürchterlich“. Die Menschen holten ihre Habseligkeiten aus den Trümmern und zogen aus der Stadt, um irgendwo unterzukommen.

Gut kann Willi Kleinpaß sich noch an einen Tag im März erinnern. Da waren schon kanadische Soldaten an der Hamminkelner Landstraße. Ein großer Fahrzeug-Konvoi kam vorbei, die Heeresleitung, sagten ihm die Soldaten. Er glaubt, dass Churchill in einem der Fahrzeuge saß.

Schokolade von den Soldaten

Die Soldaten, sagt er, waren keine Gefahr für die Einwohner. Sie durchsuchten die Häuser, „wir gaben ihnen Geschirr und Messer“. Zelte waren auf der Wiese aufgeschlagen. „Sie gaben mir Schokolade“. Doch vor den befreiten Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen fürchteten sich die Menschen. „Die plünderten und mordeten“.

Die Nachbarn halfen sich nach dem Krieg gegenseitig, erzählt er, hielten zusammen, um Dächer und Fenster zu reparieren, teilten sich Milch oder Speck, den sie von Bauern bekommen hatten. Diese Bilder, sagt Willi Kleinpaß, haben ihn sein Leben lang begleitet. Wenn er auf einer Beerdigung einen Toten im Sarg sah, hatte er die Opfer der Angriffe vor Augen. „Noch heute sehe ich die Bomben fallen“. Seine Erlebnisse zu erzählen, ist ihm wichtig. Es gibt immer weniger Menschen, die das können.

Passend zu den Gedenktagen rund um die Geschehnisse vor 75 Jahren an diesem Wochenende hat das Stadtarchiv eine DVD mit beeindruckenden Filmaufnahmen herausgegeben.

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