Steag-Verkauf

Städte geben Steag 100 Millionen Euro – nun wollen sie raus

Fünf von sechs Ruhrgebietsstädten wollen beim Essener Energiekonzern Steag wieder aussteigen.

Fünf von sechs Ruhrgebietsstädten wollen beim Essener Energiekonzern Steag wieder aussteigen.

Foto: Ulrich von Born / FUNKE Foto Services

Ruhrgebiet.  Nach heftigem Geschacher geben Städte der Steag ein 100-Millionen-Euro-Darlehen. Nun wollen fünf der sechs Revier-Städte gemeinsam aussteigen.

Von den sechs Städten, denen die Steag gehört, wollen fünf gemeinsam aussteigen. Duisburg, Oberhausen, Dinslaken, Essen und Bochum haben sich nach Informationen dieser Zeitung aus gut informierten Gesellschafterkreisen darauf verständigt, noch in diesem Herbst einen konzertierten Verkaufsprozess zu starten. Allein Dortmund bekennt sich nach wie vor klar zur Steag und trägt deshalb auch die Hauptlast der jüngsten Finanzspritze aus den Städten.

Schwache Bilanz – Energiekonzern Steag ringt um Zukunft Der Essener Stromkonzern Steag, immerhin fünftgrößter Erzeuger in Deutschland, steht damit vor einem Besitzerwechsel. Die abtrünnigen Kommunen halten zusammen 64 Prozent und damit fast zwei Drittel an der Steag. Sechs Revierkommunen hatten das Unternehmen über ihre Stadtwerke 2010 mehrheitlich und 2014 dann ganz übernommen. Mit Fortschreiten der Energiewende geriet die Steag mit ihren Steinkohlekraftwerken zusehens unter Druck – und darüber die Einigkeit im Stadtwerke-Konsortium verloren. Nur mit einem Dortmunder Kraftakt und nach heftigen Auseinandersetzungen konnten die Steag-Besitzer nun die dringend benötigte Anschlussfinanzierung stemmen.

Banken geben 353 Millionen, Städte 100 Millionen

Ihre Beteiligungsgesellschaft KSBG hat neue Kredite über 353 Millionen Euro abgeschlossen, mit denen sie die bis Mitte 2020 laufende Finanzierung frühzeitig ablösen kann. Das meldete die KSBG am Freitag. Die Städte gewähren ihrem Energiekonzern zudem eigene Darlehen von insgesamt 100 Millionen Euro. Um die Aufteilung gab es allerdings hinter den Kulissen heftigste Auseinandersetzungen, wie aus mehreren Städten zu hören ist. Denn sie beteiligten sich keineswegs gemäß ihrer Steag-Anteile, sondern nach willkürlich anmutenden politischen Vorgaben. Im Einzelnen:

  • Die Dortmunder Stadtwerke DSW21 stemmen mit Eigenmitteln und neuen Krediten 56 Millionen Euro und damit die Mehrheit. Dies, obwohl die Stadtwerke nur 36 Prozent der Anteile halten.
  • Essen, dessen Oberbürgermeister Thomas Kufen Aufsichtsratschef der KSBG ist, übernimmt 20 Millionen Euro bei nur 15 Prozent Anteilen.
  • Duisburg und Bochum geben je 10 Millionen Euro dazu, bei 19 bzw. 18 Prozent Unternehmensanteilen also nur gut die Hälfte ihrer eigentlichen Beteiligung.
  • Oberhausen und Dinslaken steuern je zwei Millionen Euro bei – mit je sechs Prozent Anteilen ebenfalls weit unterproportional.

Das Banken-Konsortium aus 15 Geldhäusern hat dem Vernehmen nach auf diesem Eigenanteil der Gesellschafter als ein Bekenntnis zur Steag bestanden. Gleichzeitig drückt er aber auch die Gesamt-Zinslast des neuen Kreditpakets spürbar. Für den Tag äußerte sich Dortmunds Stadtwerke-Chef Guntram Pehlke, zugleich Chefaufseher der Steag, entsprechend zufrieden: „Ich bin froh, dass wir die Finanzierung erfolgreich aufgestellt haben“, sagte er dieser Zeitung. Und betonte: „Wir stehen weiter zum Unternehmen und sehen das Geld als gut angelegt an.“

Dass die Steag diese neuen Kreditlinien braucht, war allen Städten bewusst, weshalb sie sich nach außen stets zu ihrem Eigenanteil daran bekannt hatten. Um die Verteilung wurde freilich heftig gerungen, aus Bochum etwa gab es frühzeitig das Signal, mehr als zehn Millionen gebe man nicht. In Duisburg spricht man von einer „freiwilligen Einigung“ der Konsorten über ihre jeweiligen Anteile.

Fünf von sechs Kommunen handelten beim Darlehens-Gerangel ganz offensichtlich bereits in dem Bewusstsein, die finanziell gestärkte Steag anschließend besser verkaufen zu können. Nach der Sommerpause wollen sie ihre Räte mit diesem Vorhaben befassen, bis Oktober soll ein Plan für den Verkaufsprozess vorliegen, der in die politischen Gremien geht. Sollten die Städte ihre Anteile verkaufen können, würden sie ihre Einlagen wieder ausbezahlt bekommen.

„Abgestimmtes Verfahren zum Verkauf“

Offiziell mochte die Verabredung zum gemeinsamen Verkauf ab Herbst keiner der Beteiligten bestätigen, Ausstiegswille und Eile sind aber überall herauszuhören. Aus den Duisburger Stadtwerken hieß es: „Da nun die finanzielle Situation geklärt ist, können die nächsten Schritte geplant werden. Sollte es zu einem Verkauf kommen, wird es ein abgestimmtes Verfahren unter den Konsorten geben. Wir gehen davon aus, dass der Prozess erst nach dem Jahr 2020 abgeschlossen ist.“ Oberhausens Stadtwerke-Chef Hartmut Gieske sieht einen enormen Investitionsbedarf, um die Steag grüner zu machen, sagt aber: „Mehr als die zwei Millionen Kredit sind für Oberhausen nicht zu stemmen, deshalb sind nun neue Partner für die Steag sinnvoll.“

Kufen hat Vertrauen in die Steag, will aber raus

Dass bis auf Dortmund die Kommunen nicht mehr Stromunternehmer sein mögen und auch nicht recht an eine goldene Zukunft der Steag glauben, ist seit vielen Monaten kein Geheimnis mehr. Dass sie zugleich als Gesellschafter aber nicht ihr eigenes Investment schlechtreden dürfen, lässt sie Sätze wie diesen sagen: „Die Bereitschaft sowohl aufseiten der Banken als auch aufseiten der Gesellschafter belegt das Vertrauen in die Geschäftsstrategie der Steag als eines der führenden Energieunternehmen in Deutschland, das die Energiewende aktiv mitgestaltet.“ Es stammt vom Thomas Kufen, Chefaufseher der KSBG – und ausstiegswilliger OB.

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