Industrieputz

Lobbe erledigt Kehraus auf Prosper Haniel

Das Iserlohner Unternehmen Lobbe ist als Spezialreinigungsunternehmen auf der Kokerei Prosper Haniel und der gerade stillgelegten benachbarten Zeche tätig.

Das Iserlohner Unternehmen Lobbe ist als Spezialreinigungsunternehmen auf der Kokerei Prosper Haniel und der gerade stillgelegten benachbarten Zeche tätig.

Foto: Foto: ArcelorMittal

Bottrop.  Das Iserlohner Unternehmen Industrieservice Lobbe richtet auf Prosper Haniel in Bottrop einen Stützpunkt ein.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Nebenan, auf Zeche Prosper Haniel, kehrt langsam relative Ruhe ein. Ende vergangenen Jahres war Schicht im Schacht und damit das Ende des Steinkohlebergbaus in Deutschland besiegelt. Hier, auf Kokerei Prosper, läuft der Betrieb dagegen weiter auf Hochtouren. Allerdings stammt die Kohle, die auf Prosper zu Koks verarbeitet wird, längst nicht mehr von drüben. „Die kommt aus Australien, ein Teil auch aus den USA und Kanada, manchmal sogar aus Mosambik“, erklärt Michael Gruner. Seit 32 Jahren malocht der 53-Jährige hier. Erst für die Ruhrkohle AG (RAG). Seit 2011 für ArcelorMittal. Gruner ist jetzt zuständig für Kommunikation. Und erzählen kann er so, als wären die guten alten Zeiten noch längst nicht vorbei.

Nachbarschaftshilfe

ArcelorMittal, seit dem Zusammenschluss von Mittal (Niederlande) und Arcelor (Luxemburg) 2006/2007 der weltgrößte Stahlkonzern, übernahm die Kokerei von der Ruhrkohle, überwiegend für den Eigenbedarf der Hüttenwerke in Bremen, Eisenhüttenstadt, Hamburg und Duisburg, aber auch Gent, Dünkirchen und Asturias. Hin und wieder geht sogar etwas Koks an Thyssenkrupp in Duisburg, „wenn die knapp sind“, erzählt Gruner beim Gang entlang der Koksöfen.

Ärger mit der Nachbarschaft

Die sorgen in der Nachbarschaft gerade für eine Menge Unmut. Die Stadt Bottrop hat eine Verzehrwarnung für Gemüse und Obst aus dem eigenen Garten ausgegeben, weil erhöhte Benzo(a)pyrenwerte gemessen wurden. Vor allem vergangenes Jahr seien demnach Grenzwerte überschritten worden. Das Unternehmen lässt gerade alle Ofentüren kontrollieren und im Zweifel neu abdichten. Benzo(a)pyrene gelten als massiv gesundheitsschädlich. Gruner sieht es relativ: Die Grenzwerte lägen weit unterhalb dessen, was beim Verzehr einer ordentlich gegrillten Bratwurst vom Holzkohlegrill aufgenommen würde, sagt der Prospermann mit Leib und Seele. Schwieriges Thema: Wie viel Industrie wird im Jahr 2019 vor der eigenen Haustür noch toleriert, wenn nicht mehr Opa, Vater und Sohn auf Schicht gehen?

480 Beschäftigte malochen auf der Kokerei noch für den Stahlkonzern. Sie sind nicht allein. Auf dem weitläufigen Gelände in Bottrop werken noch bis zu einhundert Mitarbeiter von Fremdfirmen. Eine dieser Firmen ist das Iserlohner Unternehmen Lobbe, dessen bisher größtes Standbein die Entsorgung und Trennung von Abfällen ist. Das andere, mittlerweile ebenso große, ist der Industrieservice. So nennt sich das, wenn Lobbeleute in astronautenartigen Ganzkörperschutzanzügen zum Höchstdruckreiniger greifen oder – wie gerade – mit Vakuumsaugern die „Darre“ vom Schmutz befreien.

Bei der Kokserzeugung fallen Ammonium-Sulfate (Salz von Ammoniak und Schwefelsäure) an, die abgeführt und in einer 20 Meter hohen Backsteinhalle aus dem Gründungsjahr 1928 getrocknet werden. Hin und wieder müssen die Schlämme abgesaugt werden. Seit zwei Jahren übernimmt das Lobbe. Mit 0,9 bar, der Kraft von rund 10.000 Staubsaugern, wird der Schmodder aus der Anlage abgesaugt und in den Lobbewagen gepumpt, der vor der Tür steht.

Spezialisiert auf schwierige Fälle

Die Iserlohner sind Spezialisten. Immer wenn es schwierig wird, scheinen sie am besten zu sein. So sind sie 2016 auch auf Prosper ins Geschäft gekommen. Die Scheibe des 250.000 Kubikmeter fassenden Gasbehälters, umgangssprachlich Gasometer genannt, musste erneuert werden. Bei der Gelegenheit sollte eine Reinigung am Boden erfolgen – eine ziemlich schmierige Angelegenheit, da die Scheibe, die das Gas unten im Behälter von der Umgebungsluft oben trennt, mit zähem Öl abgedichtet wird. „Blitzsauber gemacht“, lautet Grubers Urteil. Daumen hoch. Damit löste Lobbe die Dauerkarte für Arbeiten auf Prosper.

Hüben wie drüben übrigens. Auch beim Kehraus auf der Zeche ist Lobbe dabei. Die Geräte und Förderbänder, die nach und nach aus der Tiefe ans Tageslicht gebracht werden – „Raubbau“ genannt –, müssen gesäubert werden, ehe sie abtransportiert werden können. Auch auf der Kokerei kommen die Hochdruckreiniger mit bis zu 2500 bar zur Reinigung von diversen Teilen zum Einsatz. Die Pumpe erzeugt einen Höllenlärm und die Handhabung ist nichts für Laien. „Der Wasserstrahl funktioniert auch wie ein Schneidbrenner“, erklärt Lobbe-Sprecherin Sabine Günther. Entsprechend aufmerksam müssen die Lobbe-Leute zu Werke gehen. „Es ist schon wichtig, dass unsere Leute wissen, was sie tun“, bemerkt Günther.

Ansage beim Ofensteiger

Aktuell arbeiten bis zu 20 Beschäftigte des Iserlohner Unternehmens in Bottrop, unter der Leitung von Benjamin Rosenthal und Marc Baumann. Sie haben den Überblick, was wo zu tun ist und welche Werkzeuge zum Einsatz kommen. Manchmal sind auch Straßenbesen, Kehrblech und Schubkarre gefragt, wie auf dem Ofendach in luftiger Höhe. Der Anblick von hier oben ist grandios, die Arbeit allerdings nicht ungefährlich.

Erst einmal beim Ofensteiger melden, dass Besuch im Anmarsch ist. Trotz Sicherheitskleidung und obligatorischem Gas-Alarm-Gerät gibt es auf dem Dach der 146 Öfen, in denen Fremdkohle zu Koks verbrannt wird, noch einmal eine Warnung vom Urgestein Michael Gruner. Zwischen zwei riesigen Kohlesilos bewegen sich auf der gesamten Breite des Daches meterhohe Wagen, die aus den Silos die Kohle aufnehmen und anschließend die Öfen befüllen. „Immer zwischen den gelben Linien in der Dachmitte bewegen und nicht auf etwas Metallischem stehen bleiben, sonst schmelzen die Schuhsohlen“, warnt Gruner. Kein Kumpelscherz, in den Koksöfen herrschen höllische Temperaturen – und wenn die tonnenschweren Kohlewagen mit Macht und jaulenden Geräuschen auf die Gruppe zurollen, kommt schon ein mulmiges Gefühl auf.

Rund ein Dutzend Lobbe-Leute kennen die Gefahren auf der Kokerei genau. Sie befreien gerade die Ofendecke mit Muskelkraft und Besen von Kohlestäuben. Pikobello. Oder wie Michael Gruner sagen würde: „So muss eine Ofendecke aussehen!“ Blitzsauber eben. Immer wieder Arbeit für Lobbe. Die Kokerei Prosper ist eben kein Museum – und wird es absehbar auch nicht sein.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (1) Kommentar schreiben