Studie

Deutschlands Auszubildende sind so unzufrieden wie nie zuvor

Fast jeder zweite angehende Koch quittiert vorzeitig die Ausbildung.

Fast jeder zweite angehende Koch quittiert vorzeitig die Ausbildung.

Foto: Thomas Imo/photothek.net / imago/photothek

Berlin.  Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat den Ausbildungsreport 2019 vorgestellt. Es zeigt sich: Arbeitgeber halten sich oft nicht an Gesetze.

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Unbezahlte Überstunden, ein rauer Umgangston und kaum Vorbereitung auf das digitale Zeitalter: Die Auszubildenden in Deutschland sind so unzufrieden wie nie. Das schließt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) aus seinem diesjährigen Ausbildungsreport.

Erstmals in der 14-jährigen Geschichte der Erhebung gaben mehr als 30 Prozent der Befragten an, mit ihrer Ausbildung nicht zufrieden zu sein. Vor zehn Jahren war dagegen gerade einmal jeder Vierte unzufrieden. „Dieser Trend darf nicht ignoriert werden. Arbeitgeber und Politik sind aufgefordert, hier tätig zu werden“, forderte Manuela Conte, Bundesjugendsekretärin im DGB.

Arbeitgeber halten sich oft nicht an Gesetze

Für den Report hatte der DGB rund 16.000 Auszubildende aus den 25 am häufigsten gewählten Ausbildungsberufen befragt. Es zeigte sich: Oft halten sich Arbeitgeber nicht an die geltenden Gesetze. So klage jeder achte Befragte unter 18 Jahren darüber, mehr als die laut Jugendarbeitsschutzgesetz erlaubten 40 Stunden in der Woche arbeiten zu müssen.

Auch arbeite jeder sechste Auszubildende die Zeit des Berufsschulunterrichts im Betrieb nach. „Das ist nicht Sinn und Zweck der Sache und oftmals eine große Belastung für die Betroffenen“, sagte Manuela Conte.

Digitalisierung kommt in der Ausbildung kaum vor

Vor allem aber würde die Digitalisierung häufig vernachlässigt werden. Nur rund jeder Zweite der Befragten gab an, auf die Nutzung digitaler Technologien vorbereitet zu werden. „Bei der Digitalisierung des Bildungswesens hinkt Deutschland im internationalen Vergleich hinterher“, sagte Achim Berg, Präsident des Digital-Branchenverbands Bitkom, unserer Redaktion.

Er forderte, dass Schulen flächendeckend mit digitaler Infrastruktur und angepassten pädagogischen Konzepten weiterentwickelt werden. Bisher sei eine solche digitale Infrastruktur laut den Befragten der DGB-Studie nicht vorhanden: Nur jeder Dritte Auszubildende beurteilte die technische Ausstattung der eigenen Schule als gut.

Viele Berufsschulen sind nicht ausreichend ausgestattet

„Bund und Länder müssen dafür Sorge tragen, dass die Veränderungen in der Berufswelt auch in den Berufsschulen abgebildet werden können“, sagte John Bötticher, Vorsitzender des Berufsbildungsausschuss des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) unserer Redaktion. Eine zeitgemäße und moderne Ausstattung der Schulen seien entscheidend.

Großen Nachholbedarf in der Digitalisierung sieht auch Christel Bienstein, Vorsitzende des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK). „Bisher werden unsere Berufsschulen für Pflege sehr stiefmütterlich behandelt“, sagte Bienstein unserer Redaktion.

Die IT-Ausstattung sei „nicht ausreichend“, realitätsnahe Nachbildungen von Kranken- oder Pflegezimmern, sogenannte Skill-Labs, gebe es „viel zu wenige“. Aber auch der Lehrermangel führe dazu, dass es in der Ausbildung stocke.

• Hintergrund:

• Kommentar:

Unbezahlte Überstunden sind für viele Azubis ein Problem

„In der Pflege merken die Auszubildenden den großen Personalnotstand. Viele klagen darüber, dass sie immer wieder einspringen müssen. Überstunden sind dagegen eher kein Problem“, sagte Bienstein.

Das unterscheidet die Pflegeausbildung von zahlreichen anderen Ausbildungsberufen. Laut DGB würde mehr als jeder dritte Auszubildende regelmäßig länger als vertraglich vereinbart arbeiten. Jeder Achte erhält für seine Überstunden keinen finanziellen oder zeitlichen Ausgleich.

Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern

Auch zu Hause könnten längst nicht alle von der Arbeit abschalten. Fast die Hälfte der Auszubildenden in weiblich dominierten Berufen wie Friseurinnen oder Fachverkäuferinnen gaben an, dass sie Probleme hätten, sich nach der Ausbildung zu erholen. Bei den männlich dominierten Berufen wie Anlagenmechaniker oder Fachinformatiker hat nicht einmal jeder Fünfte solche Probleme.

Nicht nur bei der Erholung zeigen sich

auch das Gehalt geht auseinander. Die Auszubildenden in den männlich dominierten Berufen verdienen im dritten Lehrjahr durchschnittlich 869 Euro, bei den überwiegend von Frauen ausgeführten Berufen stehen am Monatsende durchschnittlich 102 Euro weniger auf dem Gehaltszettel.

• Kommentar:

Je größer das Unternehmen, desto zufriedener der Auszubildende

Die Qualität der Ausbildung scheint laut Ausbildungsreport mit der Größe des Unternehmens zu korrelieren. Je größer ein Unternehmen ist, desto zufriedener sind die Auszubildenden, fand der DGB heraus.

Auch in puncto Digitalisierung sei die Ausbildung in Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern besser: 70 Prozent der dortigen Auszubildenden gaben an, dass sie gezielt für digitale Technologien qualifiziert würden. Bei Betrieben mit bis zu zehn Mitarbeitern sagt das nicht einmal jeder Zweite.

Laut DGB blieben in Deutschland fast 58.000 Ausbildungsplätze unbesetzt. Zwar würde die Zahl der Ausbildungsverträge seit zwei Jahren wieder leicht steigen, im Hotel- und Gastronomiegewerbe sowie im

Hinzu kommt: Rund jeder zweite angehende Koch, Friseur oder Restaurantfachmann quittiert vorzeitig die Ausbildung.

Bäcker können Stellen nicht besetzen

Die meisten unbesetzten Stellen gibt es unter den Fachverkäufern im Lebensmittelhandwerk, wo 40,3 Prozent der Ausbildungsplätze leer bleiben. Aber auch Bäckereien tun sich schwer mit Nachwuchs, jede vierte Stelle kann nicht vergeben werden.

„Der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks ist mit erheblichen Anstrengungen dabei, die Ausbildungsberufe im Bäckerhandwerk für junge Menschen noch attraktiver zu machen“, sagte Michael Wippler, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks, unserer Redaktion. Unter anderem würde die tarifliche Ausbildungsvergütung erhöht. Sie gelte ab dem 1. September zudem jetzt bundesweit einheitlich.

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