Konzernumbau

Thyssenkrupp plant Transfergesellschaft für Stahl-Zentrale

Der Stahlstandort Duisburg von Thyssenkrupp: Hier will der Konzern sparen, aber auch kräftig investieren.

Der Stahlstandort Duisburg von Thyssenkrupp: Hier will der Konzern sparen, aber auch kräftig investieren.

Foto: Hans Blossey / www.blossey.eu

Duisburg/Essen.  Abfindungen, Versetzungen, Kurzarbeit, Transfergesellschaft: Bei Thyssenkrupp kommen auf die Belegschaft der Stahlsparte viele Veränderungen zu.

Wie sehr die Corona-Krise den Konzern Thyssenkrupp betrifft, war bei den Verhandlungen zur Zukunft der Stahlsparte nicht zu übersehen. Mit Mundschutz saßen die Manager und Gewerkschafter am Verhandlungstisch in Duisburg – ganz oben auf der Tagesordnung: ein „Sofortpaket“ in Sachen Corona-Pandemie. Die Gespräche liefen bis spät in die Nacht zum Mittwoch. Erst kurz nach Mitternacht verschickten Unternehmen und IG Metall Mitteilungen mit weitreichenden Beschlüssen zu den nordrhein-westfälischen Stahl-Werken: Standorte werden geschlossen, Stellen gestrichen, Beschäftigte versetzt.

Dies wäre voraussichtlich auch ohne die Corona-Krise so entschieden werden. Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie, allen voran ein Produktionsstopp bei wichtigen Stahlabnehmern wie VW und Daimler, erhöhen den Handlungsdruck bei Thyssenkrupp aber zusätzlich.

„Wir werden in den nächsten Wochen beim Stahl an vielen Standorten in Kurzarbeit gehen müssen“, sagt Personalvorstand Oliver Burkhard. „Das betrifft zunächst die produktionsnahen Bereiche, aber auch die Verwaltung.“ Die finanziellen Folgen für die Mitarbeiter will das Unternehmen teilweise abmildern. So soll das Kurzarbeitergeld auf 80 Prozent des Gehalts aufgestockt werden, in anderen Branchen erhalten betroffene Beschäftigte lediglich 60 Prozent.

Abbau von rund 3000 Arbeitsplätzen in der Stahlsparte

Die Mitarbeiter der Stahlsparte müssen sich ohnehin auf tiefe Einschnitte einstellen. Bis zum Jahr 2026 will Thyssenkrupp rund 3000 der 28.000 Arbeitsplätze in diesem Bereich abbauen, viele davon im Ruhrgebiet. Mit dem Betriebsrat und der IG Metall einigte sich das Management auf einen Sozialplan für den Arbeitsplatzabbau sowie einen neuen Tarifvertrag, der Versetzungen von Beschäftigten in der Stahlsparte ermöglicht.

Der Stellenabbau im Zuge der neuen „Stahlstrategie 20-30“ soll in mehreren Schritten erfolgen: Bis zu 2000 Jobs fallen demnach in den nächsten drei Jahren weg, weitere etwa 1000 Stellen bis 2026.

Insbesondere in der Verwaltung will Thyssenkrupp die Kosten senken. Jede dritte der insgesamt 3000 Stellen soll hier verschwinden. Dem Vernehmen nach ist für die Duisburger Verwaltung der Stahlsparte unter anderem eine Transfergesellschaft geplant – ähnlich wie für die Essener Konzernzentrale. Ein Ziel ist, Beschäftigten über 60 Jahren Angebote zu machen, die einen Übergang in die Rente ohne zu große finanzielle Einbußen ermöglichen. Auch Programme für Altersteilzeit sind geplant.

Grobblech-Werk in Duisburg-Hüttenheim droht Schließung

Die Formel für die Abfindungen soll in der Regel sein: Betriebszugehörigkeit (Jahre) mal Monats-Bruttoeinkommen mal 0,5. Bei 40 Jahren im Betrieb und einem Monatsgehalt von 4200 Euro ergibt sich demnach eine Abfindung in Höhe von 84.000 Euro. Über ein „Freiwilligenprogramm“ will das Management möglichst viele Beschäftigte aus rentennahen Jahrgängen von einem vorzeitigen Ausstieg aus dem Beruf überzeugen.

Vom Grobblech-Werk in Duisburg-Hüttenheim wird sich Thyssenkrupp verabschieden – entweder durch einen Verkauf oder eine Abwicklung. Bis Ende des Jahres soll nach einem Erwerber gesucht werden. Bleibt dies erfolglos, soll das Werk bis Ende September 2021 geschlossen werden. „Schmerzlich“ sei das, betont Stahl-Gesamtbetriebsratschef Tekin Nasikkol und spricht in einer Telefonkonferenz am Mittwochnachmittag von „Missmanagement“ in den vergangenen Jahren. 800 Arbeitsplätze im Duisburger Süden sind betroffen. Klar sei aber, dass „niemand ins Bergfreie“ falle. Das Ziel müsse sein, dass die Grobblech-Einheit nicht an „einen Abwracker“ verkauft werde, mahnt der nordrhein-westfälische IG Metall-Chef Knut Giesler.

Ein Bochumer Stahlwerk soll verschwinden

Von den 3000 abzubauenden Jobs sollen ab dem Jahr 2022 rund 1200 Stellen durch eine „Optimierung des Produktionsnetzwerks“ entfallen. So will sich Thyssenkrupp auch von einem Standort in Bochum verabschieden: Das Bochumer Elektrobandwerk (Castroper Straße) soll zum Thyssenkrupp-Stahlstandort in Sichtweite der A40 (Essener Straße) verlagert werden, die dortige Warmband-Produktion dann nach Duisburg abwandern. Ziel sei es, am verbleibenden Standort ein „Kompetenzzentrum Elektromobilität“ zu schaffen, wie Nasikkol erläuterte. Damit biete sich eine „sehr gute Perspektive für den Stahlstandort Bochum“. In den beiden Bochumer Werken arbeiten derzeit insgesamt rund 2500 Beschäftigte. Im Zuge der Standortschließung sollen 400 Stellen wegfallen. Der Umbau in Bochum ist dem Vernehmen nach für die Jahre 2023 bis 2026 geplant.

Durch die Einigung mit den Arbeitnehmervertretern erhalte Thyssenkrupp „deutlich mehr Flexibilität, um Mitarbeitende auf andere Stellen zu versetzen“, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens. Der Stellenabbau soll ohne betriebsbedingte Kündigungen erfolgen, betont Thyssenkrupp. Eine entsprechende Garantie des Konzerns gilt bis Ende März 2026.

Betriebsrat spricht von „Sicherheit in sehr schwierigen Zeiten“

„Wir haben Probleme zu lange aufgeschoben und harte Entscheidungen gescheut“, räumt Thyssenkrupp-Vorstand Klaus Keysberg ein. „Die Vereinbarungen geben uns Handlungsspielraum, damit der Stahl langfristig wettbewerbsfähig bleiben kann.“ Ziel sei „die Technologieführerschaft beim Stahl“.

Betriebsrat und IG Metall stimmt zuversichtlich, dass Thyssenkrupp in den kommenden Jahren erheblich mehr Geld in der Stahlsparte stecken will. Geplant sind Unternehmensangaben zufolge zusätzliche Investitionen von insgesamt rund 800 Millionen Euro über sechs Jahre, die bereits vorgesehene Ausgaben von jährlich rund 570 Millionen Euro ergänzen sollen. In Summe gehe es also um mehr als vier Milliarden Euro, rechnet Nasikkol vor. Dies gebe den Beschäftigten „in sehr schwierigen Zeiten Sicherheit“.

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