Cannabis auf Rezept

Apotheken geben häufiger Cannabis aus: Kassen sind skeptisch

Eine 5-Gramm-Dose Cannabisblüten auf Rezept.

Eine 5-Gramm-Dose Cannabisblüten auf Rezept.

Foto: Swen Pförtner, dpa

Essen.   Seit der Freigabe 2017 steigt die Zahl der Cannabis-Rezepte in NRW deutlich an. Kassen und Ärzte sind skeptisch: Studien zur Wirksamkeit fehlen.

Dass Cannabis nicht einfach nur berauscht, sondern auch Schmerzen lindert und bei bestimmten Krankheiten weitere segensreiche Wirkungen haben kann, weiß die Medizin seit Jahrtausenden. Doch auf Rezept verschreiben können es Ärzte in Deutschland erst seit zwei Jahren, vor allem gegen Schmerzen und bei neurologischen Erkrankungen wie Epilepsien, Depressionen und Demenz. Seitdem erscheinen immer mehr Patienten mit einem Cannabis-Rezept in der Apotheke: 2018 wurden dreimal so viele Rezepte eingereicht wie in den ersten zehn Monaten 2017. Das zeigen die jüngsten Zahlen des Deutschen Apothekerverbands.

Demnach gaben im Jahr 2018 Apotheken rund 145 000 Einheiten cannabishaltiger Zubereitungen und unverarbeiteter Blüten auf Basis von etwa 95.000 Rezepten ab, die von den Krankenkassen bezahlt wurden. Das sind mehr als dreimal so viele wie in den knapp zehn Monaten 2017 seit der Freigabe am 10. März: Damals waren es 27.000 Rezepte für 44.000 Cannabis-Mittel oder -Blüten.

Diese Entwicklung ist unter Krankenkassen und Medizinern umstritten, denn der Einsatz ist laut Gesetz als letzte Alternative für schwerkranke Patienten gedacht, bei denen klassische Therapien ausgereizt sind. Auch ist die Wirksamkeit vor allem bei psychischen Erkrankungen bisher nur in Ansätzen nachgewiesen. Die stark steigende Nachfrage nach medizinischem Cannabis weckt den Verdacht vermehrten Missbrauchs.

Nach einer Umfrage dieser Zeitung zieht sich diese Entwicklung durch alle Kassen und Regionen. Bei der Barmer stieg die Zahl der Anträge von 3111 auf 5349, in NRW von 624 auf 968. Die bewilligten Cannabis-Gaben verdoppelten sich im vergangenen Jahr an Rhein und Ruhr auf 621, es wurden weniger Rezepte abgelehnt. Zu Beginn vor zwei Jahren gab es aufgrund vieler Formfehler mehr Ablehnungen, etwa wenn der Arzt die Verschreibung im Rezept nicht ausreichend begründet hat.

Der AOK Bundesverband zählte bis Ende 2018 rund 19.000 Rezepte nach 7200 im Vorjahr. Davon gingen 1390 bei der AOK Nordwest ein, die Westfalen-Lippe und Schleswig-Holstein abdeckt, und 1400 bei AOK-Versicherten im Rheinland. Die Techniker Krankenkasse erhielt im vergangenen Jahr mit bundesweit 4800 Anträgen fast doppelt so viele wie 2017. Davon wurden 68 Prozent genehmigt.

Wirksamkeit für einige Krankheiten noch nicht erforscht

Bei Ärzten und Krankenkassen ist der Einsatz der auf die Psyche und Nervenbahnen wirkenden Substanz nach wie vor umstritten, sie vermissen klare Standards für die Indikationen einer Cannabis-Therapie. Tatsächlich stehen diese bei vielen Krankheiten aus, Studien zur Wirksamkeit laufen noch. „Der Einsatz ist politisch gewollt. Eigentlich muss die Wirksamkeit in klinischen Studien nachgewiesen sein, bevor ein Wirkstoff zum Einsatz kommt“, heißt es etwa beim AOK-Bundesverband.

Auch Mediziner sehen vor allem die Verschreibung von Blüten skeptisch, in der Palliativmedizin gar zunehmend kritisch. Denn es bleibt dem Patienten überlassen, ob er sie raucht, verdampft oder mit ihnen Kekse backt. Dabei ist die Wirkung je nach Form der Einnahme unterschiedlich, auch was die Nebenwirkungen angeht.

Viele Patienten verlangen gezielt nach Cannabis-Blüten

„Arzneimittel, die Cannabinoide enthalten, etwa in Kapseln oder Tropfen, können viel gezielter eingesetzt werden. Trotzdem verlangen viele Patienten gezielt nach Blüten und bekommen sie von ihrem Arzt dann auch verschrieben“, beklagt eine Sprecherin des AOK-Bundesverbands. Auch seien es längst nicht nur schwerkranke Patienten, die Cannabis-Rezepte einreichen. Für die sei das Gesetz aber gemacht worden. Wenn etwa bei Rückenschmerzen, die orthopädisch noch gar nicht behandelt worden seien, nach Cannabis-Blüten verlangt werde, liege der Verdacht nahe, dass es ein gezieltes Interesse an dem Rauschmittel gebe.

Die Kassen fordern daher eine politische Nachbesserung: „Wir gehen davon aus, dass der Gesetzgeber in einem überschaubaren Zeitraum die Regelungen zur Erstattungsfähigkeit von Cannabis im Sinne einer besseren Patientenversorgung anpasst“, sagte eine Sprecherin der AOK Rheinland/Hamburg dieser Redaktion.

>>> Info:

  • Zahlen zu Cannabis-Patienten gibt es nicht, von der Zahl der Rezepte lässt sich darauf nicht direkt schließen. Schätzungen gehen von aktuell rund 15.000 aus. Vor der Liberalisierung des Einsatzes der THC-haltigen Hanfpflanze hatten gerade einmal 1000 Patienten eine Ausnahmegenehmigung für medizinisches Cannabis.
  • Bisher wird ausschließlich importiertes Cannabis verabreicht. Eigens dafür wurde die Cannabisagentur beim Bundesinstitut für Arzneimittel gegründet. Sie schreibt die Aufträge aus und legt den Abgabepreis für die Hersteller fest, auf den in der Apotheke noch erhebliche Aufschläge draufgeschlagen werden.
  • Ab 2020 soll auch in Deutschland angebautes Cannabis zur Verfügung stehen, die Ausschreibung für Anbau und Ernte lief Ende 2018 ab.

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