New Work

Warum der Chef Dienstleister für Mitarbeiter sein sollte

Eric Weik (Mitte) und sein Team in der Leonardo Lounge der IHK Mittleres Ruhrgebiet in Bochum.

Eric Weik (Mitte) und sein Team in der Leonardo Lounge der IHK Mittleres Ruhrgebiet in Bochum.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Bochum.  In Bochum ist eine Messe rund um neue Formen der Arbeit geplant. Sie beantwortet die Frage, warum Chefs Dienstleister für Mitarbeiter sein sollen.

Flache Hierarchien, mehr Wertschätzung für die Mitarbeiter und vor allem die Frage, wie durch die Digitalisierung der Wust von Informationen allen Kollegen zugänglich gemacht wird – die Unternehmen befinden sich aktuell in einem Umbruchprozess. Damit nicht jeder Betrieb für sich selbst das Rad neu erfinden muss, lädt die IHK Mittleres Ruhrgebiet am 27. September zu einer Messe rund um „New Work“ (neue Arbeit) ein.

„Alle wissen, dass sie sich damit beschäftigen müssen. Manche fremdeln aber mit dem Veränderungsprozess“, sagt Eric Weik, Hauptgeschäftsführer der IHK Mittleres Ruhrgebiet. Wie groß das Interesse unter den Unternehmern ist, habe er bei der Premiere von „Ruhr Faktor New Work“ im vergangenen Jahr beobachtet. „Das Haus war voll“, so Weik. IHK, Stadt Bochum, Ruhr-Universität Bochum und das Beratungsunternehmen Manufaktur für Wachstum hätten sich deshalb zu einer Neuauflage entschlossen.

„Die stille Revolution“ läuft in Bochum

Wie sich eine Unternehmenskultur radikal verändern kann, zeigt das Beispiel des Hamburger Unternehmers Bodo Janssen. Nach tiefer Krise und Aufenthalt im Kloster hat er das Management seiner Hotel- und Ferienhaus-Kette Upstalsboom völlig umgekrempelt. Statt Umsatzzahlen hat er das Wohlergehen von Gästen und Mitarbeitern in den Vordergrund des Betriebs gestellt. Janssen selbst sieht sich nach eigenen Angaben nicht mehr als Boss, sondern als Dienstleister seiner Mitarbeiter, der sich vor allem mit der Weiterentwicklung des Unternehmens beschäftigt. Der Kinofilm „Die stille Revolution“, der den radikalen Umbau der Upstalsboom-Gruppe dokumentiert, soll am 27. September in Bochum zu sehen sein.

„Unternehmenskultur ist eine Grundhaltung“

Dabei könne der viel beachtete Film allenfalls Denkanstöße geben. „Es gibt kein Konzept oder Rezept für Veränderungen der Unternehmenskultur. Das hat vielmehr mit einer Grundhaltung zu tun“, sagt Susanne Trepman. Mit zwei Kollegen betreibt sie in Bochum die Unternehmensberatung Manufaktur für Wachstum, die Veränderungsprozesse in Firmen begleitet. „Schmerz im Schuh muss schon sein, wenn Unternehmen mehr Flexibilität und Tempo haben wollen“, meint die Expertin.

Verantwortung für das eigene Handeln, Selbstbestimmung statt Befehl und Gehorsam, den Menschen in den Mittelpunkt stellen – oft sei es ein langer Weg, diese Grundsätze einer neuen Unternehmenskultur in den Alltag zu integrieren. „Manche Firmen schaffen es von allein, andere brauchen Unterstützung“, sagt Trepman. Die Beraterin ist aber davon überzeugt, dass neue Umgangsformen auch zum wirtschaftlichen Erfolg beitragen könnten. Als Beispiel nennt sie ein Call Center, das seine von der Geschäftsführung vorgegebene enge Taktung aufgegeben und stattdessen die Arbeitsorganisation den Teams überlassen habe. „Dadurch wurde die Krankenquote deutlich gesenkt. Zudem ist das Unternehmen jetzt viel produktiver“, bilanziert Trepman.

Wachsende Mengen an Informationen

Wie es gehen kann, können Maschinenbau-Studenten inzwischen auch an der Ruhr-Universität lernen. Die Bochumer haben einen Lehrstuhl mit dem Schwerpunkt auf Vertrieb und Service eingerichtet. „Neue Wege der Unternehmensführung und Organisationsgestaltung sowie agile Methoden zur Produktentwicklung sind heutzutage auch Erfolgsfaktoren für Unternehmen“, sagt der Wissenschaftliche Mitarbeiter David Jaspert.

In Bochum wolle man Wege zur neuen Arbeit deshalb möglichst praxisnah erforschen. „Wir wollen kundenorientiert neue Produkte, Prozesse und Dienstleistungen entwickeln“, meint der Wissenschaftler. „Dazu sollen die Studenten den tristen Vorlesungssaal verlassen.“

Vorlesungen in der Leonardo Lounge

Manche Vorlesung finde deshalb inzwischen in der Leonardo Lounge im Gebäude der IHK Mittleres Ruhrgebiet statt. Sofas, Holz, Stehtische und eine digitale Tafel sollen eine kreative Atmosphäre schaffen. „Die Lounge können auch Unternehmen buchen“, sagt IHK-Chef Weik. Der Bedarf ist offenbar groß. „Die Unternehmen gehen für Workshops nicht mehr so gern in klassische Seminarhotels“, berichtet Susanne Trepmann. „Geeignete Räume sind Mangelware.“

Die Experten warnen allerdings vor der Annahme, dass der Veränderungsprozess abgeschlossen ist, wenn man sich auf neue Arbeitsweisen verständigt hat. „Veränderungen hören nie auf. Unternehmen verlieren wirtschaftlich den Anschluss, wenn sie dazu nicht bereit sind“, betont IHK-Mann Weik. Im Mittelpunkt dabei stehe vor allem die Frage, wie Firmen mit den wachsenden Mengen an Informationen umgehen. „Wir müssen Wissen weitergeben“, fordert Wissenschaftler Jaspert. Dabei sieht er den Chef zu allererst in der Bringschuld. „Eine neue Unternehmenskultur funktioniert nur, wenn sie von oben gelebt wird.“

Ruhr-Faktor „New Work“, 27. September von 10 bis 15 Uhr, in der IHK Mittleres Ruhrgebiet, Ostring 30, 44787 Bochum. www.ruhr-faktor.de

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben