Geburtstag

Die Männer hat Auguste Hellwig alle überlebt

Man sieht ihnen ihr Alter nicht an: Auguste Hellwig (101) und Tochter Marianne Sloksnat (72) leben zusammen in einem Haus. Beide sind viel unterwegs – damit das Leben nicht langweilig wird. Foto:Jürgen Theobald

Man sieht ihnen ihr Alter nicht an: Auguste Hellwig (101) und Tochter Marianne Sloksnat (72) leben zusammen in einem Haus. Beide sind viel unterwegs – damit das Leben nicht langweilig wird. Foto:Jürgen Theobald

Witten.   Auguste Hellwig feiert heute ihren 101.Geburtstag. Gemeinsam mit ihrem Mann Karl betrieb sie ein Geschäft für Gemüse und Fisch in Rüdinghausen.

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28 Wittener leben schon länger als ein Jahrhundert. Eine von ihnen ist Auguste Hellwig. 101 wird sie heute und der Duft nach Frischgebackenem weht schon am Vortag durch ihr Haus in Rüdinghausen. „Natürlich kommt Besuch“, sagt sie lebenslustig. „Wenn irgendwo was los ist, bin ich dabei!“

Die Seniorin sieht schick aus, mit Schmuck, schönen Anziehsachen, modischer Brille und Lippenstift. Sich zurechtzumachen war ihr zeitlebens wichtig. Nicht umsonst arbeitete sie als Verkäuferin für Damenkonfektion bei Karstadt in Dortmund. Die hübsche Rüdinghauserin fiel auch dem Obst- und Fischhändler Karl Hellwig bei einer Silvesterfeier in Annen auf.

„Der hatte eine gestreifte Jacke an und wollte sich zu mir setzen. Das durfte er. Und an Neujahr haben wir uns gleich nochmal getroffen.“ 1938 heiratete sie ihren Karl – gegen den Willen der Schwiegermutter. Die war katholisch „und hatte schon eine andere Frau ausgesucht“, sagt Auguste Hellwig und guckt spitzbübisch. „Das Finchen aus dem Münsterland. Aber die hatte ein Tuckbein, die wollte er natürlich nicht.“

Bei Fliegeralarm ging es ins Erdloch

Karl und Auguste bekamen 1940 einen Sohn, überlebten den Krieg. 1946 kam Tochter Marianne zur Welt, die sich inzwischen um ihre Mutter kümmert. Diese kann unendlich viel erzählen aus ihrem langen Leben. Von der Kindheit in Mülheim, wo der Vater als Gutsverwalter arbeitete und – seine Mutter war Hebamme – sich gut darauf verstand, Kälber auf die Welt zu holen. Sie erzählt von dem Geschäft in Rüdinghausen, in dem sie viele Jahre Obst, Gemüse und Fisch verkaufte. Die Waage mit den Gewichten gibt es heute noch.


Ein prägendes Erlebnis war der Krieg. Karl hatte ihr hinterm Haus auf dem Schnee ein Loch am Waldrand gebuddelt. So groß, dass sie und ihr dreijähriger Junge hineinpassten. „Bei Fliegeralarm habe ich ihn mitgeschleift, ins Loch rein und dann sind die Bomben gefallen. Da hat die Erde richtig vibriert.“

Englische Soldaten quartierten sich ein

Auch Karl, der beim Gussstahlwerk Annen als „Kernmacher“ Bomben baute, wurde eingezogen. „Zur Partisanenbekämpfung nach Jugoslawien“, erzählt die 101-Jährige. „Ich durfte ihn noch einmal in Bonn in der Kaserne besuchen. Ich weiß noch zwei Sachen: Einquartiert war ich im Hotel „Zur ewigen Lampe“. Und als ich am nächsten Mittag mit dem Zug nach Hause fuhr, blieb mein Zug in Düsseldorf stecken. Da gucke ich so aus dem Fenster – und plötzlich läuft mein Mann den Bahnsteig lang.“ Karl Hellwig musste doch nicht zur Front – das Stahlwerk hatte ihn als Arbeitskraft zurückbeordert. „So ein Glück, die sind in Jugoslawien alle umgekommen.“

In der Besatzungszeit hatten sich englische Soldaten in ihr Haus einquartiert. „Die waren so müde, die haben sich in unser Bett gelegt und die Füße guckten hintenraus.“ Abends spendierten die Engländer Süßigkeiten. „Das war richtig gemütlich, wir haben nachher sogar die Adressen ausgetauscht.“

Fencheltee und Zitronenrolle

Die Schlafzimmermöbel von 1938 hat Auguste Hellwig immer noch. Auch die Häkelgardinen, Seidenblumen, Holzmöbel und Blumenaquarelle hat sie schon viele Jahre. Ihren Schwiegersohn und die Schwiegertochter hat sie bereits überlebt, ihr Mann starb 1989, „aber er hat auch nicht gesund gelebt“. Die lebenslustige Auguste legte sich im Anschluss noch drei Herren zu. „Ich hatte immer nette Männer, aber die sind schon alle tot. Einer bekam sogar auf der Tanzfläche einen Herzinfarkt.“

Was hält sie fit? Sicher eine gesunde Lebensweise – morgens macht sie sich Haferflockensuppe und trinkt eine Tasse Caro-Kaffee, mittags kocht ihre Tochter Marianne. Die beiden unternehmen viel. „Manchmal sitze ich nur bei Marktkieker, trinke Fencheltee und esse ein Stück Zitronenrolle.“ Nur keine Langeweile, empfiehlt auch die Tochter (72): „Nichtstun macht dement!“

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