Fachkräfte

Wie Online-Vermittler vom Handwerkermangel profitieren

Rund 250.000 Handwerker fehlen laut Branchenkennern in Deutschland.

Rund 250.000 Handwerker fehlen laut Branchenkennern in Deutschland.

Foto: istock / iStock

Berlin.  Der Boom der Baubranche führt zu langen Wartezeiten bei Reparaturen und Neuanschaffungen. Online-Anbieter wittern das große Geschäft.

Ob der Wasserhahn tropft, das Fenster nicht mehr richtig schließt oder die Heizung erneuert werden muss: Wer in diesen Tagen einen Handwerker benötigt, muss oft viel Geduld mitbringen. Knapp zehn Wochen müssen Kunden durchschnittlich auf einen Termin warten, teilte der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) in seinem Konjunkturbericht für das erste Halbjahr mit.

Ein Grund dafür liegt im Boom der Baubranche. Viele Handwerker können sich ihre Aufträge aussuchen und wählen die profitabelsten aus. Zumal die Konkurrenz auf der Anbieterseite begrenzt ist: Laut Bundesagentur für Arbeit blieben 160.000 Stellen im Handwerk Ende Juni unbesetzt.

Viele Betriebe melden ihre offenen Stellen gar nicht, so dass Branchenkenner sogar von rund 250.000 freien Arbeitsplätzen ausgehen. Für Privatkunden bleibt da bei kleineren Anliegen oft kein Platz im Terminkalender.

„Der Bedarf an Handwerkern ist nach wie vor hoch. Das Fehlen qualifizierter Fachkräfte bremst leider das Wachstum der Betriebe. Und unsere Betriebe bedauern natürlich, wenn sie ihren Kunden und Auftraggebern Wartezeiten zumuten müssen“, sagte Hans Peter Wollseifer, Präsident des ZDH, unserer Redaktion.

Handwerkermangel beschert Online-Vermittlern rosige Zahlen

Von diesem Mangel gibt es aber Profiteure: Online-Vermittler. Denn über das Internet wollen viele Kunden schneller an einen Termin kommen. „In der aktuellen Hochkonjunktur gehen viele Handwerker erst gar nicht ans Telefon“, sagt Claudia Frese, Vorstandsvorsitzende der MyHammer AG. Der Online-Vermittler MyHammer helfe Kunden, „überhaupt Angebote von Handwerkern zu erhalten“, sagt Frese.

Das sorgt für das 2005 gegründete Unternehmen für klingelnde Kassen: Seit 2015 arbeitet MyHammer operativ profitabel, 2017 stand unter dem Strich ein Plus von einer Million Euro. 2016 wurde der amerikanische Online-Marktplatz HomeAdvisor auf das Portal aufmerksam und übernahm es.

Auf dem Onlineportal, zu dem es je eine App für Auftraggeber und für Handwerker gibt, können Kunden Gesuche einstellen, Handwerker darauf mit Angeboten reagieren. Mittels eines Sternesystems können Nutzer anschließend Zuverlässigkeit, Qualität und Freundlichkeit beurteilen. Erhält ein Handwerker wiederholt schlechte Bewertungen, werde die Zusammenarbeit beendet, sagt Frese.

Handwerker füllen spontane Lücken im Terminkalender

Trotz voller Auftragsbücher würden die Handwerker auf die Kundengesuche reagieren. „Für Neugründer ist MyHammer von besonderem Interesse, da sie über uns einen Kundenstamm aufbauen können“, erklärt Frese. Aber auch eingesessene Unternehmen, die spontan entstandene Lücken im Terminkalender füllen wollen, würden das Angebot nutzen.

Finanziert wird MyHammer über Gebühren der rund 21.000 registrierten Betriebe und Handwerker. Diese müssen zudem zahlen, wenn Handwerker und Kunde sich gegenseitig über einen möglichen Auftrag ausgetauscht haben.

Zwar sorgt der Handwerkermangel bei dem 120 Mitarbeiter starken Unternehmen für rosige Zahlen, eine Marktmacht ist MyHammer aber noch nicht. „Größter Konkurrent ist für uns die persönliche Empfehlung. 90 Prozent der Handwerker kommen über persönliche Empfehlungen an ihre Aufträge“, sagt Frese.

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Aroundhome investiert kräftig in Wachstum

Auch das Onlineportal Aroundhome zählt zu den Profiteuren des Mangels. Im Gegensatz zu MyHammer versteht sich Aroundhome als Vermittler für hochpreisige Anschaffungen, beispielsweise der Installation von Wintergärten, Solaranlagen oder Heizungen. Bis Januar hieß Aroundhome noch Käuferportal und hat dank des Mehreinstiegs der ProSieben/Sat-1 Tochterfirma Nucom im vergangenen Jahr eine rasante Entwicklung hingelegt.

Als prestigeträchtigen neuen Standort zog Aroundhome in ein Bürogebäude am Potsdamer Platz in Berlin, die Zahl der Beschäftigten wurde auf 500 Mitarbeiter aufgestockt und allein in diesem Jahr werden 50 Millionen Euro in Fernsehwerbung investiert. „Wir wollen möglichst alle Kategorien rund um das Haus abdecken“, sagt Geschäftsführer und Gründer Robin Behlau.

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Fernsehwerbung steigerte binnen weniger Monate den Bekanntheitsgrad

Rund 12.000 Partner sind bei Aroundhome registriert. Stellt ein Kunde eine Anfrage, werden ihm Handwerker für den Auftrag vorgeschlagen. Während für Kunden die Anfrage kostenlos ist, müssen Handwerker für jeden angebotenen Kontakt zahlen.

Im Gegensatz zu MyHammer schreibt Aroundhome keine schwarzen Zahlen. „Wir können profitabel sein, wenn wir wollen“, meint Behlau. Zunächst stehe aber das Wachstum im Fokus. Allein durch die Fernsehwerbung hätte Aroundhome schon in den ersten Monaten des laufenden Jahres drei Viertel des Bekanntheitsgrades erlangt, für die die Vorgängermarke Käuferportal zehn Jahre benötigte. Für Behlau ist die Zielsetzung klar: „Wir sind ein Wachstumsunternehmen, wir müssen wachsen.“

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Aroundhome könnte für MyHammer zur Konkurrenz werden

Die Delle durch die Neuausrichtung will er schnell verschwinden lassen. Dabei helfen könnten neue Angebote. „Aktuell bieten wir nur neue Produkte an“, sagt Behlau. „Aber als nächstes müssen wir auch Heizungs- oder die Fensterreparatur anbieten.“

Diese Reparaturen würden allerdings in den Bereich fallen, wo MyHammer derzeit die Markthoheit bei der Handwerkervermittlung hat, auch wenn MyHammer-Vorsitzende Frese das noch abwiegelt: „Wir sehen Aroundhome nicht wirklich als Konkurrenten, da wir uns inhaltlich nur wenig überschneiden. Der Markt bietet genug Platz für verschiedene Anbieter.“

Aroundhome-Geschäftsführer Behlau kann sich dagegen vorstellen, MyHammer zu überholen: „Wir werden Reparaturen und Malerarbeiten irgendwann einfach mit anbieten. Das wird funktionieren, weil wir eine gewisse Größe und einen Bekanntheitsgrad haben werden, bei dem jeder, der am eigenen Haus etwas reparieren oder ausbessern möchte, sofort an uns denkt und sich bei uns ein Angebot einholen wird.“

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Handwerkskammern bieten Suchfunktion an

Auch die Handwerkskammern sind im Netz präsent und bieten einen Online-Handwerkerradar an. Per App oder Onlinesuche auf www.handwerker-radar.de lassen sich Handwerksbetriebe in der Nähe suchen. Miteinbezogen werden in die Suche Betriebe aller Art, also auch Lebensmittelhandwerker wie Bäcker.

Im Gegensatz zu den Online-Vermittlern werden freie Kapazitäten oder Verfügbarkeiten aber nicht angezeigt, die Kunden werden auf die Internetseiten der jeweiligen Handwerker verwiesen.

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