Gefährliche Körperverletzung

Amtsgericht: Streit um Vorfahrt mit dem Radkreuz geführt

Das Amtsgericht Bad Berleburg stellte am Freitag das Verfahren gegen einen 43-jährigen Mann aus Bad Berleburg vorläufig ein.

Das Amtsgericht Bad Berleburg stellte am Freitag das Verfahren gegen einen 43-jährigen Mann aus Bad Berleburg vorläufig ein.

Foto: MÜLLER, Oliver / WAZ FotoPool

Bad Berleburg.  Die Zweifel an der Schuldfrage lassen Anklage und Gericht umdenken. Ein 43-jähriger muss aber dennoch 6200 Euro Schmerzensgeld zahlen.

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Frakturen, Prellungen und Gehirnerschütterungen waren die schwerwiegenden Folgen einer körperlichen Auseinandersetzung im Juli 2018 auf Parkplatz eines Discounters in Bad Berleburg. Nun musste sich ein 43-jähriger Bad Berleburger wegen gefährlicher Körperverletzung im Amtsgericht Bad Berleburg verantworten. Das Verfahren gegen den Angeklagten wird allerdings eingestellt, wenn er den Opfern Schmerzensgeld in Höhe von 5000 Euro und 1200 Euro gezahlt hat. Eingestellt werden kann das Verfahren, weil die Auseinandersetzung nicht ganz so abgelaufen sein soll, wie es die Anklageschrift im Vorfeld vermuten ließ.

Die Anklage

Der Mann auf der Anklagebank soll zwei befreundete Männer aus Siegburg und Frankfurt auf dem Bad Berleburger Parkplatz mit einem Radmutternschlüssel bedroht und später auf sie eingeschlagen haben. Ärztliche Gutachten der beiden Nebenkläger, die in Bad Berleburg auf der Durchreise gewesen waren, bestätigen schwerwiegende Verletzungen: Während der Mann aus Frankfurt mit einer Gehirnerschütterung, Quetschungen des Kehlkopfes und des Rachens sowie Prellungen noch glimpflich davon gekommen war, hatte sein Freund aus Siegburg Frakturen im Gesicht, eine Gehirnerschütterung und ein Schädelhirntrauma erlitten.

Der Tathergang

Ausgangspunkt dieser gewalttätigen Auseinandersetzung soll ein zunächst verbaler Streit zwischen den beiden Parteien gewesen sein, in dem es um das Vorfahrtsrecht gegangen sein soll.

„Es tut mir leid, dass es so weit gekommen ist. Ich schäme mich sehr dafür – aber ich hatte Angst um mich. Ich kenne das so nicht. Ich lebe seit 30 Jahren in Deutschland und bin glücklich, dass ich hier sein darf“, versuchte sich der Angeklagte zunächst zu erklären – nicht zuletzt seine Tränen zeugten von großer Reue. Laut seiner Zeugenaussage sollen ihn die zwei Nebenkläger, vor allem der Mann aus Frankfurt, provoziert und ihn „Scheiß Ausländer“ genannt haben. Daraufhin habe der 43-Jährige sie zur Rede stellen wollen – wenig später war die Situation eskaliert.

Die Schuldfrage

„Das ist Kindergarten“, zeigte sich Oberamtsanwältin Judith Hippenstiel fassungslos. Bisher deutete für sie und alle anderen Anwesenden im Saal einiges darauf hin, dass der Mann auf der Anklagebank sich alleine schuldig gemacht hatte. Doch ein Video, das eine Anwohnerin von dem Kampf aufgenommen hatte, ließ Hippenstiel nochmal umdenken – denn auf der Aufnahme ist erkennbar: Der Frankfurter provoziert den Angeklagten, lässt nicht von ihm ab – obwohl der Angeklagte mehrfach bittet, in Ruhe gelassen zu werden. Als der Angeklagte auf seine Gegenüber zuläuft und diese sich bedroht fühlen, gerät alles aus dem Ruder: Die Nebenkläger schlagen auf den 43-Jährigen ein, treten ihn zu Boden – und hören vorerst nicht damit auf. Der Angeklagte macht schließlich von seinem Radmutterschlüssel Gebrauch. Im Hintergrund schreit seine Frau verzweifelt.

„Wenn das Video echt ist, bin ich der Meinung, dass hier jemand anderes auf der Anklagebank sitzen müsste“, so Anklägerin Hippenstiel entsetzt.

Nach einer rund einstündigen Rechtsbesprechung stand für das Gericht fest: Beide Parteien tragen Schuld an dem, was im Juli 2018 geschehen war.

Der Richterspruch

„Wir haben uns überlegt, wie alle den Saal gehobenen Hauptes verlassen können“, verkündete Richter Torsten Hoffmann und spielte damit auf eine mögliche Einstellung des Verfahrens gegen Zahlung von Schmerzensgeld an – denn trotzdem sei es der Angeklagte gewesen, der den Radmutterschlüssel von Anbeginn in der Hand gehalten hatte – und später auch davon Gebrauch machte.

„Das ist das Beste, was Sie hier rauskriegen können. Für gefährliche Körperverletzung gibt es mindestens sechs Monate Freiheitsstrafe. Mein Strafantrag würde dieses Maß bei einer erneuten Verhandlung überschreiten“, riet Hippenstiel dem Angeklagten, das Angebot anzunehmen.

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