Start-Ups

Warum es in Deutschland immer mehr „Einhörner“ gibt

| Lesedauer: 7 Minuten
Hoch hinaus mit Mini-Raketen aus Deutschland

Hoch hinaus mit Mini-Raketen aus Deutschland

Mehrere deutsche Start-Ups wollen im privaten Raumfahrtsektor mitmischen und mit beispielsweise Mini-Launchern Firmen wie SpaceX Konkurrenz machen.

Beschreibung anzeigen

Berlin.  Sie sind jung und erfolgreich: Start-Ups mit einer Milliardenbewertung werden als „Einhörner“ bezeichnet. Warum die Zahl wächst.

Wenn Steve Sloan aus der Glasfront im vierten Stock schaut, sieht er den Wandel. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Berliner Ortsteil Gesundbrunnen ragen die roten Backsteinhallen des ehemaligen Elektrokonzern-Riesens AEG in die Höhe. Die Maschinen und Motoren, die hier in schweißtreibender Arbeit produziert wurden, gingen einst um die Welt.

Das ist die Vergangenheit. 1982 ging AEG insolvent, ein Jahr später wurden die großen Werkstore geschlossen. Lässt Steve Sloan seinen Blick nach unten gleiten, sieht er die Zukunft. Junge Menschen, die in die Etagen des Glasbaus unter Sloans Füßen strömen. Programmierer, Entwickler, Designer. Aus 74 verschiedenen Nationen. Die für ihre Arbeit auf der Suche nach Inspiration in den firmeneigenen Yogaraum gehen oder per digitalen Whiteboards auf kleinen virtuellen Zetteln mit Kolleginnen und Kollegen in der ganzen Welt kommunizieren.

Sloan kennt den Wandel. Sieben Jahre im Management von Microsoft, eine rund einjährige Stippvisite bei Amazons Cloud-Tochter Web Services sowie Führungspositionen bei verschiedenen Unternehmen im Silicon Valley haben ihn in seiner Arbeitsweise geprägt.

Start-Ups: Milliardeninvestitionen in die Jungunternehmen nehmen zu

Eine Arbeitsweise, die er nun bei einem milliardenschweren, aber doch weitestgehend unbekannten deutschen Unternehmen etabliert: Contentful. Die Berliner Softwareschmiede bietet eine Plattform an, über die Unternehmen Inhalte gestalten und in Echtzeit auf Apps oder Webseiten ausspielen können. Zu den Kunden zählen Unternehmen wie Ikea oder Zalando sowie nach Unternehmensangaben rund 30 Prozent der 500 umsatzstärksten Unternehmen der USA, der sogenannten Fortune 500.

In Deutschland, wo das Start-up vor sieben Jahren gegründet wurde, hat es Contentful erst vor Kurzem zu mehr Beachtung gebracht. Nach einer jüngsten Geldspritze in Höhe von 175 Millionen US-Dollar (rund 150 Millionen Euro) bringt die Tech-Firma eine Bewertung von mehr als drei Milliarden Dollar auf die Waage – und ist damit in das Reich der Fabelwesen vorgestoßen.

Als „Unicorns“, also Einhörner, werden in der Unternehmenswelt Start-ups bezeichnet, die bereits vor einem Börsengang mit mehr als einer Milliarde US-Dollar bewertet werden. Die Horde der Einhörner in Deutschland wächst rasant.

Die Stimmung zur Start-Up-Kultur dreht sich

Deutschland hatte in der Start-up-Szene lange keinen guten Ruf. Zu langsam, zu bürokratisch, zu wenig digitalaffin. Jungunternehmen, die ihr Glück in der digitalen Welt suchen, versuchten es lieber anderswo. Im Silicon Valley oder auch in London oder Paris. Zumal sich dort leichter Investoren finden lassen, die an die Wachstumsgeschichten glauben. Deutschland dagegen gilt als risikoavers.

„Die Stimmung dreht sich“, sagt Steve Sloan. „Wenn ich mit Investoren und Gründern aus dem Silicon Valley spreche, gilt Deutschland mittlerweile als angesagter Standort.“ Sloans subjektive Einschätzung lässt sich mit Zahlen untermauern. Allein im ersten Halbjahr des aktuellen Jahres flossen laut der Beratungsgesellschaft EY rund 7,6 Milliarden Euro in deutsche Start-ups – dreimal mehr als im Vorjahreszeitraum und so viel wie noch nie zuvor.

Deutschland zählt derzeit 19 Einhörner

Der US-Analyseplattform CB Insights zufolge zählt Deutschland derzeit 19 Einhörner – elf von ihnen sind in diesem Jahr in den Kreis aufgestiegen. Zu den bekanntesten deutschen Einhörnern zählen der Flixbus-Konzern Flixmobility, der Reiseanbieter GetYourGuide, sowie die Smartphone-Direktbank N26.

Andere haben die Runde jüngst wieder verlassen und den Sprung an die Börse gewagt, darunter beispielsweise der Hamburger Online-Modehändler About You, der Online-Gebrauchtwagenhändler Auto1 oder der Flugtaxibauer Lilium.

Niedrigzinsumfeld zieht Investoren an

„Insgesamt stellen wir fest, dass das deutsche Start-up-Ökosystem wächst und reift“, sagte Christian Miele, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Deutsche Startups, unserer Redaktion. Dabei schien die Ausgangslage vor eineinhalb Jahren noch eine ganz andere zu sein. Mit Ausbruch der Corona-Pandemie hatten viele Start-ups die Sorge, unter die Räder zu geraten. Finanzierungsrunden fielen aus, die Investoren hielten ihr Geld zusammen.

Die Entwicklung hielt allerdings nicht lange an. EY kommt in seinem Start-up-Barometer zu dem Schluss, dass gerade im Niedrigzinsumfeld Investoren nach attraktiven Anlagemöglichkeiten suchen würden. „Die starke Zunahme an Unicorns ist Ergebnis einer langjährigen erfolgreichen Entwicklung, die sicher teilweise auch von dem andauernden Niedrigzinsumfeld profitiert“, sagt auch Verbandschef Miele.

Start-Ups profitieren von beschleunigter Digitalisierung

Und noch ein Faktor kommt hinzu: Die Pandemie hat die Digitalisierung beschleunigt, das Interesse an neuen, innovativen Lösungen entfacht. „Es gibt sehr erfolgreiche Beispiele von deutschen Start-ups. Die Angst, dass Geschäftsmodelle nicht funktionieren, wird von diesen Beispielen widerlegt. Wenn Unternehmen um 70, 80, 90 Prozent pro Jahr wachsen, dann wollen Investoren nicht nur an der Seitenlinie stehen. Sie wollen dabei sein“, sagt Contentful-Chef Steve Sloan.

Die Pandemie habe sowohl das Kaufverhalten als auch den Online-Handel verändert. „Die Kunden wollen nicht mehr nur eine schmucklose Webseite haben“, sagt Sloan. „Sie wollen digital das erleben, was sie sonst auch im Geschäft erfahren. Licht, Musik, Atmosphäre – all das muss digital stattfinden. Auch der Online-Einkauf muss zum Erlebnis werden.“

86.000 IT-Fachkräfte fehlen in Deutschland

Contentful wächst in der Krise. 650 Beschäftigte zählt das Einhorn an seinen drei Standorten Berlin, San Francisco und Denver. Schon im nächsten Jahr sollen es über 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sein. Wie aber lockt man die begehrten Digital-Talente an?

Selbst im Pandemiejahr 2020 konstatierten sieben von zehn Unternehmen einen Mangel an IT-Spezialisten, wie aus einer Studie des Digital-Branchenverbandes Bitkom hervorgeht. Obwohl viele Unternehmen einen Einstellungsstopp verhängten, blieben demnach rund 86.000 offene Stellen für IT-Fachkräfte unbesetzt.

Steve Sloan greift bei der Suche nach Fachkräften auf seine Erfahrung bei Microsoft und Amazon zurück „Engagierte Beschäftigte sorgen mit ihren Produkten für glückliche Kunden – dann geht der Umsatz von alleine hoch“, sagt er. Die Zufriedenheit erhöhen und Kreativität wecken – das fängt schon beim Arbeitsplatz an. Im neuen Berliner Firmensitz gibt es ein Yoga- und Fitnessstudio, ein Theater, Eltern-Kind-Räume, mit Moos behangene Schlafecken – für klassische Großraumbüros ist kein Platz mehr.

Weitere Start-Ups sind schon in Wartestellung

Derzeit genießt Sloan den Einhorn-Status: „Solche Zwischenschritte sind eine Motivation für uns.“ Möglich sei aber auch, dass Contentful perspektivisch sein Glück an der Börse suche. „Ein Börsengang ist eine denkbare Option, um Geld einzusammeln“, sagt Sloan.

Damit würde Contentful den Kreis der Einhörner wieder verlassen. Doch andere Start-ups warten schon darauf aufzurücken, sagt Verbandschef Miele: „Die Pipeline für neue Unicorns, sog. Soonicorns, ist gut gefüllt.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Wirtschaft

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben