Ausbildung

Die dritte Säule der dualen Ausbildung: Prüfer gesucht

SIHK-Fachbereichsleiter Peter Frese (links) mit Frank Decker (Sportco GmbH, Hagen), einem Prüfer aus Leidenschaft.

SIHK-Fachbereichsleiter Peter Frese (links) mit Frank Decker (Sportco GmbH, Hagen), einem Prüfer aus Leidenschaft.

Foto: Michael Kleinrensing / WP

Hagen.  Die SIHK sucht 350 neue ehrenamtliche Prüfer, die Verantwortung für den erfolgreichen Abschluss der beruflichen Ausbildung unternehmen.

„Duale Berufsausbildung“ heißt das deutsche, weltweit bewunderte System, das man einst „Lehre“ nannte. Dual, weil es auf zwei Säulen ruht: der Praxis im Betrieb und der Theorie in der Berufsschule. Aber eigentlich gibt es noch eine dritte Säule: die ehrenamtlichen Prüfer, die am Ende (und einmal zwischendrin) entscheiden, ob der Kandidat die Anforderungen erfüllt.

„Wir legen Wert auf Ehrenamtliche, weil Berufsprüfer nach ein paar Jahren die Bodenhaftung verlieren würden“, erklärt Peter Frese, Leiter des Fachbereichs Ausbildung und Prüfung bei der Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer zu Hagen (SIHK), die auch für den Märkischen und den Ennepe-Ruhr-Kreis zuständig ist. Im Herbst werden neue Prüfer gesucht – in ganz NRW.

Die fünfjährige Berufungsperiode läuft zum 31. August aus. Und etwa 350 der insgesamt 1625 Prüfer im Bereich der SIHK werden ausscheiden, aus Alters- oder anderen Gründen. „Wir brauchen 350 neue Prüfer“, sagt Frese. „Besser wären noch 200 mehr.“ Denn schon jetzt geht es in manchen Berufen recht knapp zu. „Spitz auf Knopf steht es im Einzelhandel, bei Mechatronikern, Verfahrensmechanikern und Automobilkaufleuten“, weiß Frese. Woran das liegt? „Arbeitsverdichtung. Viele Arbeitgeber, und da vor allem kleinere Betriebe, tun sich schwer damit, Mitarbeiter freizustellen.“ Vier bis acht Tage pro Jahr fallen die Mitarbeiter durchschnittlich am Arbeitsplatz aus. Manche Prüfer setzen deshalb auch den einen oder anderen Urlaubstag ein. „Das macht uns einerseits stolz“, sagt Peter Frese. „Andererseits stimmt es mich traurig, dass so etwas nötig ist.“

Frank Decker ist seit 30 Jahren ehrenamtlicher Prüfer. Und noch immer ist er mit Begeisterung dabei. Warum? „Es macht Spaß. Man ist nah an der Lebenswirklichkeit junger Leute. Auch der Austausch mit anderen Prüfern ist sehr interessant.“ Decker ist Einkaufsleiter bei Sportco, einem Unternehmen, das Sportartikel an Schulen und Vereine verkauft. Großhandel. Aber Decker hat im Einzelhandel gelernt und ist Prüfungsausschussvorsitzender für den Einzelhandel. Und der Kontakt mit den Kollegen hat auch sein Wissen befördert: „Was Tapeten, Farben und Spielwaren angeht, kenne ich mich inzwischen ganz gut aus.“

Frank Decker ist vor 30 Jahren so reingerutscht ins Prüfungswesen. Heute steht eine Vorbereitungsschulung bei der Kammer am Beginn. Die Welt ist komplizierter geworden – auch in der Ausbildung. „Früher wurden Prüfungsergebnisse nicht hinterfragt“, meint Frese, „inzwischen haben wir doch ein paar Dutzend Widersprüche im Jahr.“ Das ist angesichts von 6500 Prüfungen pro Jahr keine hohe Zahl, aber dennoch keine Freude. „Erstaunlicherweise sind es immer Kandidaten, die bestanden haben und eine bessere Note wollen“, erklärt der SIHK-Experte. Also müssen die Prüfer aufpassen. Wenn ein Nachprüfling, der beim ersten Mal durchgefallen ist, es beim zweiten Mal knapp schafft, sollte der Prüfer möglichst nicht lobend sagen: „Das war aber gut.“ Er meint dann: Im Vergleich zum letzten Mal. Und der Kandidat verlangt eventuell die Note „gut“.

Der menschliche Faktor

Wichtig ist Einfühlungsvermögen, betont Frank Decker. „Es geht nicht nur ums Fachliche, sondern auch ums Menschliche: Wie kann ich nervöse Kandidaten beruhigen? Wie reagiere ich, wenn eine junge Frau in Tränen ausbricht?“ Schlimm müssen Tränen aber auch nicht immer sein. Sie sind sogar verbunden mit einem der Höhepunkte in Frank Deckers Prüferkarriere: „Eine junge Frau, die mit Ach und Krach bestanden hatte, ist mir vor Freude weinend um den Hals gefallen, weil sie zum ersten Mal in ihrem Leben etwas geschafft hatte. Kein Schulabschluss, kein Führerschein, und nun endlich etwas zum Vorzeigen.“

Das macht Freude. Das begeistert. Und auch das will die SIHK vermitteln, wenn sie am 10. Oktober potenzielle Prüfer zur Informationsveranstaltung nach Hagen einlädt.

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