Lebensmittel

Warnungen vor verunreinigten Lebensmitteln auf Rekordniveau

Bei Lebensmittelkontrollen wurden in diesem Jahr Wurst, Fleisch und Geflügel wird am häufigsten beanstandet.

Bei Lebensmittelkontrollen wurden in diesem Jahr Wurst, Fleisch und Geflügel wird am häufigsten beanstandet.

Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

Berlin.  Schimmel auf Wurst, Keime in Milch oder Plastik in Nudeln: Lebensmittelkontrolleure haben bis November schon 183 Verunreinigungen festgestellt.

Mal sind es Keime in Wurst, Bakterien in Milch, Fipronil in Eiern, Schimmel in Backstuben, Mineralölspuren in Babypulver oder metallartige Folienreste in Tortellini. Kaum ein Werktag vergeht in Deutschland ohne eine Warnung oder einen Rückruf von Lebensmitteln. Und die Zahl der Beanstandungen nimmt offenbar mit jedem Jahr zu.

Bis Ende November wurden bereits 183 Warnungen von verunreinigten Lebensmitteln festgestellt – fast genauso viele wie im Gesamtjahr 2018, als es 186 Fälle gab. Dies geht aus aktuellen Zahlen des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hervor, die dieser Redaktion vorliegen. Zum Vergleich: 2015 wurden nur 100 Lebensmittelprodukte beanstandet.

Meisten Beanstandungen in Fleisch, Wild und Geflügel

Die meisten Warnungen gab es in diesem Jahr wegen Fleisch, Wild, Geflügel und Wurst: Auf der Internetseite Lebensmittelwarnung.de sind in diesem Bereich seit Jahresbeginn 51 Fälle aufgelistet. Darunter befindet sich der bisher wohl brisanteste Fall der hessischen Wurstfabrik Wilke, die offenbar listerienverseuchte Produkte in Umlauf gebracht hatte – und damit wahrscheinlich auch für Todesfälle sorgte. Der Staatsanwalt ermittelt.

Danach folgen 27 Warnungen vor Milch und Milchprodukten. Dazu gehörte unter anderem der Frischmilch-Rückruf des deutschen Milchkontors im Oktober, als durch eine defekte Dichtung in der Produktionsanlage Wasserkeime in die Milch gelangten, die Durchfälle hervorrufen können.

Keime, Bakterien und Pilze besonders oft der Grund für Verunreinigung

In Getreide und Backwaren kam es in diesem Jahr zu 17 Auffälligkeiten, bei Knabberwaren und Fischen gab es jeweils zehn Meldungen. Bei Getränken wurden sechs alkoholfreie und fünf Alkoholische auf die Liste gesetzt. Nur zwei Beanstandungen gab es bei Ölen.

Die meisten Produkte sind 2019 wegen mikrobiologischer Verunreinigungen beanstandet worden (65 Fälle). In der Regel handelt es sich um Keime, Bakterien oder Pilze, die Krankheiten auslösen können. Die zweitgrößten Auslöser für Beanstandungen sind „Fremdkörper“.

Glas, Metall und Plastikteile in 60 Produkten festgestellt

In 60 Fällen wurden in diesem Jahr unter anderem Glas, Metall oder Plastikteile in Produkten gefunden. In weiteren Fällen wurden unzulässige Inhaltsstoffe (30) wie Gluten in Kokosnusszucker, Allergene (27) oder Grenzwertüberschreitungen (24) festgestellt.

Lücken im System: Jedes Jahr werden 500.000 Betriebe kontrolliert

Jedes Jahr werden bundesweit mehr als 500.000 Betriebe der rund 1,2 Millionen registrierten Unternehmen der Lebensmittelbranche durch Behörden überprüft, berichtet das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit. Verantwortlich dafür sind die Länder, die ihre Kontrolleure in die Betriebe schicken. Allerdings wird somit nicht mal jedes zweite Unternehmen kontrolliert.

Die Behörden gehen bei ihrer Auswahl risikoorientiert vor. Sprich: Betriebe, die Lebensmittel herstellen, werden häufiger kontrolliert, sagt ein BVL-Sprecher. Dazu zählen vor allem Schlachtereien, Fleischereien und Bäckereien. Aber auch Restaurants, Großküchen und Supermärkte.

Oft wird gegen Hygienevorschriften verstoßen

Sobald ein Betrieb Hygienevorschriften nicht einhält oder gegen gesetzliche Vorgaben verstößt, werden die Ämter aktiv. Mal bleibt es bei Belehrungen oder Verwarnungen. Doch es kann bis zu Verkaufsstopps, Rückrufen und sogar Betriebsschließungen kommen. Im vergangenen Jahr wurden 12,6 Prozent Betriebe bei den Prüfungen beanstandet – und damit gut jeder Siebte. Die meisten Verstöße gibt es bei Restaurants und Kantinen (67,5 Prozent), danach folgt der Einzelhandel (21,1 Prozent). In den meisten Fällen wird gegen Hygienevorschriften (73,2 Prozent) verstoßen.

Verbraucherorganisation Foodwatch kritisiert fehlende Transparenz

Die Verbraucherorganisation Foodwatch sieht bei der Lebensmittelkontrolle dringenden Verbesserungsbedarf. „Nach jedem neuen Lebensmittelskandal reden wir über die gleichen alten Probleme – aber die Politik packt die entscheidenden Schwachstellen im Lebensmittelrecht nicht an“, sagt der Foodwatch-Sprecher Andreas Winkler. Der Foodwatch-Chef Martin Rücker hält die Behörden für „katastrophal unterbesetzt“, wie er dieser Redaktion vor Kurzem sagte.

Das entscheidende Problem sei, dass die Verbraucher in der Regel nicht erfahren, welche die „Schmuddelbetriebe“ sind und wo alles sauber und in Ordnung ist. „Aber nur wenn Lebensmittelbetriebe wissen, dass ihre Kundinnen und Kunden von Missständen erfahren, haben Metzger, Bäcker, Restaurantbetreiber & Co. einen Anreiz, sich wirklich jeden Tag an alle lebensmittelrechtlichen Vorgaben zu halten“, meint Winkler. Dänemark oder Norwegen handelten dabei vorbildlich. In diesen Ländern würden alle Kontrollergebnisse immer veröffentlicht. „Seitdem ist dort die Quote der beanstandeten Lebensmittelbetriebe massiv heruntergegangen“, berichtet Winkler.

Verbraucherschützer: Kontrollergebnisse offenlegen

Zudem gibt es laut Foodwatch immer wieder eklatante Hygienemängel in Lebensmittelbetrieben, ohne, dass die Verbraucher überhaupt davon erfahren. Die Kunden hätten aber auch zu ihrer eigenen Sicherheit ein Recht darauf zu erfahren, wenn Lebensmittelbetriebe gegen Vorgaben verstoßen, meint Winkler: „Mehr Transparenz über Kontrollergebnisse ist auch im Interesse der vielen ehrlich und sauber arbeitenden Betriebe.“

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