Onlinehandel

So drängt Chinas Internetgigant Alibaba auf Europas Märkte

Jack Ma hat in den 1990er-Jahren Alibaba gegründet. Er formt den Konzern zum globalen Handelsgiganten.

Jack Ma hat in den 1990er-Jahren Alibaba gegründet. Er formt den Konzern zum globalen Handelsgiganten.

Foto: dpa Picture-Alliance / / picture alliance/dpa

Peking  Der chinesische Onlinekonzern Alibaba baut sein Handelsnetz aus – auch mit Übernahmen in Deutschland. Die Branche ist schon alarmiert.

Der Angriff auf den europäischen Onlinehandel geschah leise und von der Öffentlichkeit weitestgehend unbemerkt. Ende vergangenen Jahres kündigte der chinesische Onlinehändler Alibaba an, am belgischen Flughafen Lüttich auf einer Fläche von mehr als 220.000 Quadratmetern ein gigantisches Logistikzentrum einzurichten.

Eine Investitionssumme von mindestens 75 Millionen Euro hat Alibaba allein für diesen ersten Schritt nach Europa vorgesehen. Dann folgte Anfang Januar die Übernahme des Berliner Start-ups Data Artisans für etwa 90 Millionen Euro. Und auch das Gerücht, Alibaba könnte den deutschen Onlinehändler Zalando übernehmen, hält sich hartnäckig.

Die Branche ist alarmiert – nach Amazon könnte ein weiterer außereuropäischer Onlinekonzern Deutschland überrollen. Alibaba aber hat mit seinen jüngsten Vorstößen nicht den deutschen Konsumenten im Blick – zumindest vorerst nicht. Noch geht es dem Händler um den heimischen Markt in China.

Alibaba: Auf chinesischem Markt schlummert noch viel Potenzial

„Mehr als eine halbe Milliarde Konsumenten auf unseren Marktplätzen beginnen Konsumerfahrungen in China bei Alibaba“, sagt Terry von Bibra, Europa-Chef des chinesischen Internetgiganten. Das berge ein enormes Potenzial. Er veranschaulicht das an zwei Zahlen: Rund 1,4 Milliarden Menschen leben in China. Über 700 Millionen Menschen sind bereits regelmäßig online.

Das würde bedeuten: Weitere 700 Millionen Menschen benutzen das Internet noch nicht — was sich aber bald ändern könnte. Made in Germany sei unter chinesischen Konsumenten zugleich ein hochgeschätztes Qualitätssiegel, betont von Bibra.

Alibaba nicht in erster Linie an deutschen Konsumenten interessiert

„Unser Schwerpunkt in Deutschland liegt daher darauf, hiesigen Marken und Händlern zu helfen, die über 600 Millionen jährlich aktiven Konsumenten auf unseren Handelsmarktplätzen zu erreichen.“ Das Logistikzentrum in Lüttich diene als „Gateway to China“. Oder wie es der Onlinehandel- und China-Experte Olaf Rotax des Beratungsunternehmens dgroup, Teil des globalen Accenture-Netzwerks, beschreibt: „An den deutschen Konsumenten ist Alibaba nicht in erster Linie interessiert.“ Das Drehkreuz in Lüttich sei „Baustein eines viel größeren Plans“.

Alibaba ist Chinas größtes privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen. In den 1990er-Jahren als Online-Kontaktbörse zwischen chinesischen und ausländischen Firmen gegründet, zählt Alibaba mit seinen Handelsplattformen Taobao und Tmall heute zu einem der größten Onlinekonzerne der Welt. Das Unternehmen beschäftigt 66.000 Vollzeitkräfte und ist an der Wall Street mehr als 500 Milliarden Dollar wert. Allein im vergangenen Jahr setzte Alibaba Waren im Wert von über 550 Milliarden Dollar um.

Darum hinkt der Vergleich von Alibaba mit Amazon

Alibaba-Gründer Jack Ma ist mit einem geschätzten Vermögen von rund 40 Milliarden Dollar der reichste Mann Chinas. Er mischt sich auch gerne in die öffentliche Debatte ein. Zuletzt verteidigte er die 72-Stunden-Woche in China, gegen die derzeit viele IT-Spezialisten aufbegehren. Im vergangenen Herbst sorgte Alibaba-Chef Jack Ma für Verwirrung mit einer Rücktrittsankündigung.

Im Westen wird Alibaba häufig als „chinesisches Amazon“ bezeichnet. Der Vergleich hinkt. Amazon ist Händler und bietet auf seinem Marketplace anderen Onlinehändlern einen weiteren Verkaufskanal.

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Alibaba will als Logistikdienstleister zur Weltmarktführerschaft

Alibaba hingegen ist ein Plattformanbieter. Eigene Lagerhallen benötigt Alibaba nicht. Zudem ist Alibaba mit seinen Geschäftsfeldern noch breiter aufgestellt als der US-Konkurrent. Neben seinen Verkaufsplattformen betreibt Alibaba den Online-Bezahldienst Alipay. Dieser ist in einigen Geschäften wie etwa bei der Drogeriekette Rossmann auch in Deutschland nutzbar – allerdings nur für chinesische Kunden.

Vor allem aber als Logistikdienstleister will Alibaba nun zum Weltmarktführer aufsteigen. Seit rund zwei Jahren ist das Unternehmen bereits Mehrheitseigner von Cainiao, einem Zusammenschluss mehrerer großer Logistikunternehmen in China. Mit Cainiao verfolgt Alibaba das Ziel, Bestellungen aus der Volksrepublik binnen 24 Stunden weltweit zu ihren Zielen zu bringen. Auch das ist nur ein Zwischenschritt.

Weltweite Lieferung innerhalb von drei Tagen

Jack Ma spricht von „electronic World Trade Platform“, kurz eWTP. Hinter dieser sperrigen Abkürzung verbirgt sich sein Ziel, eine Plattform zu schaffen, die Hersteller weltweit direkt mit den Endkunden zusammenbringt. Von allen Punkten der Welt zu allen Punkten sollen Pakete spätestens innerhalb von drei Tagen geliefert werden können. Ein gewaltiges Unterfangen, das so noch kein Logistikunternehmen hinbekommen hat.

Das Logistikzentrum in Lüttich ist denn auch nur ein Drehkreuz von mehreren. Vergleichbare Stützpunkte hat Alibaba außer seinem Unternehmenssitz im ostchinesischen Hangzhou auch in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur sowie in Ruanda errichten lassen. Ein weiteres Versandzentrum soll in Bulgarien entstehen.

Mehr als 13 Milliarden Euro will Alibaba in den nächsten fünf Jahren für sein weltumspannendes Netz investieren. Oder wie es der Handelsexperte Rotax bezeichnet: „ein digitales Pendant zur Welthandelsorganisation“.

• Nicht nur Alibaba drängt nach Europa. Auch Chinas Überwachungs-App WeChat breitet sich weiter aus.

• Und auch das Land als Ganzes hat große Pläne: China will zum führenden Hightech-Land aufsteigen.

(Felix Lee)

Das Drehkreuz in Lüttich ist Baustein eines viel größeren Plans
Olaf Rotax Beratungsunternehmen dgroup

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