Autoindustrie

Autogipfel: Wie es hierzulande um die Elektromobilität steht

Videografik: So funktioniert ein Elektroauto

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) tauscht sich heute mit Vertretern der Automobilindustrie zur Zukunft der Branche in Deutschland aus. Für Diskussionen gesorgt hatte zuletzt unter anderem der Ausbau des Ladenetzes für Elektroautos.

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Berlin.  Trotz Corona-Krise erleben die Elektroautos einen Boom. Die Förderungen sind hoch, die Lieferzeiten aber teils lang. Ein Überblick.

Das Jahr 2020 sollte für das Elektroauto den Durchbruch bringen. So der Plan der Hersteller. Tatsächlich hat sich der Trend zum elektrischen Fahren stark beschleunigt. Elektro- und Plug-in-Hybrid-Antriebe sind gefragt wie nie.

Beigetragen dazu haben auch die finanziellen Anreize der Regierung. Eine mögliche Verlängerung der Hilfen ist Thema auf einem weiteren Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Vertretern der Autoindustrie am Dienstagabend. Bei den regelmäßigen Autogipfeln bereden die Experten, wie der Wandel in der Branche vorangebracht werden kann. Ziel der Regierung ist es, bis 2030 rund zehn Millionen Elektroautos auf die Straßen zu bringen. Wo Deutschland heute beim Ausbau steht:

Wie viele E-Autos fahren hierzulande?

In Deutschland sind 173.435 Elektroautos angemeldet sowie 143.807 Autos mit Plug-In-Hybriden, die sowohl elektrisch als auch mit einem Verbrennungsmotor betrieben werden, nennt das Kraftfahrtbundesamt (KBA) die aktuellen Zahlen (1. Juli).

Angesichts von knapp 48 Millionen Pkw bilden diese alternativen Antriebsarten mit 0,66 Prozent immer noch eine Nische. Im Vergleich zum Vorjahr hingegen hat sich ihr Bestand um mehr als 42 Prozent erhöht.

Wie entwickelt sich die Nachfrage?

Pro Woche kommen rund 12.000 neue Elektroautos auf die Straßen, so der Verband der Automobilindustrie (VDA). Zwei von drei Autos stammen dabei von deutschen Autobauern, die rund 70 E-Modelle anbieten. Innerhalb der nächsten drei Jahre soll sich diese Anzahl mehr als verdoppeln. Beliebt sind auch die Modelle des US-Autobauers Tesla.

Allein bis Oktober wurden in diesem Jahr 252.000 Pkw mit Elektro- oder Plug-in-Hybriden als Antrieb zugelassen – drei Mal so viele wie noch im Jahr zuvor. Im Oktober waren damit laut Kraftfahrtbundesamt 8,4 Prozent aller neu zugelassenen Pkw Elektroautos und 9,1 Prozent mit Plug-in-Hybrid.

Wie erholt sich die Autoindustrie?

Die Autoindustrie war vom ersten Lockdown im Frühjahr schwer getroffen, die Werke der Autobauer standen weltweit still. Doch mittlerweile erholt sich Deutschlands Schlüsselbranche – vor allem, weil im wichtigsten Absatzmarkt China die Pandemie weitgestehend im Griff ist.

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Jedes dritte Auto verkaufen die deutschen Autobauer in China. Dennoch rechnen Branchenexperten damit, dass in diesem Jahr ein Umsatzminus von rund 20 Prozent entsteht.

Wie werden die Autobauer gefördert?

Der Bund und die Autobauer fördern den Kauf von Elektro-Autos und Fahrzeugen mit Plug-in-Hybriden mit der sogenannten „ Umweltprämie “, bei der sie sich die Zuschüsse untereinander teilten. Im Zuge des Konjunkturpaketes hat die Bundesregierung nun ihren Anteil verdoppelt.

Wer bis zum 31. Dezember 2021 ein neues Elektroauto zulässt, kann bis zu 9000 Euro an Förderung erhalten. Bei Plug-In-Hybriden ist ein Zuschuss von bis zu 6750 Euro möglich. Auch beim Leasing ist eine Förderung möglich, diese hängt von der Vertragslaufzeit ab.

Wie lange müssen Kunden auf einen Neuwagen warten?

Immer wieder sorgen lange Lieferzeiten für Kritik. Laut dem Neuwagen-Vergleichsportal carwow müssen etwa Käufer eines Mini Cooper SE 3-Türers oder eines Skoda Eyaq iV bis zu einem Jahr auf ihren Neuwagen warten. Käufer eines BMW iX3 oder eines Audi e-tron müssen sich ein halbes Jahr lang gedulden.

Das im vergangenen Jahr meistverkaufte Elektroauto in Deutschland, den Renault Zoe , erhält man meist nach bis zu drei Monaten, Volkswagens ID.3 kann nach anfänglichen Schwierigkeiten nun bereits nach zwei bis drei Monaten vom Kunden in Empfang genommen werden.

Wie viele Ladepunkte gibt es?

Aktuell gibt es 33.107 Ladepunkte in Deutschland, jede zehnte davon ist ein Gleichstrom-Schnelllader, berichtete der Energieverband BDEW. Im vergangenen halben Jahr sind mehr als 5300 Ladepunkte hinzugekommen.

Reicht der in Deutschland produzierte Öko-Strom, um die Autos zu betanken?

In Deutschland werden fast 40 Prozent des Stromverbrauchs durch Wind , Sonne und Biomasse produziert. Angenommen, ein E-Auto fährt im Jahr durchschnittlich 13.602 Kilometer, würden alle E-Autos auf deutschen Straßen rund 0,15 Prozent der jährlichen Ökostromproduktion von aktuell etwa 224,76 TWh verbrauchen, hat der Energiekonzern Eon errechnet.

Ein BMW i3 habe laut ADAC einen Durchschnittsverbrauch von 17,9 kWh/100 km und damit einen jährlichen Stromverbrauch von 2434,76 kWh Strom. Die Menge würde also gut ausreichen, alle E-Autos zu befüllen.

Wie viele Lastwagen, Transporter und Busse fahren schon elektrisch?

Bislang bieten die europäischen Autobauer noch keine massentauglichen großen Lastwagen mit E-Antrieb an. In der Forschung setzen die Hersteller zudem auch auf Wasserstoff. In Deutschland sind aktuell 27.552 E-Lastwagen angemeldet, so das KBA. Das sind weniger als ein Prozent der insgesamt 3,3 Millionen Lkw. Bei den E-Lastwagen handelt es sich in der Regel um Transporter unter 7,5 Tonnen, die für Liefer- und Paketdienste unterwegs sind.

Von 76.115 Omnibussen werden 497 Busse elektrisch angetrieben, 50 mit Wasserstoff und weitere 1500 als Hybride. Nach einer EU-Anweisung darf vom nächsten Jahr an nur noch knapp jeder zweite Bus mit Dieselantrieb bestellt werden.

Wird der Verbrennungsmotor verboten?

Laut „Bild am Sonntag“ hat die EU-Kommission eine Studie in Auftrag gegeben, auf deren Basis die Grenzwerte einer neuen Euro-7-Abgasnorm festgelegt werden sollen. Die Studie legt dabei deutlich strengere Regeln als bisher nahe.

VDA-Präsidentin Hildegard Müller reagierte alarmiert. „Die Kommission will vorschreiben, dass künftig ein Fahrzeug in jeder Fahrsituation quasi emissionsfrei bleiben muss - sei es mit Anhänger am Berg oder im langsamen Stadtverkehr . Das ist technisch unmöglich und das wissen auch alle“, sagte sie. Schon zuvor hatten die neuen Klimapläne der EU die deutschen Autobauer aufgeschreckt.

Der ADAC-Technikpräsident Karsten Schulze begrüßte gegenüber unserer Redaktion wiederum die mögliche Anpassung der Grenzwerte, mahnte zugleich aber: „Grenzwerte sollten technisch machbar sein und den Verbrennungsmotor nicht ins Aus manövrieren.“

Warum gibt es vor dem Autogipfel Streit?

Umweltschützern ist die Förderung der Fahrzeuge mit Hybrid-Antrieb ein Dorn im Auge. Sie sehen darin eine Subventionierung von Verbrennermotoren durch die Hintertür. Denn laut einer Gemeinschaftsstudie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) und der Forschungsorganisation International Council on Clean Transportation (ICCT) sind in Deutschland rein privat genutzte Fahrzeuge mit Plug-in-Hybriden im Durchschnitt nur zu 43 Prozent ihrer Fahrzeit im elektrischen Modus unterwegs. Bei Dienstwagen sinke der Anteil auf nur 18 Prozent.

Ebenfalls strittig ist, ob die Prämie über den 31. Dezember 2021 hinaus verlängert werden sollte. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) würde sie etwa gerne bis 2025 ausweiten.

Laut Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer würde eine solche Verlängerung mehr als 15 Milliarden Euro an Steuermitteln kosten. „In der Corona-Krise ist das nach meiner Einschätzung nicht darstellbar“, sagte Dudenhöffer unserer Redaktion.

Er plädiert für ein anderes Modell: eine zusätzliche Spritsteuer . Um aber Szenarien wie in Frankreich, als es nach einer höheren Spritsteuer zu Protesten der Gelbwesten-Bewegung kam, zu verhindern, schlägt er für Fahrzeuge im Bestand einen Tankausgleich-Bonus mit begrenzter Laufzeit vor.

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