Arm trotz Arbeit

Arbeit auf Abruf: Über fünf Millionen ohne feste Arbeitszeit

Im Gastgewerbe ist Arbeit auf Abruf besonders verbreitet.

Im Gastgewerbe ist Arbeit auf Abruf besonders verbreitet.

Foto: Tanja Pickartz

Essen.   Im Niedriglohnsektor arbeiten viele auf Abruf, etwa im Service. Verschärfung des Arbeitsrechts hilft laut Experten den wenigsten Betroffenen.

5,4 Millionen Arbeitnehmer warten regelmäßig auf einen Anruf vom Chef. Sie haben keine festen Arbeitszeiten, sind also auf Abruf beschäftigt. Gerade im Hotel- und Gaststättengewerbe, aber auch in der Reinigungsbranche, der Landwirtschaft und im Handel ist das eine gängige Praxis. Das zeigt eine Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation (IAQ) an der Uni Duisburg-Essen. Über 15 Prozent der Angestellten waren 2017 den Angaben nach in Abrufarbeit beschäftigt. Die Forscher kritisieren, dass dadurch die Unsicherheit für betroffene Arbeitnehmer steige.

Dass Arbeitgeber ihre Beschäftigten auf Zuruf in den Betrieb bestellen, beobachten die Arbeitsmarktforscher seit 2011 besonders in Niedriglohnjobs, etwa im Gastgewerbe. Für die Betroffenen bedeutet das laut Co-Autorin Karen Jaehrling nicht nur organisatorisch, sondern auch finanziell eine fehlende Planbarkeit: „Viele Beschäftigte sind nicht nur in Teilzeit angestellt, sondern arbeiten auch zu Niedriglöhnen. Das ergibt eine hohe materielle Unsicherheit.“ Fast jeder vierte in Abrufarbeit ist nämlich laut der Studie von Niedriglohn bedroht.

Stundenregelungen sind sehr unterschiedlich

Die Rahmenbedingungen für Arbeit auf Abruf sind sehr unterschiedlich. Nach Berechnungen der Wissenschaftler arbeiteten 2017 rund 1,7 Millionen Menschen auf Abruf mit unterschiedlichen, vertraglich festgelegten Wochenarbeitszeiten. Dazu kamen 2,1 Millionen Angestellte ohne jede Arbeitszeitregelung. Einige Arbeitgeber richteten sogar Pools für Aushilfs- und Vertretungskräfte ein, wie die Forscher berichten. Sie trafen Rahmenvereinbarung mit „Null-Stunden-Regelung“ und mussten Arbeitnehmern so laut Gesetz nur fünf Stunden bezahlen. Nicht ohne Folgen: Fast zwei Drittel der so Beschäftigten sind laut Studie von Armut bedroht.

Auch Beschäftigte, die in Rufbereitschaft oder im Bereitschaftsdienst tätig sind, haben die Forscher in ihre Studie einbezogen. Zu dieser Gruppe gehören etwa Pflegekräfte und Verkäufer. Viele von ihnen haben allerdings Verträge über mindestens 20 Stunden pro Woche, manche auch über 35. Sie sind laut der Forscher nicht so stark von Armut bedroht, wie diejenigen mit niedrigem Arbeitsvolumen.

Regierung hat den rechtlichen Rahmen verschärft

Die Bundesregierung hat zum Jahresanfang das Teilzeit- und Befristungsgesetz verschärft. Arbeitgeber, die Angestellte auf Abruf beschäftigen wollen, müssen eine Mindestarbeitszeit von 20 Wochenstunden festlegen. Zudem dürfen jeweils höchstens 20 Prozent weniger oder 25 Prozent mehr als die vereinbarte Arbeitszeit pro Woche abgerufen werden und Arbeitnehmer müssen vier Tage im Voraus benachrichtigt werden.

„Die Regulierung läuft an den Fakten vorbei“, kritisiert Jaehrling, denn diese Regeln ließen Ausnahmen zu. Im Rahmen eines Minijobs sei es beispielsweise möglich, Verträge über fünf Stunden pro Woche zu schließen. Kurzfristig Mehrarbeit einzufordern sei kein Problem, da die Angestellten das Geld meist dringend benötigten. Über Internetdienste wie Doodle lässt sich das auch kurzfristig und informell organisieren.

Dehoga-Sprecher: „Wir brauchen Flexibilität“

Thorsten Hellwig, Sprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in NRW, erklärt, dass gerade in der Gastronomie Arbeit auf Abruf unvermeidbar sei. Wegen fehlender Planbarkeit sei es notwendig, Beschäftigte bei Bedarf spontan einzusetzen: „Wir brauchen mehr Flexibilität als ein Industriebetrieb.“ Die 50.000 Betriebe im Land unterlägen starken Tagesschwankungen. „Wenn ein Reisebus mit Touristen ankommt, müssen sie schnell reagieren“, so Hellwig.

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