Verkehrsplanung

Wie können Wittens Schulwege sicherer werden?

Ein Modell, das der Verkehrsexperte Andreas Müller favorisiert: der „Walking Bus“ (hier in Hattingen). Eltern und Kinder sammeln wie ein Bus die Schulkinder ein, alle gehen gemeinsam zur Schule.

Ein Modell, das der Verkehrsexperte Andreas Müller favorisiert: der „Walking Bus“ (hier in Hattingen). Eltern und Kinder sammeln wie ein Bus die Schulkinder ein, alle gehen gemeinsam zur Schule.

Foto: Walter Fischer / Funke Foto Services GmbH

Witten.  Kinder sollen am besten zu Fuß zur Schule gehen. Aber ist ihr Schulweg sicher? Verkehrsexperte Andreas Müller nennt kritische Stellen in Witten.

Andreas Müller müsste eigentlich schreien, um gehört zu werden. Zu laut ist der Verkehrslärm auf der Sprockhöveler Straße. Ausgerechnet hier, an einer der vielleicht lautesten Ecken der Stadt, erzählt der Verkehrsexperte Studenten der Hochschule für Gesundheit aus Bochum, worauf es bei einem sicheren Schulweg für die Kinder ankommt. Denn Bewegung, gesund leben, an die frische Luft kommen – das alles sollte schon im Kindesalter anfangen. „Wenn Kinder nicht gelernt haben, sich zu bewegen, tun sie es als Erwachsene erst recht nicht.“

Rolf Kappel ist Quartiersmanager in Heven-Ost/Crengeldanz und betont: „Unser Quartier ist das kinderreichste, aber auch das ärmste in Witten.“ Die sehr hohe Verkehrsbelastung ergebe sich wegen der vielen Lkw und der Berufstätigen, die zu ihrem Arbeitsplatz, etwa dem Marien-Hospital, pendelten. Viele Schulkinder, aber mindestens genauso viele Pendler – gar nicht so leicht, beiden Gruppen gerecht zu werden.

Wie kommen denn Kinder nun am sichersten zur Schule? Andreas Müller plädiert für angemessenes Fahrverhalten auf den Straßen generell, vor allem, wenn Kinder auf dem Weg zur Schule sind. Bereits Tempo 30 sei eigentlich zu schnell. Bei Tempo 24 hätten die Kinder bei einem Unfall hingegen noch eine realistische Chance, zu überleben, so Müller. Eine Variante des gemeinsamen Schulwegs, bei der Eltern und Kinder gemeinsam unterwegs sind, nennt sich „Walking Bus“. Dabei sammeln einige Erwachsene wie ein Linienbus nach und nach an vorher vereinbarten Punkten die Schulkinder ein, bis die Gehgemeinschaft schließlich an der Schule ankommt.

Schulwege in Witten sind sicherer geworden

Der ehemalige Verkehrsplaner der Stadt Witten findet, dass sich die Sicherheit auf den Schulwegen in Witten erhöht habe – trotz der immer noch vielen „Elterntaxis“, die ihre Kinder direkt bis vor die Schule brächten und so unnötige Staus produzierten. „In den 90er Jahren war ich immer der große Buhmann“, erinnert sich der 66-Jährige. „Immer, wenn eine Ampel rot war, die Autofahrer mal länger warten mussten, war ich schuld. Mittlerweile hat sich diese Stimmung geändert.“

Ein Grund dafür sei die kontinuierliche Stadtentwicklung und Verkehrsplanung in Witten, die für mehr Sicherheit sorge. „Wir haben mittlerweile vor jeder Schule Tempo 30.“ In den meisten Fällen sei das aber nicht auf Eigeninitiative der Stadt, sondern durch Elterninitiativen durchgesetzt worden. „Grundsätzlich Tempo 30 vor Schulen einführen? Das geht hier in Witten nicht“, sagt Müller mit Blick auf den seiner Meinung nach zu autofreundlichen Verkehrsausschuss des Stadtrates.

Einer der gefährlichsten Stellen für Schüler in Witten sei vor gut fünf Jahren behoben worden: Die Kinder der Rudolf-Steiner-Schule konnten ihre Straßenbahnhaltestelle quasi nur erreichen, wenn sie die Kreuzung zwischen den Straßen Wannen, Billerbeckstraße und Sprockhöveler Straße quasi diagonal überquerten. Nun bringt sie ein Zebrastreifen unkompliziert mit einem Satz auf die im Wannen gelegene Haltestelle.

Pläne für die Sprockhöveler Straße

Die Studierenden sehen die Schulweg-Sicherheit vor allem aus gesundheitlicher Perspektive als wichtig an. „Man geht mit geschultem Auge durchs Quartier und durch die Stadt“, resümiert Ann Kristin Schulenburg (33) aus Essen. Auch Lisa Severing (31) aus Hagen hat etwas von der Ortsbegehung mitgenommen. „Wir müssen lernen, die Gegebenheiten im Quartier an die Zielgruppen anzupassen.“ Für ältere Menschen seien das etwa breitere Bürgersteige, für sehbeeinträchtigte Bewohner müssten barrierefreie Bordsteine mit entsprechenden Leitstreifen her. Einfach nur den Bordstein absenken? Das reiche eben noch lange nicht.

Andreas Müller engagiert sich seit einem Jahr ehrenamtlich als Fahrradbotschafter. Pläne, wie er Rad- und Fußwege verbessern kann, hat er zu genüge. Direkt über die Sprockhöveler Straße führt etwa eine Bahnbrücke, die nur selten benutzt wird, wenn Wartungsarbeiten am nahegelegenen Umspannwerk durchgeführt werden müssen. Müllers Traum: Die Gleise auf Bodenniveau absenken – ähnlich wie die Gleise einer Straßenbahn – und für die Benutzung als Radweg freigeben. „Vor allem für die Kinder, die aus Heven in die Innenstadt wollen, wäre das eine super Sache.“

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