Digitalisierung

Easy-Chef: Das papierlose Büro reicht nicht mehr aus

Dieter Weißhaar ist seit Herbst 2018 Vorstandsvorsitzender der Easy Software AG.

Dieter Weißhaar ist seit Herbst 2018 Vorstandsvorsitzender der Easy Software AG.

Foto: Lars Heidrich

Mülheim.   Die Easy Software AG war Pionier des papierlosen Archivs. Jetzt setzt sie auf Künstliche Intelligenz und fordert einen Lehrstuhl in Mülheim.

Mit der elektronischen Archivierung von Daten und Dokumenten gehörten die Gründer der Easy Software AG im Jahr 1990 zu den Pionieren der Digitalisierung. Nach einigen Krisen, Eigentümerwechseln und dem Börsengang 1999 ist die Software-Schmiede aus Mülheim mit ihren aktuell 375 Mitarbeitern inzwischen im deutschsprachigen Raum in die Top 3 der Entwickler von Software aufgestiegen, die Dokumente erfasst und weiterverarbeitet . Der neue Easy-Chef Dieter Weißhaar will mit seinem Unternehmen vom Boomthema Digitalisierung profitieren. „Wir wollen mindestens so schnell wachsen wie der Markt“, sagt er. Für 2019 hat sich Easy ein Umsatzplus von 12,5 Prozent vorgenommen.

Weißhaar kennt die IT-Branche. Seine 28-jährige Laufbahn nach dem Studium in Bochum führte ihn bereits zu großen Konzernen wie IBM, Thyssenkrupp und Telekom, aber auch zu einem Start-up wie dem Mülheimer Softwareentwickler Swarm OS. Seit dem 1. September 2018 führt der 53-Jährige die Easy Software AG.

Einscannen allein wäre zu kurz gegriffen

„Der Markt ist spannend“, sagt Weißhaar. Kleine und große Betriebe egal welcher Branche seien mit der Digitalisierung ihrer Geschäfte konfrontiert. „Das papierlose Büro reicht nicht mehr aus. Allein Dokumente einzuscannen, um sie elektronisch zu archivieren, würde viel zu kurz greifen“, meint der Easy-Chef im Hinblick auf die Anfänge der Digitalisierung in den 90er Jahren. Inzwischen gehe es darum, „Inhalte entlang von Geschäftsprozessen zur Verfügung zu stellen“.

Für den Solarthermie-Anbieter Ritter haben die Mülheimer eine App entwickelt, die den Kundendienst-Mitarbeitern die Dokumentationspflichten erleichtert und Notizen auf Papier überflüssig macht. Und für die Drogeriemarktkette Rossmann erfasst und verarbeitet Easy sämtliche Papierrechnungen. Die Commerzbank lässt ihre Lieferbeziehungen von Easy verwalten. Die elektronische Akte umfasst rund 15.000 Einkaufsverträge. Jährlich kommen mehr als 4000 Verträge hinzu.

Nachholbedarf im Mittelstand

Weißhaar ist davon überzeugt, dass die Digitalisierung von Arbeitsabläufen den Firmen Wettbewerbsvorteile verschafft. Auch wenn Studien immer wieder zu dem Ergebnis kommen, dass vor allem der Mittelstand Gefahr läuft, die Digitalisierung zu verschlafen, gibt sich der Easy-Chef optimistischer. „Die meisten Unternehmen beschäftigen sich mit der Digitalisierung“, schließt der Manager aus Gesprächen mit Kunden. Sein Eindruck sei aber auch, dass rund 62 Prozent der Betriebe immer noch teils auf manuelle Prozesse setzten. „Das ist aber kein deutsches, sondern ein europäisches Phänomen“, relativiert Weißhaar.

Für die Branche, die sich mit dem Management von Dokumenten beschäftigt, gibt es also noch eine Menge zu tun. „Der Markt ist zergliedert. In Deutschland gibt es rund 20 Anbieter“, sagt der Manager. Easy mit einem geschätzten Marktanteil von ungefähr 15 Prozent sieht er in der „Top drei im deutschsprachigen Raum“. Weißhaar zeigt sich zuversichtlich, dass die Mülheimer auch künftig im Wettbewerb mithalten können.

„Das Geschäft geht uns ja nicht aus. Es kommen immer neue technische Entwicklungen hinzu“, sagt der Easy-Chef. Sie tüfteln die rund 100 Softwarenentwickler des Unternehmens aus, von denen etwa 60 in der Zentrale am Mülheimer Hauptbahnhof sitzen. „Wir investieren eine Menge in Forschung und Entwicklung“, sagt Weißhaar.

Die Zukunft sieht er eindeutig in der Künstlichen Intelligenz, die längst nicht nur in der Lage sei, Rechnungen zu lesen, pdf-Dokumente auszuwerten und Jobportale zu durchforsten, sondern Inhalte zu interpretieren. „Wir wünschen uns, dass es in Mülheim einen eigenen Lehrstuhl für Künstliche Intelligenz gibt. Das würde dem Revier gut tun“, so Weißhaar – auch im Hinblick auf den wachsenden Fachkräftemangel in der IT-Branche. Als Standort bringt er die Hochschule Ruhr West in Mülheim und Bottrop ins Spiel. Die Forschung konzentriere sich bislang auf Saarbrücken und andere Regionen.

„Wir als Easy Software AG sind bereit, dafür zu investieren. Wir dürfen die Anwendung der Künstlichen Intelligenz nicht den Chinesen überlassen“, meint der Unternehmenschef auch an die Adresse der NRW-Landesregierung. „Das Ruhrgebiet muss sich nicht hinter den Metropolen Hamburg, München und Berlin verstecken.“

>>> Übernahmeangebot

Größter Einzelaktionär der Easy Software AG mit mehr als 32 Prozent war bislang der Finanzinvestor Global um Inhaber Thorsten Wagner. Die Nummer zwei, die Deutsche Balaton, hat bereits im März ein Übernahmeangebot gemacht. Sie will alle Aktien übernehmen. Easy hat sich dazu bislang noch nicht geäußert. Für das abgelaufene Geschäftsjahr 2018 hatte das Mülheimer Unternehmen einen Umsatz zwischen 45 und 47 Millionen Euro angepeilt.

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