WIRTSCHAFT

Marode Straßen gefährden Arbeitsplätze

Blick in die Fertigungshallen bei EEW. Der Stahlrohrhersteller Erndtebrücker Eisenwerke beliefert die Öl- und Gasindustrie mit Röhrenbis zu einem Durchmesser von drei Metern.

Blick in die Fertigungshallen bei EEW. Der Stahlrohrhersteller Erndtebrücker Eisenwerke beliefert die Öl- und Gasindustrie mit Röhrenbis zu einem Durchmesser von drei Metern.

Foto: Funke Foto Services

Erndtebrück.   Wirtschaft befürchtet Signalwirkung: Spezialröhrenhersteller EEW aus Erndtebrück verlagert Jobs nach Holland.

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„Es gibt derzeit keinen schlechteren Standort für die Röhrenproduktion in Deutschland, außer vielleicht noch die Zugspitze“. Bildreich beschreibt Junior-Chef Christoph Schorge gerne den Unternehmenssitz der EEW-Gruppe in Erndtebrück im Wittgensteiner Land. Dabei war das nicht immer so. Nur: Die Röhren, die das Spezialunternehmen für die Gas- und Ölindustrie mittlerweile herstellt, werden immer größer und schwerer. Und gleichzeitig wurden und werden die Straßen, über die die Laster die Röhrenkomponenten in Richtung Seehäfen transportieren sollen, immer maroder. Vor allem auf dem Abschnitt vom Werk bis zu einer Autobahn.

Eine gegenläufige Entwicklung, die schief gehen musste. Die Folge: Der Betrieb kann in Erndtebrück heute einige Produkte auf Grund ihrer Größe gar nicht mehr fertigen. Deshalb folgt jetzt die Verlagerung von Arbeitsplätzen nach Holland. Ein Vorgehen, dass weitreichende Folgen haben könnte. Auch für andere Regionen mit ähnlichen Problemen.

Bis zu 30 Mitarbeiter sollen künftig ihren Arbeitsplatz in Vlissingen an der niederländischen Nordseeküste haben. Zeitlich befristet, bis ein entsprechender Auftrag abgearbeitet ist. „Es geht um die Endfertigung von extrem langen Rohrkomponenten“, erklärt Marketingchefin Melissa Saßmannshausen. Dafür habe das EEW in Vlissingen eine Halle angemietet, in der die Endmontage mit eigenem Personal aus Erndtebrück („Dazu sind speziell qualifizierte und zertifizierte Fachkräfte notwendig“) ab November vorgenommen werden solle.

Solche Auslagerungen – bereits im vergangenen Jahr hatte EEW für ein ähnliches Vorhaben eine Halle in Cuxhaven angemietet – seien aber „kein Dauerzustand“, fordert das Familienunternehmen endlich „eine Perspektive zur Lösung unserer Verkehrsproblematik“ von der Politik. Und setzt dabei auf die so genannte „Route 57“, die mehrere Ortsumgehungen zwischen Kreuztal im nördlichen Siegerland und den Kurorten Bad Laasphe und Bad Berleburg in Wittgenstein umfasst (s. Grafik oben). Das Vorhaben der EEW lässt sich daher auch so lesen: Kommt die „Route 57“ nicht in absehbarer Zeit, gehen Arbeitsplätze auf Dauer verloren.

Umgehen der Logistik-Probleme

Als „ebenso bitter wie nachvollziehbar“ bezeichnete Klaus Gräbener, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Siegen, auf unsere Nachfrage das Vorhaben des EEW; Gräbener fürchtet wohl auch die Signalwirkung: Auch andere Betriebe könnten auf die Idee kommen, Jobs – und vielleicht nicht nur zeitlich befristet – zu verlagern, um die Probleme mit der Logistik im Siegerland zu umgehen.

Die Landtagsabgeordneten der beiden großen Parteien reagierten gestern umgehend: „Die ,Route 57’ muss in den vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans aufgenommen und in allen Abschnitten umgesetzt werden“, erklärte Falk Heinrichs von der SPD gegenüber dieser Zeitung; er setzt auf die Große Koalition im Verkehrsausschuss in Berlin, der den Bundesverkehrswegeplan derzeit berät. Als „alarmierenden Anfang“ und „Katastrophe für den Wirtschaftsstandort Siegen-Wittgenstein“ bezeichnete Jens Kamieth (CDU) das Vorhaben der EEW; die rot-grüne Landesregierung dürfe nicht länger die Sanierung von Brücken und Bau von Umgehungsstraßen bremsen, mahnt er.

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