Wirtschaft

Werkzeug aus Drucker: Breckerfelder geht den digitalen Weg

Firmengründer und Inhaber Manuel Siskowski aus Breckerfeld: Mit „Wiesemann 1893“ verkauft er Werkzeug online.

Firmengründer und Inhaber Manuel Siskowski aus Breckerfeld: Mit „Wiesemann 1893“ verkauft er Werkzeug online.

Foto: Michael Kleinrensing / WP

Breckerfeld.  Kein Laden und Werkzeuge zum Ausdrucken – mit „Wiesemann 1893“ digitalisiert eine Breckerfelder den Werkzeughandel. Manches ist noch Vision.

Im Jahre 1893 fuhren Kutschen durch das beschauliche Breckerfeld. Die Menschen haben einen Laden betreten, wenn sie etwas kaufen wollten. Ein Telefon war zwar erfunden. Aber wenn jemand das Gerücht verbreitet hätte, dass es einmal ein „Internet“ geben würde, und erklärt hätte, was man damit alles anfangen kann, so hätte man ihn als Scharlatan aus dem Dorf gejagt.

Lilafarbene Kappe, kariertes Hemd, Brille und Laptop mit Aufklebern – kein Scharlatan: Das Jahr 1893 liegt genau 127 Jahre zurück. Und der Fortschritt, der in dieser Zeit um sich gegriffen hat, treibt seine Blüten. Eine davon ist ein Laden, den Manuel Siskowski, ein Breckerfelder Junge, an den Start gebracht hat. Ein Laden, den man nicht mehr betreten kann. Ein Laden, der seine Produkte über Emotionen verkauft. „Wiesemann 1893“ heißt der Online-Handel für Werkzeug, dessen Geschäftsführer Manuel Siskowski ist. Mit Standort in Frankfurt und einem weiteren in Breckerfeld.

Einst eine klassische Werkzeugschmiede in Remscheid

Wiesemann ist eine alte Traditionsmarke, eine klassische Werkzeugschmiede aus Remscheid. Der Name macht das deutlich. Mit der Fabrik, in der einst gefertigt wurde, hat das Unternehmen, das im Industriegebiet Breckerfeld bei WGB (Westfälische Gesenkschmiede GmbH) untergekommen ist, nur noch wenig gemein. „Wir haben die Chance genutzt, die bestehende Marke Wiesemann komplett neu aufzusetzen“, sagt Siskowski. „Werkzeug ist ein sehr traditioneller Bereich, in dem Qualität eine große Rolle spielt. Und das alles haben wir miteinander verknüpft.“

Durchgestartet sei man – zu 100 Prozent. „Und das war ein radikaler Schnitt“, sagt Siskowski, dessen Unternehmen man neudeutsch als Start-up bezeichnen kann. „Wir vertreiben Werkzeug über unseren eigenen Online-Shop und über Amazon, gehen dabei sehr datengetrieben vor. Unser Ziel ist es, die erste digitale Werkzeugmarke zu werden. Dahinter verbirgt sich die Frage, wie wir es schaffen können, den größten Teil der Wertschöpfung zu digitalisieren.“

Halterungen kostenlos für den 3-D-Drucker

Und dieses Kunststück wiederum soll in einer Branche gelingen, in dem die Produkte davon profitieren, dass sie – das Wort Handwerker kommt ja nicht von ungefähr – auch mal angefasst werden können. Also braucht es ungewöhnliche Wege wie diesen: „Wir bieten beispielsweise Halter für unsere Produkte an, die sich die Kunden kostenlos an einem 3-D-Drucker ausdrucken und dann in ihrer Heimwerkstatt an der Wand anbringen können. Das ist für uns ein total interessanter Marketingkanal. Denn selbst Kunden anderer Hersteller laden sich unsere Halter herunter. Ein ganz simples Einstiegsgerät reicht dafür schon aus.“

Also will Wiesemann für jedes Produkt künftig 3-D-Zubehör anbieten. Und sogar noch einen Schritt weitergehen. „Es ist durchaus möglich, sich bald schon bestimmte Werkzeuge oder Teile davon mit Hochleistungskunststoff selbst zu drucken“, sagt Manuel Siskowski, „das ist keine allzuferne Zukunftsmusik mehr. Der Kunde produziert dann quasi selbst. Das ist für uns der nächste Schritt.“

Kunden bringen sich ein

Dazu gibt es bereits jetzt eine Plattform, auf der sich engagierte Kunden einbringen. „Das sind unsere Community-Entwickler“, sagt Manuel Siskowski. „Wir wollen mit all diesen Wegen die junge E-Commerce-Generation ansprechen. Wer eine Kiste braucht, in der er Schrauben aufbewahren möchte, muss nur zu seinem eigenen Drucker gehen.“

In der Kommunikation nach außen konzentriert sich das Start-up aus Breckerfeld nicht auf das Produkt. „It’s not about tools“ heißt es da. Und in der Unterzeile auf Deutsch: „Worum es wirklich geht.“ – „Adventure, Friendship und Dedication stehen im Fokus des Marketings“, sagt Manuel Siskowski. Die Begriffe Abenteuer, Freundschaft und Hingabe – nur eben auf Englisch. „Niemand schraubt mehr alleine im Keller. . .“

Werbefilme mit viel Weiblichkeit

Also packen in einem Werbefilm junge Menschen Crossmaschinen auf einen Gelände-Transporter, fahren damit in die Wildnis, basteln an den Motorrädern herum (vorzugsweise Frauen, weil auch die Kundschaft weiblicher wird), fahren damit durchs Gelände und stoßen abends mit einem Pott Kaffee vor einer Kulisse an, für die der Marlboro-Mann aus der Versenkung klettern würde. Der Film steht auf der Homepage – und bei Youtube. „Die Schweißerin, die in dem Film zu sehen ist, gibt es wirklich“, sagt Manuel Siskowski, „Sie gibt Schweiß-Kurse in Köln. Wir wollen authentisch sein.“

Produziert werden die Werkzeuge weltweit. „Und das machen wir auch transparent“, so Siskowski. Kontrolliert werden sie in Breckerfeld. „Wir kooperieren mit der Firma WGB hier vor Ort. Hier durchlaufen unsere Produkte die Qualitätskontrolle.“

Unternehmen mit Sitz in Frankfurt

Dass das Unternehmen einen Sitz in Frankfurt hat, hat auch mit der Gewinnung von Mitarbeitern zu tun. „Wir brauchen andere Leute als die Konkurrenz“, sagt Manuel Siskowski, „als wir zum Beispiel einen Videographen gesucht haben, haben wir dieselbe Anzeige in Breckerfeld und in Frankfurt platziert. In der Metropole hatten wir 20-mal so viele Bewerbungen.“ Dort befindet sich das Designstudio. Dort werden Fotos und Videos erstellt, erfolgt das Branding. „Wiesemann 1893“ steht dann auf Verpackungen und Produkten, die im Jahr 2020 online ohne Laden verkauft werden.

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