Historie

Nazi-Gräuel: 18 weitere Stolpersteine werden Witten verlegt

Die Kinder Alfred Felix Katz und Liesel Katz bei ihrer Einschulung um 1930. Später durften sie keine „deutsche“ und damit keine öffentlichen Schulen mehr in Witten besuchen.

Die Kinder Alfred Felix Katz und Liesel Katz bei ihrer Einschulung um 1930. Später durften sie keine „deutsche“ und damit keine öffentlichen Schulen mehr in Witten besuchen.

Foto: Foto: Lindemann

Witten.  Die Geschichten hinter den Stolpersteinen: Das sind die Wittener, die von den NS-Schergen vertrieben, gefoltert, deportiert und ermordet wurden.

70.000 Stolpersteine in vielen Ländern Europas erinnern an die Verbrechen des Nazi-Regimes, 90 davon liegen schon in Witten. Es sollen aber mehr als 100 werden. Am Dienstag greift der Künstler Gunter Demnig wieder selbst zur Kelle und wird zu 18 weitere Messingplatten in Herbede und der Innenstadt in die Straße verlegen. Das sind die Geschichten der Menschen, die von den NS-Schergen vertrieben, ermordet, deportiert und gefoltert wurden.

Familie Rosenberg/Grünebaum: Gerberstraße 1

Die drei Geschwister Selma, Mathilde Adele Grünebaum und Alma Grünebaum sind gemeinsam in Herbede geboren worden. Selma Grünebaum heiratete den aus Dorstfeld stammenden Händler Siegfried Rosenberg, der das Geschäft ihrer Eltern übernahm. Weil ihr Ehemann Jude war, musste er im Zuge der rassistischen Entrechtungs- und Verdrängungspolitik der Nazis seinen Handel einstellen, ihren Besitz verkaufen und Herbede verlassen. Die SS deportierte das Ehepaar am 27. Januar 1942 in das Ghetto von Riga. Zwei Jahre später verschleppte die SS Selma Rosenberg weiter in das Konzentrationslager Stutthof bei Danzig. Am 1. Oktober 1944, wurde Selma ermordet. Die SS verschleppte ihre Schwestern Mathilde Adele und Alma Grünebaum in das Zwangsarbeitslager Zamosc, das im Osten Polens lag.

Die Schuhhändler David und Rosa Stern: Gerberstraße 9

David und Rosa Stern lebten mit ihrer Tochter Ilse in der Bahnhofstraße 6 in Herbede, anschließend in der Hauptstraße. Gemeinsam führten sie einen Schuhwarenhandel. Im Zuge des Novemberpogroms 1938 verschleppten die Nazis David Stern in das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin. Er wurde später aus der KZ-Haft entlassen. Ihre Tochter schaffte 1939 die Flucht nach England, bekam nicht mehr mit, dass ihre Eltern enteignet wurden und in das Haus Gerberstraße 9 zogen. Sie wurden mit 967 weiteren Juden in das Ghetto von Theresienstadt deportiert. David Stern starb 1944 in Theresienstadt. Im selben Jahr verschleppte die SS Rosa Stern weiter in das Vernichtungslager Auschwitz und ermordete sie dort am 15. Mai 1944.

Familie Katz: Steinstraße 25

Das Ehepaar Martha und Theodor Katz hat wegen der sozialen Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung seine wirtschaftliche Existenz verloren. Ihre Kinder Alfred Felix und Liesel durften ab November 1938 keine „deutsche“ und damit keine öffentlichen Schulen mehr in Witten besuchen. Marthas Vater Josef Kaufmann verstarb 1936 im Krankenhaus. Drei Jahre später musste die Familie Katz aufgrund des Verfolgungsdrucks durch die Nazis Witten verlassen und zog nach Köln. Von dort kam Martha Katz mit ihrem Ehemann, ihrer Tochter und ihrer Mutter Helene Kaufmann in das Ghetto Theresienstadt. Am 23. Oktober 1944 wurden sie in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und ermordet. Ihrem Sohn Alfred Felix gelang 1939 die Flucht nach England. Ihre Mutter Helene Kaufmann überlebte die KZ-Gefangenschaft und kehrte nach ihrer Befreiung im September 1945 über Detmold nach Witten zurück.

Berta Wilzig: Lutherstraße 25

Berta Wilzig lebte wegen der Trennung ihrer Eltern bei ihrer Großmutter in der Lutherstraße 25. Aufgrund der nationalsozialistischen Rassengesetzgebung wurde Berta Wilzig enteignet und musste im April 1942 in das sogenannte Judenhaus ziehen. Später wurde sie nach Bielefeld in das „Umschulungslager“ Schloßhofstraße 73a gebracht, das unter ständiger Kontrolle der Gestapo stand. Wenige Wochen später, am 12. Mai 1943, wurde Berta Wilzig in einem Deportationszug in das Ghetto Theresienstadt gefahren. Am 16. Mai 1944 wurde die 34-Jährige in das Konzentrationslager Auschwitz verschleppt und dort ermordet.

Ehepaar Schacher: Lutherstraße 34

Theodor Schacher und seine Frau Martha wurden in der Reichspogromnacht von einer Gruppe von Nationalsozialisten in ihrer Wohnung überfallen. Martha Schacher starb im Marien-Hospital in Witten an den Folgen des Überfalls. Als offizielle Todesursache der 62-Jährigen gab das Krankenhaus „Brandpneumonie und Herz-Kreislaufschwäche“ an. Theodor Schacher wurde in den folgenden Novembertagen in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt und dort bis Dezember 1938 inhaftiert.

Nach seiner Freilassung zog er zu Verwandten in die Rosenstraße 7, die sich gegenüber des Wittener Hauptbahnhofs befand. Später fand er Unterschlupf in der „Villa Hanf”. Von dort meldete er sich im April 1939 nach Berlin ab und heiratete in zweiter Ehe. Theodor Schacher wurde am 2. März 1943 im Alter von 62 Jahren von Berlin in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Familie Möhrke: Galenstraße 24

Anna Elfriede Möhrke und ihr Sohn Paul Heinrich Möhrke kämpften in der Wittener Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus. Am 30. Juni 1933 wurde Paul Heinrich von der SS gefangen und in den sogenannten „Tränenkeller“ im damaligen Wittener Lyzeum, heute Schiller-Gymnasium, gebracht. Dort folterten ihn Hilfspolizisten bis zur Unkenntlichkeit und Bewusstlosigkeit. Als er schwer verletzt im Marien-Hospital behandelt wurde, flüchtete Paul Möhrke. Ein Schulfreund, der der SS angehörte, hatte ihn vor einer erneuten Verhaftung gewarnt. Möhrke tauchte unter und arbeitete als „unangemeldeter Landarbeiter“ in Mittel- und Süddeutschland. Er verstarb 1975.

Seine Mutter wurde 1935 von der Gestapo in ihrer Wohnung verhaftet. Sie wurde wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ angeklagt und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach Haftentlassung und fünftägiger Freiheit ergriff die Gestapo sie erneut und nahm sie in „Schutzhaft“. Anschließend wurde sie erst in das Frauen-KZ Moringen bei Hannover und danach in das Frauen-KZ Lichtenburg bei Torgau/Elbe verschleppt. Am 4. Juni 1938 kam Anna Elfriede Möhrke aus dem Konzentrationslager frei und überlebte die NS-Zeit in Witten.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben