Wurstskandal

Foodwatch: Lebensmittelbehörden „katastrophal unterbesetzt“

Diese Lebensmittel werden am häufigsten zurückgerufen
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Berlin.  Verbraucherschützer zum Wurstskandal: Foodwatch-Chef Rücker wirft Behörden Versagen vor und fordert Offenlegung aller Informationen.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch kämpft für mehr Transparenz bei Lebensmitteln. Im aktuellen Skandal um den Wursthersteller Wilke macht sie vor allem Druck auf die Behörden, die Kunden des Unternehmens offenzulegen, um Verbraucher vor dem Verzehr der möglicherweise betroffener Ware zu informieren. Über die Missstände in der Lebensmittelüberwachung spricht diese Redaktion mit dem Geschäftsführer Martin Rücker.

Gammelfleisch, Listerien in Wurst, Keime in Milch. Immer wieder erschüttern Skandale die Verbraucher. Sind Lebensmittel noch sicher?

Martin Rücker: Wir haben in Deutschland einen hohen Standard. Es gibt heute nur noch wenige direkte schwere Erkrankungen, die nach dem Verzehr eintreten – wie dies früher etwa durch verunreinigtes Wasser der Fall war. Dennoch gibt es jedes Jahr Todesfälle aufgrund von Lebensmittelinfektionen. Was uns beschäftigt: Viele dieser Fälle wären vermeidbar.

Was läuft falsch?

Rücker: Das System ist anfällig, weil bekannte Schwachstellen im Lebensmittelrecht vom Gesetzgeber nicht beseitigt werden. Auch in einem gut geführten Lebensmittelbetrieb kann es mal zu einer Keimbelastung kommen. Damit kein großes Gesundheitsproblem entsteht, müsste aber alles funktionieren: Die Eigenkontrolle der Unternehmen, die behördlichen Kontrollen, das Risikomanagement und im Fall der Fälle eine schnelle und effektive Warnung der Verbraucher. Zu oft ist das nicht der Fall.

Diese Kette funktionierte bei Wilke nicht?

Rücker: Nein, und zwar von vorne bis hinten nicht. Wenn die Berichte stimmen, gab es bei Wilke offenbar schon früher massive Hygieneprobleme, die Behörden haben das nicht in den Griff bekommen. Vielleicht spielt dabei auch eine Rolle, dass es an Voraussetzungen fehlte. Im Landkreis Waldeck-Frankenberg, der für Wilke zuständig ist, ist die Lebensmittelüberwachung extrem unterbesetzt.

2018 waren nur 3,15 Stellen für die Kontrolle von annähernd 3000 Betrieben zuständig. In dem Jahr schaffte der Landkreis nur 50 Prozent der vorgegebenen Kontrollen in Lebensmittelbetrieben! Dies ist ein politisches Versagen des Landrats, geduldet hinauf bis ins hessische Verbraucherschutzministerium.

Welche weiteren Fehler sehen Sie?

Rücker: Die Informationsketten haben im Fall Wilke nicht funktioniert. Tagelang wurden relevante Informationen nicht von einer Behörde zur nächsten weitergegeben. Spätestens am 18. September wäre ein Rückruf von Wilke-Produkten zwingend notwendig gewesen, der Listerien -Nachweis lag vor. Doch er erfolgte erst am 2. Oktober. Das ist ein großes Versäumnis.

Sobald bekannt ist, dass Produkte im Umlauf sein könnten, die lebensgefährlich sein können, müssten Behörden von sich aus alle wichtigen Informationen – über die Verkaufsstellen, Marken bis zu betroffenen Produkten – von selbst öffentlich machen, wenn es das Unternehmen unterlässt. Doch sie haben erst falsch informiert, dann gemauert und schließlich nur einen Teil der vorliegenden Informationen herausgegeben. Die hessischen Behörden haben grandios versagt.

Sollte die Lebensmittelkontrolle den Regionen entzogen und dem Land oder Bund übertragen werden?

Rücker: Die Lebensmittelüberwachung muss mindestens auf der Ebene der Bundesländer liegen. Denn bei Städten oder Kreisen, die heute dafür zuständig sind, gibt es einen permanenten Interessenskonflikt: Das Landratsamt muss einerseits die Betriebe kontrollieren und ist zugleich der Förderung der lokalen Wirtschaft und den Arbeitsplätzen verpflichtet. Dies kann nicht funktionieren.

Lief der aktuelle Rückruf bei der Frischmilch besser?

Rücker: Mein erster Eindruck: Vom Hersteller her eindeutig ja. Von Anfang an hat er transparent die Namen der zurückgerufenen Produkte, auch der Handelsmarken genannt. Damit wissen die Leute, wo sie die betroffene Milch gekauft haben und können ihre Bestände überprüfen. Entscheidend ist aber immer auch, dass der Handel mitzieht, denn er kann die Kunden mit Lebensmittelwarnungen direkt ansprechen. Es muss endlich eine gesetzliche Pflicht geben, dass Händler die Rückrufe aus ihrem Sortiment unverzüglich auf allen verfügbaren Kanälen an ihre Kunden weitergeben.

Muss die Lebensmittelkontrolle verstärkt werden?

Rücker: Ja, die Lebensmittelbehörden in Deutschland sind katastrophal unterbesetzt – überall fehlt es an Personal. Die meisten der bundesweit fast 400 Kontrollbehörden schaffen es nicht, die vorgegebene Zahl an Betriebskontrollen durchzuführen.

Wie können Verbraucher noch besser informiert werden?

Rücker: Alle Ergebnisse der amtlichen Kontrollen sollten öffentlich gemacht werden, damit Unternehmen auch negative Konsequenzen spüren, wenn bei ihnen Hygienemängel festgestellt werden. Dänemark macht dies erfolgreich vor. Dort müssen Händler, Bäcker und Restaurants die Ergebnisse von Kontrollen in ihren Läden am Eingang öffentlich aushängen.

Eine solche Transparenz sorgt dafür, dass Unternehmen ein Eigeninteresse daran haben, sich an die Hygienevorschriften zu halten, um Kunden nicht zu verlieren. In Dänemark ging seit der Einführung dieser Praxis die Zahl der Beanstandungen klar zurück.

Wie oft kommt es zu Lebensmittelbeanstandungen?

Rücker: Jedes vierte Unternehmen wird bei Lebensmittelkontrollen beanstandet. Am häufigsten aufgrund von Hygieneproblemen.

Im Wurstskandal gibt es nun offiziell drei Todesopfer. Foodwatch hat vor Gericht die Offenlegung der Kundenliste von Wilke gefordert. Doch die Richter lehnten dies ab. Ist dies ein Affront gegen die Verbraucher?

Rücker: Es ist dringend erforderlich, dass die Händlerliste und alle bekannten Verkaufswege auf den Tisch kommen. Nur so können die Verbraucher erfahren, welche Wursttheken, Krankenhäuser, Kantinen und Restaurants die zurückgerufenen Wilke-Produkte abgegeben haben – und damit auch prüfen, ob sie solche Lebensmittel bereits verzehrt haben.

Aus unserer Sicht wären die Behörden schon längst verpflichtet gewesen, dies von sich aus öffentlich zu machen, das kann schließlich gesundheitsrelevant sein. Das hessische Verbraucherschutzministerium will unseren Antrag übrigens nach den gesetzlichen Regelfristen beantworten. Dann hätten die Leute die heute wichtigen Informationen frühestens in zwei Monaten!

Der Gerichtsbeschluss zeigt auch: Wenn die Behörden ihren Aufgaben zum Schutz der Verbraucher nicht nachkommen, sind wir aufgeschmissen. Es gibt ja noch nicht einmal ein Verbandsklagerecht, mit dem wir gegen die Behörden vorgehen könnten, wenn die ihre Arbeit nicht machen. Das muss sich dringend ändern.

Wer müsste diese Informationen herausgeben?

Rücker: Das Unternehmen und die hessischen Behörden stehen hier beide in der Pflicht. Von Wilke erwarte ich da nicht mehr viel. Die Firma hat mittlerweile Insolvenz angemeldet – und der Insolvenzverwalter hat in seinen öffentlichen Äußerungen nicht den Eindruck erweckt, als ob er sich ernsthaft um den Verbraucherschutz kümmert.

Warum gibt es noch Probleme mit der Rückverfolgbarkeit der Lieferkette?

Rücker: Die lückenlose Rückverfolgbarkeit ist seit 2002 ein Grundpfeiler im europäischen Lebensmittelrecht. Doch dieses Rechtsprinzip wird nicht durchgesetzt. Es ist ein Skandal, dass die Behörden bis heute angeblich nicht sagen können, wohin die Wilke-Produkte geliefert wurden, obwohl sie seit August von Listerien-Problemen wissen.

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner muss dafür sorgen und sicherstellen, dass alle Behörden schnell die Lieferketten vom Acker bis zum Teller recherchieren können, um in Notfällen die Verbraucher schnell zu informieren.

Auf der Liste der zurückgerufenen Produkten stehen auch vegetarische Artikel. Lauern die Gefahren auch auf Pflanzen?

Rücker: Grundsätzlich können auch pflanzliche Lebensmittel mit Listerien belastet sein. Der Rückruf umfasst sämtliche Wilke-Produkte – ob es aber konkrete Hinweise gibt, dass auch auf veganen und vegetarischen Waren Listerien vermutet werden, ist unklar.

Was kann der Verbraucher zum eigenen Schutz nun tun?

Rücker: Nur die Produkte überprüfen, die mit den betroffenen Marken und dem so genannten Identitätskennzeichen gekennzeichnet sind. An Wursttheken oder in Restaurants konkret nachfragen – und auf eine zuverlässige Antwort hoffen.

Bei Symptomen sollten gerade Ältere, Schwangere, kleine Kinder oder Immungeschwächte einen Arzt aufsuchen. Aber es bleibt, dass die Menschen in dem Fall von den Behörden im Stich gelassen werden, weil die nicht alle Informationen über die Verkaufswege herausgeben.

Haben Verbraucher, die nur Bio-Waren kaufen, mehr Sicherheit bei Lebensmitteln als solche, die auch auf Industriekost setzen?

Rücker: Da gibt es bei mikrobiologischen Verunreinigungen keinen Unterschied. Listerien interessieren sich nicht dafür, ob ein Bio-Label auf dem Produkt steht. Auch bei Wilke waren Bio-Produkte gelistet.

Was muss passieren, damit todbringende Lebensmittelskandale verhindert werden können?

Rücker: Bisher warten Behörden zu oft ab, wie das verantwortliche Unternehmen handelt. Sie müssen aber rechtssicher in der Lage sein, Rückrufe anzuordnen – und wenn der Nachweis über eine Belastung vorliegt, müssen sie auch in der Pflicht sein, dies zu tun.

Außerdem darf es bei der Informationspflicht gegenüber den Verbrauchern keine Ermessensspielräume mehr geben. Behörden müssen verpflichtet werden, alle Informationen über gefährliche Produkte und die Verkaufswege ohne zeitlichen Verzug öffentlich zu machen.

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