Familienunternehmen

Die Erfolgsgeschichte des Backmischungsherstellers „Kathi“

Die Kathi Rainer Thiele GmbH produziert in Halle an der Saale Backmischungen. Aus einem enteigneten Unternehmen entwickelte sich eine Erfolgsgeschichte.

Die Kathi Rainer Thiele GmbH produziert in Halle an der Saale Backmischungen. Aus einem enteigneten Unternehmen entwickelte sich eine Erfolgsgeschichte.

Foto: imago stock&people / imago/Felix Abraham

Berlin.  Beim ostdeutschen Mittelstand läuft es gut. Ein Beispiel dafür ist der Backmischungshersteller „Kathi“, der einst enteignet wurde.

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Der Backmischungs- und Mehlhersteller Kathi wurde 1951 aus der Not heraus gegründet. „Wenn man einen einfachen Sandkuchen backen wollte, fehlte in der DDR immer eine Zutat. Mal gab es Mehl zu kaufen, aber keinen Zucker. Dann gab es Zucker zu kaufen, aber keine Stärke“, erinnert sich Rainer Thiele.

Seine Eltern Kaethe und Kurt Thiele waren überzeugt, dass es gelingen müsse, die wichtigsten Zutaten für einen Rührkuchen in einer Packung zu bündeln. Sie gründeten Kathi (nach den Anfangsbuchstaben des Vor- und Nachnamen von Kaethe Thiele) – und die deutschlandweit erste Backmischung wurde auf den Weg gebracht – 19 Jahre bevor die Firma Kraft in der Bundesrepublik nachzog.

Schnell wuchs das Unternehmen in Halle an der Saale, exportierte nach Skandinavien. Doch dann geriet es in die Mühlen der DDR. Erst wurde ein Exportstopp in westliche Länder verhängt, 1972 wurden die Thieles enteignet.

Ein Herzinfarkt im Moment des Triumphs

Als die Mauer fiel, wollte Rainer Thiele das Versprechen an seine damals jüngst verstorbene Mutter einlösen und das Unternehmen wieder familiengeführt aufbauen. Ein Jahr lang dauerte es, bis die Reprivatisierung abgeschlossen war, immer stieß Thiele auf Widerstände, Dokumente verschwanden, zuständige Behörden waren mit alten Funktionären der DDR besetzt.

In dem Moment des Triumphs, als Thiele mit der Reprivatisierung erfolgreich war und Kathi wieder im Familienbesitz war, brach Thiele mit einem Herzinfarkt zusammen.

Thiele erholte sich von dem Herzinfarkt, sitzt heute im Beirat des Familienunternehmens, das von seinem Sohn Marco geleitet wird. Kathi hat 90 Mitarbeiter und erzielte im vergangenen Jahr einen Jahresumsatz von 28,5 Millionen Euro im Jahr. Es ist zu einem von vielen mittelständigen Unternehmen geworden, die in Ostdeutschland für Wachstum sorgen.

Im Osten gibt es mehr Familienunternehmen als im Westen

Dabei lag der Mittelstand nach dem Mauerfall in Ostdeutschland am Boden. Schon mit der Demontage vieler Anlagen durch die sowjetische Besatzungsmacht zogen nach Kriegsende viele ehemalige ostdeutsche Unternehmer in den Westen – vor allem Süddeutschland und Nordrhein-Westfalen profitierten von dem Unternehmertum. Spätestens die staatlichen Enteignungen brachten den Mittelstand zum Erliegen.

Doch 30 Jahre nach dem Mauerfall sieht es anders aus: 92 Prozent der ostdeutschen Unternehmen sind wieder Familienunternehmen. Das geht aus einer neuen Studie der Stiftung Familienunternehmen hervor. Damit sind sogar mehr ostdeutsche als westdeutsche Unternehmen in Familienhand. In den alten Bundesländern liegt der Schnitt bei 82 Prozent.

„40 Jahre Sozialismus haben ihre Spuren hinterlassen. Doch dass heute wieder 92 Prozent aller Unternehmen in den neuen Bundesländern Familienunternehmen sind, zeugt von einer enormen Schaffenskraft“, heißt es in der Studie.

Weniger westdeutsche Eigentümer im Osten

„Familienunternehmen sind der wirtschaftliche Treiber in den neuen Bundesländern“, sagte Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen. Im Vergleich zum Jahr 1993 hat sich die Anzahl an Unternehmen in den neuen Bundesländern mehr als verdoppelt, im Jahr 2017 lag sie bei über 450.000 Firmen.

Zudem sei der Anteil der westdeutschen Eigentümer seit 2001 stark gesunken. Wie das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) herausfand, waren im vor 18 Jahren noch 67 Prozent der ostdeutschen Familienunternehmen mit westdeutschen Eigentümern geführt. Im Jahr 2017 hatte sich der Wert mit 36 Prozent fast halbiert.

Kein einziges DAX-Unternehmen kommt aus Ostdeutschland

„Familienunternehmen übernehmen besondere Verantwortung in den Regionen“, sagte der Mittelstands- und Ostbeauftragte der Bundesregierung, Christian Hirte.

Doch Hirte merkte auch an, dass noch viel zu tun sei. So sei die Wirtschaftskraft im Osten lediglich 75 Prozent so hoch wie im Westen. Und: „Man muss auch kritisch anmerken, dass die ganz großen Kapitalgesellschaften fehlen“, sagte Hirte. Kein einziges DAX-Unternehmen kommt derzeit aus den neuen Bundesländern.

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In den neuen Bundesländern wird weniger gegründet

Auch bei Neugründungen liegen die neuen Bundesländern hinter den alten Bundesländern zurück. Wurden bis zur Jahrtausendwende pro Jahr laut Berechnungen des ZEW noch rund 40.000 Unternehmen pro Jahr gegründet, halbierte sich der Wert bis 2012 auf rund 20.000 Firmen.

Unter diesem Niveau hat er sich eingependelt, 2017 wurden rund 17.000 Unternehmen gegründet – und damit gerade einmal halb so viele wie in der Start-up-Hochburg Berlin rund 35.000.

Hirte sieht darin die Folgen aus dem steigenden Durchschnittsalter in Ostdeutschland. Es gebe schlicht weniger unternehmungsfreudige Gründer. Denn viele junge Leute würden die neuen Bundesländer in Richtung der Metropolen verlassen.

„Die Chancen für Gründer sind zwar besser als früher – aber die Potenziale an gründungswilligen Unternehmern sind geringer geworden“, sagte Hirte.

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Der Beauftragte für die neuen Bundesländer möchte das ändern. Dabei käme es laut Hirte schon auf die Bildung an: „Schon in der Schule sollten wir Unternehmerschaft lehren und positiv darstellen“, sagte Hirte.

Denn die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen würden nicht nur Arbeitsplätze in Ostdeutschland schaffen – sie würden auch eine besondere Verantwortung in den Regionen übernehmen und so einen gesellschaftlichen Nutzen erzielen.

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