RWI-Wirtschaftsgespräche

Junge Debattierprofis geben Professoren und Managerin Contra

Valerie Holsboer war Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit. Im RWI-Wirtschaftsgespräch plädierte sie gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Valerie Holsboer war Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit. Im RWI-Wirtschaftsgespräch plädierte sie gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Foto: Daniel Karmann / dpa

Essen.  Beim RWI-Wirtschaftsgespräch duellieren sich Wissenschaftler mit jungen Debattier-Meistern. Wer beim gepflegten Gegeneinander wie ankam.

Das klassische Podium hat ausgedient: Das RWI Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung setzt in seinem neuen Format des jährlichen Wirtschaftsgesprächs auf ein hartes Aufeinanderprallen der Argumente. In drei Runden traten Prominente aus Wissenschaft und Wirtschaft gegen junge Debattiertalente an, die unabhängig von ihrer persönlichen Meinung wort- und gestenreich dagegen hielten. Unter den Zuhörern der Pro-Contra-Formate waren auch rund 50 WAZ-Leser.

In der Essener Philharmonie trat die Wirtschaftsweise und designierte EZB-Direktorein Isabel Schnabel für einen europäischen Sicherungsfonds für Bankeinlagen ein und mit dieser Position gegen die Kieler Studentin Julia Francesca Engel an. Die Bonner Finanzmarktökonomin warb nachdrücklich dafür, nur mit einer gemeinsamen Einlagensicherung könne eine europäische Bankenunion funktionieren. Es gehe darum, das Vertrauen ins europäische Bankensystem zu stärken. Auch sei das Schwarz-Weiß-Bild der maroden Banken in Südeuropa und der stabilen Institute in Deutschland überholt. Während sich im Süden vieles zum Besseren gewendet habe, stünden heute die großen deutschen Banken vor immensen Problemen. Eine gemeinsame Einlagensicherung schütze deshalb auch deutsche Sparer.

Skepsis gegenüber europäischer Einlagensicherung

Julia Engel rief dem Publikum dagegen zu, dass sie als deutsche Sparer eben nicht davon profitieren würden und sich wünschen sollten, dass es bei der bewährten nationalen Einlagensicherung bleibe. Die deutschen Sparkassen und Volksbanken lehnten den europäischen Fonds mit Fug und Recht ab, weil zusätzliche Beiträge in diesen Fonds die eigenen Sicherungssysteme, die noch über die Pflichtabsicherung hinausgingen, bedrohten. Dem Echo aus dem Publikum nach folgten ihr darin die meisten Zuhörer, die Skepsis gegenüber einer europäischen Sicherung der Spareinlagen war greifbar.

Der Tübinger Finanzökonomie-Absolvent Jan Ehlert, der etliche Debattenwettbewerbe gewonnen hat, forderte die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Der Zwang im Hartz-IV-System, dass die Leute auch Arbeit annehmen müssten, die sie nicht ausüben möchten, sei falsch. Und weil die Digitalisierung auch qualifizierte Tätigkeiten überflüssig machen werde, „die Steuererklärung macht ein Computer im Zweifel besser als der Steuerberater, Operationen könnten Roboter präziser durchführen als Chirurgen“, müsse jeder ein Grundeinkommen erhalten. Die Finanzierung könne durch „radikale Umverteilung“ stattfinden, etwa höhere Kapitalertragsteuern oder eine Digitalisierungsabgabe von Unternehmen, die Menschen durch Maschinen ersetzen.

„Evolution ist besser als Revolution“

„Das bestehende System funktioniert, man kann es sicher noch besser machen, aber es gibt keinen Grund es abzuschaffen. Evolution ist besser als Revolution“ – der Einspruch kam von Valerie Holsboer, bis September Vorständin der Bundesagentur für Arbeit. Es gebe auch keinen Grund für diesen Pessimismus. Richtig sei, dass durch die Digitalisierung rund 1,5 Millionen Arbeitsplätze wegfallen könnten. Aber gleichzeitig entstünden rund 1,5 Millionen neue Jobs. Mithin ist das Zukunftsszenario auf dem Arbeitsmarkt eher Fachkräftemangel als Massenarbeitslosigkeit. Es müsse darum gehen, die Menschen entsprechend zu qualifizieren und auch die Ausbildung Schritt für Schritt an die Digitalisierung anzupassen. Holsboer gewann mit ihrer unaufgeregten, sachlichen Argumentation mehr Zustimmung.

RWI-Präsident Christoph M. Schmidt plädierte für die Einführung eines CO2-Preises überall dort, wo Treibhausgase entstehen. Nur so sei das Ziel der Klimapolitik eines kohlenstoffarmen Wirtschaftens wirksam und kostengünstig erreichbar. „Und nur dann wird es gelingen, die Energiewende sozial ausgewogen zu gestalten“, sagte er. Anton Leicht, Philosophie-Student aus Münster, erwiderte, eine sanfte Steuerung durch Bepreisung von CO2 reiche nicht aus. Wenn Inlandsflüge oder Kreuzfahrten als moralisch schädlich eingestuft würden, müssten sie auch verboten werden. Sonst würden sie zum Privileg für jene, die sie sich trotz CO2-Bepreisung weiter leisten können.

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