Untersuchungsausschuss

Markus Braun: So lief die Vernehmung des Ex-Wirecard-Chefs

Wirecard-Untersuchungsausschuss in Berlin gestartet

Die erste Sitzung des parlamentarischen Untersuchungsausschusses zum Wirecard-Skandal hat begonnen: Das Gremium mit neun Mitgliedern kam am Donnerstagnachmittag zu seinem konstituierenden Treffen in den Räumen des Bundestags in Berlin zusammen. Dabei wurde der AfD-Abgeordnete Kay Gottschalk zum Ausschussvorsitzenden gewählt.

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Berlin.  Erstmals seit Bekanntwerden des Wirecard-Skandals trat der frühere Chef Markus Braun öffentlich auf – vor dem Untersuchungsausschuss.

Markus Braun fokussiert die braune Tür. Um ihn herum klicken Fotoapparate, Handykameras werden gezückt. Blitzlichtgewitter. Braun trägt einen schwarzen Rollkragenpullover, darüber ein schwarzes Sakko und eine randlose Brille.

So kennt man ihn. Dieses Outfit brachte ihm Vergleiche als österreichische Version von Apple-Gründer Steve Jobs ein. Zwei Pioniere der digitalen Welt. Doch damit ist es für Braun vorbei. Mit schnellen Schritten durchschreitet der hagere Wiener die Tür, den Blick nach vorn gerichtet.

Aber auch im Sitzungssaal wird der als öffentlichkeitsscheu geltende Sohn eines Lehrerpaares die Fotografen nicht los. Erst nach einigen Minuten müssen sie den Saal verlassen. Braun aber bleibt, die Hände gefaltet. Der unangenehme Teil steht ihm noch bevor.

Wirecard: Braun wäre lieber per Video vernommen worden

18 Jahre lang stand Markus Braun an der Spitze des Zahlungsdienstleisters Wirecard . Aus einem kleinen Start-up formte er einen Dax-Konzern. Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Eine Erfolgsgeschichte, die zu schön war, um wahr zu sein . Und die ein jähes Ende fand, als Braun im Juni erklären musste, dass 1,9 Milliarden Euro verschwunden seien.

Am Donnerstag musste Braun nun erstmals seit dem Bekanntwerden des Skandals öffentlich auftreten. Der Untersuchungsausschuss zum Wirecard-Skandal hatte den promovierten Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler vorgeladen. Braun hätte die Öffentlichkeit gern gemieden, bot einen Deal an: Er werde aussagen, wenn er per Videokonferenz vernommen werde. Die Abgeordneten lehnten ab, sie wollten Braun persönlich vernehmen – und der Bundesgerichtshof gab ihnen im Eilverfahren recht.

Markus Braun: „Ich wohne derzeit in der JVA Augsburg“

Wie tief der Absturz des Markus Braun ist, wird schon bei der ersten Formalie deutlich. Braun muss sich vorstellen. „Ich heiße Markus Braun, ich bin 51 Jahre, ich wohne derzeit in der JVA Augsburg und ich bin Wirtschaftsinformatiker“, sagt Braun, die Stimme sanft, der Wiener Dialekt schwingt mit.

Seit Juli sitzt der 51-Jährige in Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt Gablingen. Die Staatsanwaltschaft München I wirft dem früheren Wirecard-Chef gewerbsmäßigen Bandenbetrug vor. Und eigentlich hätte sie ihn gar nicht nach Berlin lassen wollen. Denn allein mit seinem Blick könne er Zeugen einschüchtern – das sei „gefährlich für die Ermittlungen“, zitiert der „Spiegel“ aus einer internen E-Mail der Staatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl.

Braun sieht kein unlauteres Verhalten bei Behörden

Dieser Blick fixiert im Laufe der Befragung die Abgeordneten, einen nach dem anderen. Die blauen Augen hinter der randlosen Brille nehmen jeden einzelnen Fragesteller ins Visier, konzentriert, durchdringend. Zunächst aber verliest der frühere Wirecard-Chef eine kurze Erklärung.

Darin kündigt Braun an, mit der Staatsanwaltschaft zu kooperieren und sich zeitnah äußern zu wollen. „Am Ende werden unabhängige Gerichte entscheiden, wer die Verantwortung für den Zusammenbruch des Unternehmens Wirecard trägt“, liest Braun mit sanfter Stimme vor. Und fügt an: Er habe persönlich nicht festgestellt, dass „sich Behörden, Aufsichtsstellen oder Politiker nicht korrekt, pflichtwidrig oder in irgendeiner Form unlauter verhalten hätten“.

Auch die Wirtschaftsprüfer, deren Rolle besonders umstritten ist, und der Wirecard-Aufsichtsrat hätten sich nach Brauns Auffassung korrekt verhalten, seien aber „offenbar massiv getäuscht worden“. Nur von wem? Von Braun selbst? Vom flüchtigen Ex-Manager Jan Marsalek ?

Nach dem Eingangsstatement mauert Braun

Das versuchen die Mitglieder des Untersuchungsausschusses in den nächsten Stunden herauszufinden. Braun aber beruft sich auf sein Auskunftsverweigerungsrecht . Wieder und wieder. Dabei verzieht er keine Miene. Er fixiert den Fragesteller, hört sich die Frage an und teilt mit, sich nicht weiter äußern zu wollen.

Die Befragung wird zur Farce. Den Abgeordneten ist bewusst, dass sie keine nützlichen Informationen mehr erlangen werden. Also führen sie Braun bisweilen vor. „Seinen Geburtstag verbringt man ja mit seinen Lieben. Mit wem haben Sie eigentlich Ihren 50. Geburtstag verbracht?“, fragt der CDU-Abgeordnete Matthias Hauer, wohl wissend, dass der Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Jörg Kukies, mit Braun an seinem 50. Geburtstag in Kontakt stand.

Außerdem hakt Hauer keck nach, ob Braun vielleicht etwas zu Jan Marsalek sagen wolle – beispielsweise zu seinem Aufenthaltsort. Braun zeigt keine Regung, beruft sich auf sein Zeugnisverweigerungsrecht. Doch es wird noch härter für den Ex-Wirecard-Chef.

Braun wird hart attackiert

Mit allen Mitteln versuchen die Abgeordneten, ihn aus der Reserve zu locken. So fragt der Linke-Politiker Fabio De Masi, ob Braun eine Tochter habe. Nachdem Braun auf die Frage nicht eingeht, fragt De Masi weiter, ob Wirecard Zahlungen für Portale mit kinderpornografischen Inhalten abgewickelt habe und ob Braun finde, etwas aus seinem Leben gemacht zu haben.

Braun, sonst meist regungslos, pocht mit den Händen auf das Blatt Papier, auf dem seine Erklärung steht. „Ich werde mich hier nicht zu den Sachverhalten äußern.“ Als De Masi im Verlauf der Vernehmung erneut nachhakt, bittet Braun, seine Familie außen vor zu lassen.

Die Abgeordneten löchern weiter, Braun ist konzentriert, zählt mit, wie oft sich Fragen wiederholen. Seine Geheimnisse verrät der mysteriöse Manager an diesem Nachmittag aber nicht.

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