Hauptversammlung

Vonovia gibt Mietern ab 70 Jahren eine Wohngarantie

Die langjährige Vonovia-Mieterin Renate Mühlhaus (86) aus Witten-Heven muss für ihre modernisierte Wohnung deutlich mehr bezahlen.

Die langjährige Vonovia-Mieterin Renate Mühlhaus (86) aus Witten-Heven muss für ihre modernisierte Wohnung deutlich mehr bezahlen.

Foto: Jürgen Theobald

Bochum.   Vonovia reagiert auf Klagen und gibt Mietern ab 70 die Garantie, in ihrer Wohnung bleiben zu können. Hauptversammlung verläuft dennoch turbulent.

Vonovia geht auf seine Kunden zu, die über steigende Mieten und Pannen bei Betriebskosten-Abrechnungen verärgert sind. „Wir geben Mietern ab 70 die Garantie, dass sie ihre Wohnungen nicht verlassen müssen“, sagte Vorstandschef Rolf Buch am Donnerstag am Rande der Hauptversammlung in Bochum. Der Dax-Konzern sichere Senioren zu, dass sie sich „keine Existenzsorgen wegen steigender Mieten machen müssen“. Vonovia verfolge das Ziel, den Kunden „ein lebenslanges Wohnen“ zu ermöglichen, versprach Buch.

Vor allem in Witten-Heven gibt es Unruhe. Nach Angaben des Mieterrats ist dort nach Modernisierungsarbeiten in Vonovia-Häusern die Grundmiete zum Teil von 5,30 auf bis zu 7,40 Euro pro Quadratmeter gestiegen und läge damit um 35 Prozent über der ortsüblichen Durchschnittsmiete. „Eine Steigerung um 48 Prozent ist existenzgefährdend“, ruft Knut Unger vom Wittener Mieterverein den Vonovia-Aktionären zu. Im Stadtteil Heven lebten viele über 90-Jährige. „Sie sind nervlich am Ende“, so Unger.

Mietervereine aus ganz Deutschland machen sich am Vorabend der Hauptversammlung des Wohnungsriesen im Bochumer Bahnhof Langendreer schon einmal Luft. Sie sind wütend, dass der Dax-Konzern im vergangenen Jahr erstmals mehr als eine Milliarde Euro Gewinn machte, aber Mieten und Betriebskosten für die Kunden immer weiter stiegen. Beim Aktionärstreffen im Ruhr Congress wollen sie beantragen, dass das Gehalt von Vonovia-Chef Rolf Buch um 25 Prozent gekürzt wird. „Es wird Herrn Buch nicht weh tun, wenn er nur noch vier Millionen Euro verdient“, sagt ein kritischer Aktionär spitz. Laut Geschäftsbericht erhielt der Manager im vergangenen Jahr bis zu sechs Millionen Euro.

An der Mahnwache vor dem Ruhr Congress neben dem Stadion des VfL Bochum kommt an diesem grauen Donnerstagmorgen kein Aktionär vorbei. Auf Transparente haben die Vertreter der Mietervereine geschrieben, was sie massiv an der Geschäftspolitik der Vonovia stört: „Unsinniger zweiter Balkon für 100 Euro mehr Miete“, „Wir lassen uns nicht herausmodernisieren“, „Vonovia macht Mieter arm“, „Versteckte Gewinne mit Betriebskosten“, „Schluss mit der Abzockerei“.

Hohe Nachzahlungen in Dortmund

Die Wut über das Unternehmen wächst – in Hamburg, München und Dortmund. „Ich passe auf“, sagt der 90-jährige Mieter Alois Hojtzic am Mittwochabend in Langendreer. In seiner Siedlung in Witten-Annen hat er festgestellt, dass der Winterdienst fünf Mal im Einsatz gewesen sei, die Vonovia aber 30 Einsätze abgerechnet habe. Knut Unger vom Wittener Mieterverein spricht von „Abrechnungstricks“ und „horrenden Gewinnen“, die Vonovia mit Hausmeister-Dienstleistungen mache. Seit 2012 ist das Unternehmen dabei, Service-Arbeiten in den Konzern zurückzuholen.

Monika Hohmann, Mieterbeirätin aus Dortmund, berichtet von hohen Betriebskosten-Nachforderungen – im Schnitt mehr als 3000 Euro für ein Jahr. Sie hat deshalb Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) angeschrieben. „Er unterstützt uns“, sagt Hohmann. Am 26. Juni soll es im Dortmunder Rathaus nun ein Spitzentreffen mit der Vonovia geben.

Richter geben Mietern zum Teil Recht

Die Mietervereine aus der gesamten Republik fühlen sich durch ein Urteil des Amtsgerichts München bestärkt. Die Richter erklärten, dass Vermieter über Betriebskosten keine Gewinne machen dürften und warfen Vonovia vor, Abrechnungen nicht transparent genug zu machen. Der Konzern ist in Berufung gegangen.

In den vergangenen Wochen wies Vonovia immer wieder die erhobenen Vorwürfe zurück. Vorstandschef Rolf Buch geht auf die Kritik auch in seiner Rede auf der Hauptversammlung am Donnerstag in Bochum ein. „Wir sind nicht selbstlos. Wir verdienen Geld damit“, sagt er über sein Geschäft mit der Vermietung von fast 400.000 Wohnungen.

Buch gibt sich reumütig: „Wir sind sehr massiv für unsere Nebenkosten kritisiert worden. Jede falsche Abrechnung ist eine zu viel“, sagt er. Doch ein Großteil der Betriebskosten wie Heizung, Warmwasser und Strom seien verbrauchsabhängig und vom Vermieter gar nicht zu beeinflussen. In den zurückliegenden Jahren seien Kosten für Grünpflege, Winterdienst und Ähnliches bei der Vonovia weitgehend konstant geblieben. Der Konzern liege unter dem bundesweiten Betriebskostenspiegel. Buch spricht von rund 6000 fehlerhaften Abrechnungen im vergangenen Jahr.

Emotional wird Buch, als er auf vereinzelt erhobene Betrugsvorwürfe reagiert. „Das geht gar nicht“, sagt er mit bebender Stimme. „Das passt auch nicht zu meinem Selbstverständnis. Das ist das eines ehrbaren Kaufmanns.“ Da hat sich die Mahnwoche vor dem Ruhr Congress auch schon wieder aufgelöst.

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