Stahlfusion

Thyssenkrupp: Stahl-Betriebsrat verärgert über Konzernchefin

Streit um die Zukunft der Stahlsparte von Thyssenkrupp: Gesamtbetriebsratschef Nasikkol geht auf Konfrontationskurs zu Konzernchefin Merz.

Streit um die Zukunft der Stahlsparte von Thyssenkrupp: Gesamtbetriebsratschef Nasikkol geht auf Konfrontationskurs zu Konzernchefin Merz.

Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

Essen/Duisburg.  Bei Thyssenkrupp zeigt Stahl-Gesamtbetriebsratschef Nasikkol rote Linien für eine Stahlfusion auf. Konzernchefin Merz kritisiert er scharf.

Bei Thyssenkrupp geht Stahl-Gesamtbetriebsratschef Tekin Nasikkol auf Konfrontationskurs zu Konzernchefin Martina Merz. Nasikkol zeigt sich irritiert über die Äußerung der Vorstandsvorsitzenden, auch ein Mehrheitsverkauf der Stahlsparte mit ihrem großen Standort Duisburg sei denkbar. „Denkverbote muss es keine geben, aber man darf nicht alles machen, was man denkt“, sagt Nasikkol im Interview mit unserer Redaktion. „Ich kann mir kein Szenario vorstellen, in dem die IG Metall zusammen mit der betrieblichen Arbeitnehmervertretung einem mehrheitlichen Verkauf von Thyssenkrupp Steel zustimmen würde.“ Dass sich Thyssenkrupp beim Stahl auf eine Minderheitsbeteiligung beschränken könnte, lehne er entschieden ab. „Damit überschreitet man rote Linien.“ Gegenüber unserer Redaktion äußert sich Nasikkol auch zu Spekulationen über ein Bündnis mit Salzgitter und Saarstahl sowie der Strategie von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Hier lesen Sie das Interview im Wortlaut:

Herr Nasikkol, mit dem Verkauf der Aufzugsparte und dem Scheitern der geplanten Fusion mit Tata schien die Stahlsparte wieder im Zentrum der Strategie von Thyssenkrupp zu stehen. Nun strebt Konzernchefin Merz eine Fusion an und spricht mit Konkurrenten. Wie kommt das in der Belegschaft an?

Nasikkol: Das Vorgehen wirft Fragen auf und stößt nicht gerade auf Begeisterung bei unseren Leuten. Den Stahl so ins Schaufenster zu stellen, irritiert die Beschäftigten und die Mitbestimmung. Richtig ist: Thyssenkrupp erlebt eine fundamentale Krise. Schon vor der Corona-Krise ging es dem Konzern nicht gut. Mit dem Verkauf des Aufzugsbereichs sollte finanzieller Spielraum entstehen. Dann kam Corona und torpedierte diese Pläne. Man könnte sagen: Erst hatten wir kein Glück mit unseren Geschäften, dann kam auch noch das Corona-Pech dazu. Die Konsolidierungspläne wurden durch die Corona-Krise nur beschleunigt.

Frau Merz betont, es gebe keine Denkverbote. Ein mehrheitlicher Verkauf des Stahls sei ebenfalls möglich. Könnten Sie einem solchen Deal zustimmen?

Nasikkol: Denkverbote muss es keine geben, aber man darf nicht alles machen, was man denkt. Ich kann mir kein Szenario vorstellen, in dem die IG Metall zusammen mit der betrieblichen Arbeitnehmervertretung einem mehrheitlichen Verkauf von Thyssenkrupp Steel zustimmen würde. Um es klar zu sagen: Eine Minderheitsbeteiligung lehne ich entschieden ab. Damit überschreitet man rote Linien.

Gilt diese Ablehnung für jede Form von Zusammenarbeit mit anderen Stahlkonzernen?

Nasikkol: Nein, wir haben uns noch nie sinnvollen Ansätzen verschlossen. Wir erleben nicht die erste Krise im Stahl und wissen auch, dass der globale Wettbewerb herausfordernd ist. Eine nationale Lösung für den Stahl kann Sinn ergeben. Wenn das aber gelingen soll, dann nur unter Federführung von Thyssenkrupp. Gegen die Interessen unserer 28.000 Beschäftigten wird es nicht gehen.

Wären Salzgitter und Saarstahl denn geeignete Partner?

Nasikkol: Wir haben klare Vorstellungen, wie eine Partnerschaft aussehen könnte. Deswegen würden wir eine

deutsche Stahlallianz bevorzugen, schon alleine wegen der Transformationskosten, die kein deutsches Stahlunternehmen alleine tragen kann.

Eine Partnerschaft mit einem chinesischen Stahlkonzern erscheint reichlich unrealistisch – oder

Nasikkol: Deutschland kann kein ernsthaftes Interesse daran haben, die Stahlproduktion als innovative, industrielle Basis ins Ausland zu verlagern. Duisburg ist der größte Stahlstandort Europas mit dem stärksten Potenzial, auch in Zukunft.

Die Corona-Krise trifft Thyssenkrupp mit voller Wucht. Befürchten Sie weitere Kostensenkungen oder zusätzlichen Stellenabbau über die 3000 bekannten Stellen hinaus?

Nasikkol: Ende März haben wir einen Tarifvertrag vereinbart, der zur neuen Strategie „Stahl 20-30“ gehört. Darin haben wir uns auch auf einen Abbau von 3000 Stellen in Verbindung mit einer harten Restrukturierung verständigt. Unsere Zustimmung kam nur zustande, weil wir auch dringend benötigte Investitionen zugesichert bekommen haben. Ich erwarte, dass der Tarifvertrag ohne Wenn und Aber umgesetzt wird. Die gute Sozialpartnerschaft bei Thyssenkrupp basiert auf Vertrauen, auf Vertragstreue.

Vorstandschefin Merz hat berichtet, der Aufsichtsrat des Konzerns sei über die Gespräche mit anderen Stahlherstellern informiert. Sie sind nicht Mitglied des Gremiums. Sind Sie außen vor bei einer der zentralen Zukunftsfragen von Thyssenkrupp?

Nasikkol: Ich habe mich aus dem Konzernaufsichtsrat von Thyssenkrupp zurückgezogen, um mich im Zuge des geplanten Gemeinschaftsunternehmens mit Tata Steel Europe voll auf den Stahl zu konzentrieren. Jetzt haben wir eine neue Situation. Da nun deutlich wird, dass über die Zukunft des Stahlbereichs im Aufsichtsrat der Thyssenkrupp AG entschieden wird, wäre es sinnvoll, dort wieder mit starker Stahlstimme vertreten zu sein.

Große Hoffnungen ruhen auf der klimaneutralen Herstellung von Stahl auf Basis von Wasserstoff statt Kohle. Doch die Investitionen wären gigantisch. Ist das Geld für einen solchen Umbau des Stahlstandorts Duisburg ohne einen Partner überhaupt vorhanden?

Nasikkol: Der Stahlbereich sollte nach der Absage der Fusion mit Tata laut Vorstand wieder zum Kerngeschäft des Unternehmens gehören. Kerngeschäfte entwickelt man weiter. So haben wir es mit der

neuen Strategie 20-30 geplant, und diese gilt es umzusetzen. Der Stahl hat eine grüne Zukunft. Wir können technologisch eine führende Rolle spielen, wenn es darum geht, den Klimaschutz und die Transformation der deutschen Industrie hin zur CO2-Neutralität zu verbinden.

Aber Thyssenkrupp fehlt das Geld dafür.

Nasikkol: Kein deutsches Stahlunternehmen kann die Kosten für eine CO2-neutrale Stahlproduktion alleine stemmen, außerdem muss eine Infrastruktur für grünen Wasserstoff geschaffen werden. Ohne politische Unterstützung wird es nicht gehen.

Fordern Sie Subventionen?

Nasikkol: Ministerpräsident Laschet hat Recht, wenn er die deutsche Stahlindustrie als systemrelevant bezeichnet. Unsere industrielle Relevanz mit Stahl als Werkstoff am Anfang der Lieferkette für wichtige Industrien wie die Autoindustrie lässt sich nicht hoch genug einschätzen. Insofern hoffen wir sehr, dass den Worten des Ministerpräsidenten auch Taten folgen. Wir brauchen dringend staatliche Förderung. Daher fordern wir mit der IG Metall ein Konjunkturpaket für die Transformation der Stahlindustrie. Das wäre ein sehr gutes Signal in der jetzigen Krise.

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