Video-Sprechstunde

Ärzte im Ruhrgebiet halten Sprechstunden per Videoschalte ab

Yann Fülling spricht im Bochumer Bergmannsheil per Video-Chat mit Felix Hoffmann. Die Ärzte simulieren eine elektronische Visite.

Yann Fülling spricht im Bochumer Bergmannsheil per Video-Chat mit Felix Hoffmann. Die Ärzte simulieren eine elektronische Visite.

Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services

Bochum.   Die ersten Ärzte setzen zur Nachbehandlung auf Sprechstunden am Bildschirm. Patienten ersparen sich Anfahrtswege und überfüllte Wartezimmer.

Zwei Wochen nach der Operation bittet der Unfallchirurg seinen Patienten zur Kontrolle. Ein Blick auf die Wunde, eine kurze Belastungsprobe des Beins, dann gibt der Arzt grünes Licht: „Alles in Ordnung, guter Heilungsverlauf, weiterhin alles Gute.“ Während der Mediziner in Bochum seine Notizen in die Akte einträgt, klappt der Patient im sauerländischen Attendorn seinen Laptop zu und legt sich zurück auf die Couch.

Sprechstunden per Videoschalte – das ist keine reine Zukunftsmusik, sondern wird schon heute von einigen Ärzten, Kliniken und Pflegeheimen praktiziert. Einer der ersten Anwender im Ruhrgebiet ist das Bergmannsheil in Bochum.

Einfache Bedienung und Datenschutz

Seit Jahren feilen Entwickler daran, die hohen Anforderungen im Gesundheitsbereich zu erfüllen: Neben einer einfachen Bedienung ist vor allem der Datenschutz wichtig. Denn statt hinter verschlossener Tür des Behandlungszimmers laufen die Gespräche zwischen Mediziner und Patient über Datenkabel. Dass kein Unbefugter mithören kann, ist entscheidend für die Praxistauglichkeit der Technik.

Mittlerweile sind einige Anwendungen ausgereift und in Betrieb. Seit April 2017 können Ärzte die Videosprechstunde auch bei den Krankenkassen abrechnen. „Für die Entwickler war dieser Schritt sehr wichtig“, sagt Veronika Strotbaum vom Zentrum für Telematik und Telemedizin in Bochum. Viele Ärzte und Pflegeeinrichtungen würden nämlich erst dann eine neue Technologie ausprobieren, wenn die Vergütung geklärt ist.

In der Bochumer Unfallchirurgie im Einsatz

Voraussetzung dafür ist die Zertifizierung der Anwendung. Aktuell haben sechs Anbieter ein solches Zertifikat, darunter das Unternehmen La-Well Systems aus dem ostwestfälischen Bünde. Die Firma entwickelte die „elektronische Visite“ (kurz „elVi“), die seit Mai 2016 in einem Modellprojekt in neun Pflegeheimen und elf Arztpraxen zum Einsatz kommt. Zertifiziert hat die Anwendung der TÜV Essen. Vorausgegangen seien mehrmonatige Entwicklungen, Investitionen im mittleren fünfstelligen Bereich sowie ein Wechsel des Server-Anbieters, sagt Claudia Schrewe von La-Well. „Als Unternehmen stehen wir für den Datenschutz gerade. Der erste Server-Anbieter war nicht sicher genug.“

In Bochum kommt elVi seit Januar in der Unfallchirurgie zum Einsatz. Facharzt Yann Fülling lobt die Vorteile: „Durch die Videosprechstunde sparen die Patienten bei Kontrolluntersuchungen lange Anfahrtswege und viel Zeit.“ Die Anwendung beschreibt Fülling als kinderleicht. Der Patient bekommt einen Einwahlcode auf sein Handy geschickt. Damit loggt er sich auf der Webseite des Programms oder der App ein. Voraussetzungen sind lediglich ein Internetanschluss und eine Webcam am Computer. Auch mit dem Tablet und dem Handy können sich Patienten einwählen.

Patienten können sich problemlos einwählen

Wie im echten Leben sitzt der Patient dann in einem Wartebereich, bis sich der Arzt zur Sprechstunde zuschaltet. „Bislang haben sich alle Patienten problemlos einwählen können“, sagt Fülling. Der Unfallchirurg setzt vor allem bei Verlaufskontrollen auf das neue Videosystem: „Falls bei der Sichtung der Wunde etwas auffällt, kann ich die Patienten dann kommen lassen.“ Die Resonanz auf die Technik falle bislang sehr positiv aus, so der Mediziner: „Die Patienten fühlen sich besser betreut und erkennen die Vorteile, die ihnen die Online-Sprechstunde bietet.“

Alle Patienten, die Fülling per Videoschalte untersucht, kennt er bereits persönlich. Eine komplette Behandlung ausschließlich am Bildschirm ist durch das Fernbehandlungsverbot der Bundesärztekammer untersagt. Sein Arbeitsalltag habe sich durch das System bisher kaum verändert. Erst mit steigender Erprobung bei der täglichen Arbeit erhofft sich Fülling auch eine Zeitersparnis.

Klinik will die Anwendung ausweiten

Auf wachsende Erfahrung setzt auch Felix Hoffmann. Als ärztlicher Referent der Geschäftsführung im Bergmannsheil ist er verantwortlich für Digitalisierungsprojekte und hat das Videoprogramm in die Klinik geholt. „Es gibt bereits jetzt viele Bereiche, in denen die Videotechnik hilfreich ist. Perspektivisch wollen wir das Feld erweitern.“ Denkbar seien etwa Fallkonferenzen und Konsultationen anderer Ärzte. Bei komplizierten Fällen und schwierigen Diagnosen können die Bochumer Ärzte so mit Kollegen gemeinsam auf Röntgenbilder schauen und Diagnosen besprechen – für eine bessere Behandlung der Patienten.

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