Körperverletzung

Prozess um Säureanschlag auf Ex-Innogy-Manager gestartet

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Bernhard Günther (li.), ehemaliger Finanzchef von Innogy, und sein Rechtsanwalt Martin Meinberg (re.) vor Beginn des Prozesses. Günther war im März 2018 bei einem Säure-Attentat schwer verletzt worden.

Bernhard Günther (li.), ehemaliger Finanzchef von Innogy, und sein Rechtsanwalt Martin Meinberg (re.) vor Beginn des Prozesses. Günther war im März 2018 bei einem Säure-Attentat schwer verletzt worden.

Foto: Federico Gambarini / dpa

Wuppertal/Haan.  Rund vier Jahre nach dem Säure-Attentat auf Topmanager Bernhard Günther hat in Wuppertal der Prozess begonnen. Was Günther sich davon erhofft.

Manager Bernhard Günther war joggen, danach hatte er noch frische Brötchen geholt, als es passierte: Ungefähr 200 Meter vor seiner Haustür in Haan lauerten zwei Unbekannte dem damals 51-Jährigen in einer Grünanlage auf und schütteten ihm hochkonzentrierte Schwefelsäure über den Kopf.

Günther, damals Finanzvorstand der RWE-Tochter Innogy, wurde am Sonntagmorgen des 4. März 2018 mit schweren Verätzungen in eine Spezialklinik gebracht, schwebte zeitweise in Lebensgefahr. Er hatte sich noch nach Hause schleppen und einen Teil der Säure mit Wasser vom Körper spülen können.

42-jähriger Belgier war im Dezember 2021 festgenommen worden

Mehr als vier Jahre später hat am Wuppertaler Landgericht am Freitag der Prozess gegen einen der mutmaßlichen Säure-Attentäter begonnen. Der 42-Jährige Belgier war im vergangenen Dezember in der belgischen Provinz Limburg festgenommen worden: Seine DNA war am Tatort sichergestellt worden. Ein Abgleich ergab einen Volltreffer. Sein Verteidiger wollte sich im Vorfeld des Prozesses nicht zu den Vorwürfen äußern. Nach seiner Festnahme hatte der 42-Jährige zu den Vorwürfen geschwiegen.

Zum Prozessauftakt appellierte der Vorsitzende Richter an den Angeklagten, sich nun doch zu äußern. „Es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen Schuldspruch“, sagte er, und ein Geständnis zu einem früheren Zeitpunkt könnte strafmildernde Wirkung haben. Diesem Appell schloss sich Nebenklagevertreter Martin Meinberg angesichts der „dringenden Verdachtslage“ gegen den 42-Jährigen an. Meinberg bat den Angeklagten, „Ross und Reiter zu nennen“. Dies sei für Günther, seine Familie und sein Seelenleben „ein ganz erheblicher Beitrag, um ein Stück Wiedergutmachung zu leisten“.

Der Säureanschlag auf Günther hatte für internationales Aufsehen gesorgt. „Ziel des Anschlags war es, ihn zu entstellen“, hatte eine Sprecherin der Wuppertaler Staatsanwaltschaft gesagt. Trotz hoher Belohnung des Unternehmens, das 100 000 Euro auf die Täter ausgesetzt hatte, dauerte es eineinhalb Jahre, bis die Ermittler 2019 einen ersten Verdächtigen in Köln bei einem Sportturnier festnehmen konnten - und diesen kurz darauf aber wieder freilassen mussten, weil die Beweislage nicht ausreichte. Danach dauerte es weitere zwei Jahre, bis die Ermittler endlich einen Erfolg verkünden konnten: Die Festnahme jenes Mannes, der seither in Untersuchungshaft auf seinen Prozess wartet.

Günther vermutet Auftraggeber des Anschlags im beruflichen Umfeld

Günther ist inzwischen Finanzvorstand des finnischen Energieversorgers Fortum. Den Auftraggeber des Anschlags vermutete er im beruflichen Umfeld. Er habe einen konkreten Verdacht, werde aber keinen Namen nennen. Wenige Tage nach dem Überfall war bekannt geworden, dass die RWE-Tochter Innogy zerschlagen und Teile vom Konkurrenten Eon übernommen werden sollten.

Sollte Ziel des Anschlags gewesen sein, den Finanzvorstand dabei als Rivalen aus dem Weg zu räumen, misslang dies: Günther blieb als einziger Vorstand nach der Übernahme durch Eon im Amt. 2019, rund ein Jahr nach dem brutalen Anschlag, trat er deutlich gezeichnet bei einer Bilanzpressekonferenz erstmals wieder in der Öffentlichkeit auf.

Opfer steht mutmaßlichem Peiniger im Gerichtssaal gegenüber

Günthers Anwalt Martin Meinberg wird ihn nun als Nebenkläger im Prozess vertreten. Das inzwischen 55-jährige Opfer trat seinem mutmaßlichen Peiniger am Freitagmorgen im Gerichtssaal gegenüber. Er wünsche sich, so Günther, dass der Fall „aufgeklärt wird bis zum Auftraggeber“. Das sei kein einfacher, aber ein wichtiger Tag für ihn und seine Familie.

Er spüre jeden Morgen, „dass die Welt nicht mehr so ist, wie sie mal war“, sagt Bernhard Günther. „Die Folgen bleiben für immer. Das, was Sie sehen, ist der Kunst des Make-ups geschuldet.“

Dem 42-jährigen Angeklagten drohen im Fall einer Verurteilung zwischen drei und 15 Jahren Haft wegen absichtlicher schwerer Körperverletzung. Das Gericht hat für den Fall bis Ende August acht Verhandlungstage angesetzt. (AFi/mit dpa)

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