Drohendes Aus

Sanitärbranche: Arbeitsplätze in Südwestfalen gefährdet

Von einem Verbot der Verarbeitung des giftigen Stoffes Chromtrioxid wären  Armaturenhersteller in Deutschland ganz offensichtlich betroffen. Allein im Sauerland wären massiv Arbeitsplätze in Gefahr, an denen nach modernsten Methoden und mit dem geringstmöglichen Risiko Materialien verchromt werden. Die Endprodukte aus Chrom sind übrigens völlig ungefährlich.

Von einem Verbot der Verarbeitung des giftigen Stoffes Chromtrioxid wären Armaturenhersteller in Deutschland ganz offensichtlich betroffen. Allein im Sauerland wären massiv Arbeitsplätze in Gefahr, an denen nach modernsten Methoden und mit dem geringstmöglichen Risiko Materialien verchromt werden. Die Endprodukte aus Chrom sind übrigens völlig ungefährlich.

Iserlohn/Brüssel.  Die EU-Kommission muss sich mit dem Verbot von Chromtrioxid beschäftigen. Armaturenhersteller in Südwestfalen sind gewarnt.

Ein Glanzstück in Sachen Umwelt- und Arbeitsschutz ist das vom Europäischen Parlament mit knapper Mehrheit Ende März beschlossene Verwendungsverbot von Chromtrioxid nach Expertenmeinung nicht. Und in letzter Konsequenz gefährdet die Entscheidung tausende Arbeitsplätze in Südwestfalen mit seiner starken Sanitärbranche, Zulieferern für Automotive- und Maschinenbau.

Vielleicht hat es der niederländische Spitzenkandidat der Grünen, Bas Eickhout, mit seinem Antrag zum endgültigen Abschied vom unzweifelhaft giftigen Stoff Chromtrioxid anders beabsichtigt, aber allem Anschein nach bleibt eine strenge Kontrolle in Europas Galvaniken nun erst einmal aus. Also sogar ein umweltpolitisches Eigentor?

Modernste Technik, geringstes Risiko

Jetzt liegt das Thema wieder bei der EU-Kommission, die gestern erneut beriet. So lange keine endgültige Entscheidung gefallen ist, ändert sich am Status quo nichts. „Vor Juni rechne ich nicht mit einer Klärung“, sagt Peter Liese, CDU-Europaabgeordneter aus Südwestfalen und umweltpolitischer Sprecher der konservativen Fraktion im Parlament (EVP).

Die Kommission hat bereits mehrere Jahre über das Thema beraten. Ergebnis: Bis März 2016 mussten Unternehmen einen Antrag auf Zulassung stellen, um ab September 2017 weiter produzieren zu können. So weit geschehen, darf zunächst weiter mit Chromtrioxid arbeiten. Ein aufwendiges und teures Verfahren, ohne dass bislang vor Ort tatsächlich geprüft worden wäre, ob verantwortungsvoll mit dem Stoff umgegangen wird. „Die Firmen, die in der Vergangenheit nichts für die Sicherheit getan haben, müssen jetzt erst einmal weiter nichts tun“, erklärt Uwe Dietrich. Er ist Ingenieur beim Luxus-Armaturenhersteller Dornbracht aus Iserlohn. Ihn beschäftigt das Thema notgedrungen seit Jahren. Nun ist er zum Experten und in der Branche gefragten Mann beim Thema Chromtrioxid geworden. Dietrichs Ansicht nach wäre es besser gewesen, „die Kontrollmessungen hätten endlich angefangen“. Bislang beruhen die zeitlich befristeten Zulassungen lediglich auf den Angaben der Unternehmen.

Chromtrioxid gilt nach wie vor als unverzichtbar bei der Herstellung zahlreicher verchromter Produkte – beispielsweise bei Armaturen, im Einsatz bei Möbeln oder als Zierde am Pkw. Aufgrund der außerordentlichen Widerstandsfähigkeit der mit Chromtrioxid erzeugten Verchromung wird es aber auch zur Herstellung von Edelstahl, im Flugzeugbau, als Basis bei Kräne, Baggern oder zur Härtung des Zylinderkopfes bei Verbrennungsmotoren eingesetzt und nicht zuletzt auch bei Medizinprodukten bis hin zum OP-Besteck.

Wird innerhalb der Europäischen Union ein komplettes Verbot des Stoffes durchgesetzt, dürfen alle diese Produkte nicht mehr innerhalb der EU-Grenzen hergestellt werden, verschwinden werden sie deshalb kaum. Importiert und eingesetzt werden dürften sie ohne Auflagen weiter, dann produziert in Ländern außerhalb der EU, etwa China. Das Ganze vermutlich unter anderen Bedingungen als in Europa beziehungsweise Deutschland.

Armaturenhersteller wie das Iserlohner Unternehmen Dornbracht bleiben dabei mit ihrer modernen Galvanisierung nach eigenen Angaben weit unter den bislang geforderten Grenzwerten. Der chemische Prozess findet in abgeschlossenen Systemen statt, die mit einer Abluftwäsche ausgestattet sind. „Im Ausland gibt es häufig weder eine Einhausung noch eine Abluftwäsche“, weiß Uwe Dietrich. Um optimale Ergebnisse zu erreichen, sind Investitionen und ständige Überprüfungen notwendig.

Kleinbetriebe könnten möglicherweise auch am bürokratischen Aufwand scheitern. Die Beantragung einer Zulassung ist aufwendig und wegen erforderlicher Gutachten so teuer, dass sie sich kleine Galvanisierbetriebe kaum leisten können. „Eine Person ist mehrere Monate mit dem Sammeln von Daten beschäftigt, drei bis vier weitere mit der Beantragung“, sagt Dietrich. Meist müssen Berater beauftragt werden, für die üblicherweise ein sechsstelliger Betrag fällig wird. Ganz abgesehen 54.000 Euro Bearbeitungsgebühr, die die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) verlangt.

Sammelverfahren liegen auf Eis

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass es verschiedene Konsortien gibt, die in der Vergangenheit Sammelanträge auf Zulassung gestellt haben. Das Kuriose: Innerhalb eines solchen Gemeinschaftsantrags können sich Unternehmen, die allein die Grenzwerte nicht einhalten würden, in der Masse verstecken, denn es zählt ein Mittelwert. „Insofern wäre es besser gewesen, das EU-Parlament hätte anders entschieden“, sagt Dietrich. Dornbracht ist an einem Sammelverfahren beteiligt, hat aber mittlerweile zusätzlich einen eigenen Antrag gestellt, der möglicherweise obsolet wird.

Der CDU-Europaabgeordnete Peter Liese hatte den Antrag des Grünen-Europaspitzenkandidaten Bas Eickhout schon im Vorfeld der Parlamentsentscheidung vor 14 Tagen kritisiert. Dass Eickhout dann bei der Entscheidung zu diesem wichtigen Tagesordnungspunkt laut Liese gar nicht anwesend war, erscheint irritierend. „In jedem Fall war der Antrag der Grünen wenig durchdacht“, so Liese.

Dass die Europäische Union hohe Standards beim Umwelt- und Arbeitsschutz setzt, sei ohne Frage richtig und gut. „Kontrollen und Auflagen sind hier auf jeden Fall notwendig“, betont der umweltpolitische Sprecher der EVP-Fraktion im Europaparlament. Dies sehen auch Experten aus der Wirtschaft so. Seit Jahren wird getüftelt und versucht, eine echte Alternative zur Hartverchromung zu finden, gelungen ist dies bis heute aber nicht.

Die Konsequenz: Sollte die Verarbeitung von Chromtrioxid innerhalb der Europäischen Union tatsächlich verboten werden, stünden Standorte zahlreiche Firmen vor dem Aus. Dass moderneste Unternehmen dann hier nicht mehr produzieren könnten, erscheint beinahe absurd.

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