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„Spiegel“: Abschlussbericht zur Relotius-Affäre ist fertig

Der Abschlussbericht einer dreiköpfigen Prüfkommission zur Relotius-Affäre ist fertig.

Der Abschlussbericht einer dreiköpfigen Prüfkommission zur Relotius-Affäre ist fertig.

Foto: S. Steinach / imago/Steinach

Hamburg  Was bedeutet die Relotius-Affäre für den „Spiegel“? Der Bericht einer dreiköpfigen Prüfkommission liegt nun nach mehreren Monaten vor.

Über vier Monate nach Bekanntwerden der Affäre um den ehemaligen „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius, der 55 Artikel komplett oder in Teilen fälschte, liegt nun der Abschlussbericht einer dreiköpfigen Prüfkommission zu dem Fall vor. Er wurde am Dienstag Chefredaktion und Geschäftsführung übergeben.

Der „Spiegel“ plant anhand des Berichts eine große Geschichte über die Affäre, die in der letzten oder vorletzten Mai-Ausgabe erscheinen soll. Offiziell werden diese Pläne noch nicht bestätigt.

Bisher ist unbekannt, was konkret in dem 30 bis 50 Seiten starken Report steht, den Nachrichtenchef Stefan Weigel, der einstige Blattmacher Clemens Höges – der nach seiner Berufung zum Chefredakteur Mitte April aus der Kommission ausschied – und, als einzige Externe, die ehemalige Chefredakteurin der „Berliner Zeitung“, Brigitte Fehrle, verfassten.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es in dem Bericht ganz wesentlich auch um die Strukturen des umstrittenen „Spiegel“-Gesellschaftsressorts geht, dessen Mitglied Relotius war. Über das Ressort sind – auch unabhängig von der Person Relotius – viele Geschichten im Umlauf.

Zweifel an Authentizität von Bewerbungs-Reportage

Eine dieser Storys, in deren Zentrum zwei seiner Mitglieder stehen, hat sich Anfang 2013 an der Henri Nannen Schule zugetragen. Dort sollte eine mit hochrangigen Journalisten besetzte Kommission neue Journalistenschüler auswählen. Eine 18-jährige Abiturientin hatte sich mit einer schon fast zu perfekten Reportage über die erste Transplantation eines Herzchirurgen beworben.

• Hintergrund:

An deren Authentizität hatte Schulleiter Andreas Wolfers, eines der Kommissionsmitglieder, aufgrund mehrerer Ungereimtheiten Zweifel. Auf die Frage eines Kommissionsmitglieds, ob ihr jemand geholfen habe, antwortete die Bewerberin: „Ja, Takis Würger.“ Würger war und ist Redakteur im „Spiegel“-Gesellschaftsressort. Er hat kürzlich den höchst umstrittenen Bestseller „Stella“ veröffentlicht.

Ein Ressortkollege Würgers, der damals in der Kommission saß, simste den Journalisten an. Was in der darauffolgenden Besprechung der Kommission geschah, ist unklar. Eine knappe Mehrheit ihrer damaligen Mitglieder, die erreichbar und bereit sind, sich zu dem Thema zu äußern, sagt, sie könnten sich nicht erinnern.

Fragen werden nicht beantwortet

Drei Mitglieder geben an, der Mann aus dem „Spiegel“-Gesellschaftsressort habe sich für die Bewerberin stark gemacht. Zwei von ihnen behaupten, er habe sich dabei auf Würger berufen, der ihm mitgeteilt habe, die Abiturientin sei eine gute Schreiberin, man solle sie an der Schule annehmen. Diese Darstellung wird von dem betroffenen Kommissionsmitglied bestritten. Er sagt, er habe sich nicht für die Abiturientin stark gemacht. Diese Darstellung bestätigt auch Schulleiter Wolfers.

Die Bewerberin wurde abgelehnt. Später gab sie gegenüber Wolfers an, die Klinik habe ihr auf Nachfrage gesagt, die Operation, bei der sie angeblich dabei war, sei doch nicht die erste Herzverpflanzung des Chirurgen gewesen.

Würger bestätigt auf Anfrage, dass er 2013 einer „Bewerberin meinen Rat gegeben“ habe. „Mit einem möglichen Betrugsversuch“ habe er aber „nichts zu tun“. Weitergehende Fragen beantwortet Würger nicht. (Kai-Hinrich Renner)

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