Menschen

„Was man ändern kann, muss man ändern“

In der fast ländlichen und gediegenen Idylle seines Hauses in Villigst findet Professor Dr. Reiner Labitzke wohl die Ruhe und die Kraft für seinen ungebrochenen Schaffensdrang.

In der fast ländlichen und gediegenen Idylle seines Hauses in Villigst findet Professor Dr. Reiner Labitzke wohl die Ruhe und die Kraft für seinen ungebrochenen Schaffensdrang.

Foto: Thomas Reunert / IKZ

Villigst.  Ein unruhiger Geist mit einer Geschichte, die eigentlich für wenigstens zwei Leben reicht. Ein Hausbesuch bei Prof. Dr. Reiner Labitzke.

Als ich an diesem brütend heißen Mittag in der durchaus vornehm angehauchten Villigster Seitenstraße mit reichlich Einfamilienhaus-Besatz ankomme, sitzt mein bereits wartender Gastgeber auf einem kleinen Stuhl von Gebüsch umrankt neben der Haustür. Er wird gleich sagen, dass es einfach kühler hier draußen sei und er gern mal des Öfteren vor dem Haus sitze. Und schon nach wenigen Gesprächsminuten merke ich, dass das heute wieder so ein Interview ist, das sich eigentlich mit den „normalen“ Mitteln eines Journalisten gar nicht richtig weitergeben lässt. Dieser Professor Dr. Reiner Labitzke ist eigentlich eine viel zu breit, vielseitig und spannend angelegte Persönlichkeit, als dass ihn man so einfach mal so in einem Zeitungsartikel umfassend und halbwegs vollständig abbildend beschreiben könnte.

Aber dennoch: Versuch macht klug, sagt der Volksmund. Und ein Versuch ist dieser Man auf jeden Fall wert. Vielleicht muss man es nur ein wenig strukturieren. In die Kapitel: Das Leben des Professor Labitzke. Der Chirurg. Der Tüftler. Der Frei- und Weiterdenker. Das Leben des Mannes, der in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag gefeiert hat, beginnt in einem kleinen Ort namens Niesky, knapp neben Görlitz in der Oberlausitz. „Ich sage immer Görlitz, weil Niesky keiner kennt.“ Was ihn offenbar etwas ärgert, denn die Liste der Persönlichkeiten, Wissenschaftler und Philosophen, die mit seiner Geburtsstadt in Verbindung gebracht werden können, sei schon beachtlich. Sein Vater war Industriekaufmann. Und sonst, soviel schon mal vorab, habe in der Familie bis heute niemand wie auch immer medizinisch geartete Ambitionen. „In meiner ganzen Familie bin ich die Mutation.“ Zwar wird sich später am Rande herausstellen, dass sein Bruder Apotheker geworden ist, aber offenbar schrammt das am fachlichen Zugehörigkeitsgefühl des Mediziners dann doch knapp vorbei.

Aus dem spannungsreichen Leben eines Chirurgen

Im dem Jungen Reiner ist vermutlich aber schon von Geburt an auch das Freiheitsgen aktiv. So berichtet er in seinem Buch „Grenzflieger – Aus dem spannungsreichen Leben eines Chirurgen“ von einigen unbemerkten Ausflügen – mit und ohne weibliche Begleitung – auf den hohen Turm seiner Schule. Der Blick von der Höhe habe ihm damals bereits „ein Gefühl der Freiheit bereitet“. Freiheit – ein Begriff, der ihn wahrscheinlich sein ganzes Leben in vielschichtigen Formen begleitet hat.

Reiner Labitzke hat den Wunsch, Arzt zu werden ebenfalls schon in jungen Jahren. Wenn möglich im Bereich der Chirurgie und Orthopädie. Am liebsten in der Unfallchirurgie, weil er „da am ehesten etwas gestalten konnte“. „Der normale Chirurg nimmt ja oftmals nur was weg. Ein Stück vom Magen oder vorm Darm. Das war eigentlich nichts für mich.“ Trauma-Chirurgie, das war der Traum.

Doch der Weg dahin sollte erst einmal über die Kabine eines Baggers oder Tiefladers im Kohlenkombinat „Schwarze Pumpe“ führen. „Ich konnte nicht sofort studieren, musste mich erst einmal in der sozialistischen Praxis bewähren.“ Und von dort konnte er von den Volksgenossen dann zum Studium „delegiert“ werden.

Nun also die Studienzeit. Der junge Mann ist zunächst an der Ostberliner Humboldt-Universität eingeschrieben, doch es drängt ihn in Richtung Westen. Und er nutzt – heute würde man wohl sagen ziemlich kaltschnäuzig – eine damals ganz real existierende besondere Ausreisemöglichkeit. Unmittelbar vor dem Mauerbau, „den ich zu dem Zeitpunkt niemals auch nur im Ansatz geahnt hätte“, setzt er sich im Flughafen Tempelhof in ein Flugzeug, um nach Hannover zu fliegen. One way! Dass ein so gesponsertes Angebot des Westberliner Senats, von denen, die es kannten, gern angenommen wurde, war wohl klar. Für fünf Westmark konnte man von einer Flugminute zur nächsten sein altes Leben nahezu komplett hinter sich lassen. Reiner Labitzke geht diesen Weg, kommt aber nach ein paar Stationen im Westen auch wieder nach West-Berlin zurück und kann sich schließlich auch wieder an der medizinischen Fakultät einschreiben, schafft mit leichter Verspätung auch das erste Staatsexamen. Würde man jetzt alle weiteren Stellen und Spezial-Ausbildungen aufzählen, die Professor Labitzke in seinem weiteren Leben absolviert hat, würde allein schon dieses Kapitel vermutlich jeden Rahmen sprengen. Vielleicht zunächst nur soviel: Sein Wissensdurst in dieser Zeit und auch in den späteren Jahren muss ungeheuer gewesen sein. So sagt er, er habe sich als Arzt in der Psychiatrie ausbilden lassen, um später auch mit schwierigen Patienten besser zurecht kommen zu können. Und er sagt, er habe sich seine zahlreichen weiteren „Verwendungen“ immer danach ausgesucht, wo er am meisten habe lernen und seinen medizinischen Horizont erweitern können. „Ich wollte immer nur zu den Besten des jeweiligen Fachs.“

Wohlgemerkt, wir sind eigentlich immer noch in der Abteilung „Leben“. Dazu gehört auch, dass der freiheitsliebenden Labitzke sich von frühester Jugend wünscht, einen Flieger zu steuern. Kaum im Westen angekommen macht er auch eine entsprechende Ausbildung, und die Fliegerei begleitet ihn zukünftig bis ins hohe Alter. Dabei, so sagt er an diesem Sommertag im Gespräch, sei es gar nicht mal diese berühmte grenzenlose Freiheit über den Wolken, die ihn immer fasziniert habe. Es sei vielmehr, „diese ganz andere Perspektive von da oben beim Blick auf die Erde“. Wir reden jetzt noch ein wenig über den Absturz seiner „geliebten Piper“, die er einem befreundeten Pilotenkollegen geliehen hatte und die der „in den Wald gelegt hat“. Wir sprechen über einen Flug bis nach Israel zusammen mit einem Freund. Labitzke war dort zu einem Vortrag eingeladen und hat eben das Nützliche mit dem Angenehmen verbunden.

Ehefrau zeigt sich beim ersten Schwerte-Kontakt schockiert

Wir reden auch über die Kinder, drei an der Zahl, des Wahl-Villigsters. Der Sohn Niklas scheint der Technik (und der der Fliegerei) ebenso wie der Vater zugetan, hat bereits eine viel beachtete Arbeit mit dem Titel „Wertorientierte Simulation zur statistischen Planung logistischer Prozesse der Stahlherstellung“ geschrieben. Und der stolze Vater sagt: „Eine tolle Arbeit. Ich habe es gelesen und sogar das meiste verstanden.“ Bei den Beschäftigungen der Töchter ist der Vater nicht so ganz sicher, grinst eher etwas schelmisch. Aber es läuft am Ende wohl auf Consulting von Firmen heraus. Vier Enkel gibt es übrigens auch bereits. Und wer spielt im seinem Leben noch eine Rolle? Professor Labitzke ist zum zweiten Mal verheiratet, seine erste Frau starb an einer ebenso überraschend aufgetretenen wie unheilbaren Erkrankung. In seinem Erinnerungsbuch, das ich nach unserem Gespräch noch einmal zur Hand nehme, verarbeitet der Ehemann noch einmal seine Gefühle der Hilflosigkeit, des Verlassenseins und der chancenlos verlorenen Liebe. Doch Reiner Labitzke hat auch Jahre später auch noch einmal das Glück für sich wiederentdeckt und sich erst vor wenigen Monaten noch einmal mit seiner Claudia wieder zum Altar „getraut“. Ach so, dann ist da auch noch der gut genährte der Mischlingsdackel (nehme ich mal an…) Antonius oder Anton aus Ungarn. Auf die Frage „Macht der was?“ sagt der Professor: „Nur, wenn Sie ihn erschrecken.“ Aber das will natürlich ja keiner.

Lassen wir es mit dem Leben also erst mal gut sein. Obwohl sich auch die anderen Kapitel davon natürlich auch nur schwer lösen lassen., immer wieder Verwirbelungen auftreten. Berufliche Stationen auf dem Weg nach Schwerte ans Evangelische Krankenhaus, in dem der Professor schließlich über 20 Jahre tätig war und dem er mit seiner chirurgischen Station zu einem Ruf weit über die Grenzen der Ruhrstadt verhalf, waren nach München neben zahlreichen anderen die Städte Bochum und Essen. Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang natürlich auch die Ernennung zum Lehrstuhlinhaber an der Universität Witten-Herdecke mit der ersten Vorlesung am 11. Januar 1983, zwei Jahre später gab es dann auch die passende Professur dazu.

An seinen Schwerte-Erst-Kontakt erinnert sich Labitzke natürlich auch. Es hatte da eine besondere - gar nicht mal ihn betreffende Vorgeschichte bei seinem damaligen Arbeitgeber gegeben, in dessen Verlauf er aus Solidarität mit einem Kollegen die Brocken bzw. den Kittel hingeschmissen hatte. Also war er auf der Suche nach einer neuen Wirkungsstätte. Und dabei eben nach Schwerte gekommen. Heute erinnert er sich, dass seine Frau noch nicht einmal habe aussteigen wollen, als sie die „Bruchbude“ gesehen habe. Aber Labitzke bastelte sich aus dem alten Gemäuer eine neue Aufgabe. Auch wissend, dass rund fünf Millionen D-Mark bereitstehen würden, um den „Relaunch“ durchzuführen. Und die Anfänge seien dann auch wahrlich spartanisch gewesen, sagt er heute, „die hatten eigentlich gar nichts in Schwerte“. Er habe vieles über alte Kontakte und Kanäle besorgt. Und er veranstaltete zum Beispiel die „Schwerter Chirurgen-Gespräche“, die bald weit über die Grenzen der Stadt nicht nur in Fachkreisen großes Interesse auslösen sollten.

Chinesische Ärzte wollten Seil-Methode schnell lernen

Und dann – um mal ein Blick in Kapitel drei zu werfen - war da eben auch schon früh die Sache mit dem Erfindergeist bzw. dem Wunsch, aus Erkenntnissen zu lernen und Verbesserungen vorzunehmen. Da war zum Beispiel der Draht, der seit 150 Jahren in der Chirurgie zum Verbinden von Knochen und Gelenkteilen nach einen Bruch benutzt wurde. Labitzke war früh schon zu der Erkenntnis gekommen, dass dieser Draht eigentlich gar nicht die Aufgaben erfüllen würde, die er erfüllen sollte. Und er hatte eine eigene Lösung parat, die auf der Anwendung von dünnsten Feindrahtseilen beruhte, die ganz anders in der Lage seien, die benötigten Zug-Kräfte an die davor vorgesehen Stellen zu bringen. Eine Idee, die in etablierten Chirurgen-Kreisen gerade anfangs nicht unbedingt Begeisterung auslöste. Das klassische „Das haben wir doch immer so gemacht, und es hat auch immer geklappt“ bekam der Arzt in seinem Erfinder-Leben mehr als einmal zu hören. Und das war auch bei seiner nächsten medizinischen Erfindung nicht viel anders. Diesmal ging es um eine einer Feder ähnlichen Spirale, in einen gebrochenen Röhrenknochen geschraubt werden kann und dabei deutlich weniger operative Kollateral-Schäden als die üblichen Methoden mit Hammer und Nagel anrichtet. Auch hier galt und gilt es bis heute, die Branche von der Sinnhaftigkeit der Sache zu überzeugen. Doch es gibt eben auch andere Reaktionen als Skepsis. So bekam Reiner Labitzke vor Jahren eine Einladung zu einem universitären Vortrag mit direkt in die Hörsäle übertragener OP an einem chinesischen Universitätsklinikum. Im Anschluss bat man ihn sofort um die chinesischen Rechte an seinem Buch auf Englisch und Deutsch erschienenen Buch „Seil-Osteosynthesen“ und den dazugehörigen OP-Methoden. Da kommt dem Mann auch heute, viele Jahre später, noch ein großes Buben-Grinsen ins Gesicht. Wahrscheinlich so wie damals, als er 2010 die Louis-Strohmeyer-Medaille als Literaturpreis von der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie entgegennehmen konnte.

Die Sonne ist inzwischen ein ganz schönes Stück über die Terrasse gewandert und auch Antonius hat schon zwei Mal – ohne sich zu erschrecken – nach dem Rechten gesehen. Die Faszination, die von diesem Professor Dr. Reiner Labitzke ausgeht ist irgendwie ungebrochen. Bei seinen erlebten achtzig Jahren noch über die Zukunft sprechen zu sollen, ist für ihn nicht ganz einfach. Er habe, sagt er, in seiner beruflichen Zeit so viel „Elend in der Chirurgie“ gesehen, dass sich Gedanken über das eigene Sein und Werden eigentlich ausschließen würden. „Ich habe mir angewöhnt zu sagen: Es ist, wie es ist, Du kannst es nicht ändern.“ Allerdings, wäre er wohl nicht der allzeit optimistische Professor Dr. Reiner Labitzke, der erfindende und weiterdenkende Allround-Mediziner, wenn nicht noch sagen würde: „Was man aber ändern kann, das muss man ändern.“ Recht hat er.

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