Arbeitslosigkeit

Weniger deutsche, aber mehr ausländische Kinder in Hartz IV

Ein warmes Mittagessen erhalten viele Kinder aus armen Familien in Gemeinschaftsküchen wie hier des christlichen Kinder- und Jugendwerks in Berlin.

Ein warmes Mittagessen erhalten viele Kinder aus armen Familien in Gemeinschaftsküchen wie hier des christlichen Kinder- und Jugendwerks in Berlin.

Foto: Ulrich Baumgarten, dpa

Düsseldorf.   Erstmals ist in NRW die Zahl der Kinder in Hartz-IV-Haushalten gesunken. Allerdings kaum im Ruhrgebiet. Und nicht in ausländischen Familien.

Die Zahl der Kinder, die von Hartz IV leben, ist in Nordrhein-Westfalen 2018 erstmals seit vielen Jahren zurückgegangen: Zum Jahresende lebten in NRW 566.500 Kinder in Familien, die Grundsicherung für Arbeitslose beziehen – das waren 12.600 oder 2,2 Prozent weniger als im Dezember 2017, wie die Bundesagentur für Arbeit am Dienstagmorgen mitteilte.

In Gelsenkirchen sind vier von zehn Kindern betroffen

In den meisten Ruhrgebietsstädten war die Entwicklung dagegen bei weitem nicht so positiv. In Gelsenkirchen stieg die Zahl der Unter-18-Jährigen in Hartz-IV-Familien sogar um weitere 1,6 Prozent auf knapp 19.000 an. Bezogen auf alle in der Stadt lebenden Minderjährigen waren damit vier von zehn Kindern (41,9 Prozent) in Gelsenkirchen von der Grundsicherung ihrer Eltern abhängig. Auch in Oberhausen ging der Trend ins Negative.

In den meisten anderen Revierstädten waren weniger Kinder als im Vorjahr betroffen, allerdings blieb der Rückgang unter dem Landesdurchschnitt. Am besten entwickelte sich noch Dortmund mit einem Rückgang um 2,1 Prozent auf 25.900 Minderjährige in Hartz IV.

Allgemein sehr hoch ist im Ruhrgebiet die Quote der hilfebedürftigen Kinder, nicht nur in Gelsenkirchen. Auch in Essen lebt jedes dritte Kind in einer Familie, die Hartz IV bezieht, in Herne, Duisburg und selbst im insgesamt recht wohlhabenden Mülheim sind es kaum weniger.

„Gerade im Ruhrgebiet ist die Kinderarmut nach wie vor erschreckend hoch, es gibt keinen Grund sich zurückzulehnen“, meint Carsten Ohm vom Sozialverband VdK in NRW. Der Experte für Sozialpolitik und Bildung fordert, auch städtebaulich die in einigen Stadtvierteln verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit zu bekämpfen: „Geförderter Wohnungsbau muss auch in Quartieren mit vielen Berufstätigen und niedrigen Arbeitslosenquoten stattfinden.“

Besonders Alleinerziehende tun sich nach wie vor schwer, aus der Grundsicherung heraus zu kommen – bei ihnen leben mit 242.700 Minderjährigen aber gut vier von zehn betroffenen Kindern. Die Zahl der Haushalte mit alleinerziehenden Leistungsempfängern nahm zwar um 8,2 Prozent ab, blieb damit aber hinter der Entwicklung bei den Paarhaushalten zurück (- 9,7 Prozent). Bei allen Arbeitslosen mit Kindern ist der Dauerbezug der staatlichen Leistung die Regel und nicht die Ausnahme. Rund acht von zehn Alleinerziehenden in Hartz IV gelten als langzeitarbeitslos.

„Was Alleinerziehende vor allem brauchen, sind bessere Möglichkeiten zur Kinderbetreuung“, sagt VdK-Experte Ohm. Damit sie einem auskömmlichen Beruf nachgehen können, bräuchte es ganztägige Betreuungsangebote inklusive Mittagessen.

In der Hälfte der Paarhaushalte geht dagegen ein Partner zumindest in Teilzeit arbeiten, der andere Partner dagegen ebenfalls schon lange nicht mehr. Im Schnitt verdienen in diesen Bedarfsgemeinschaften die Eltern 819 Euro selbst dazu und beziehen 1265 Euro vom Jobcenter, so dass sie auf insgesamt 2088 Euro im Monat kommen. Je mehr Kinder sie haben, desto höher ist die Unterstützung.

Zahl der Großfamilien in Hartz IV sogar gestiegen

Dass die Zahl der von Hartz IV lebenden Kinder nicht insgesamt deutlicher gesunken ist, liegt daran, dass gegen den Trend mehr Großfamilien Leistungen bezogen: 71.521 der so genannten Bedarfsgemeinschaften hatten Ende 2018 drei oder mehr Kinder – knapp ein Prozent mehr als vor Jahresfrist. Diese Großfamilien verfügen im Schnitt über ein monatliches Haushaltsbudget von 2626 Euro, wovon sie 1045 Euro mit eigenen Einkünften bestreiten.

Getrübt wird die positive Entwicklung auch durch die erneut angestiegene Zahl ausländischer Kinder in Hartz IV. Sie ist dem Aufschwung zum Trotz erneut kräftig um 4,1 Prozent auf nun 195.800 angewachsen. Damit leben heute mehr als doppelt so viele ausländische Minderjährige von Hartz IV als noch vor fünf Jahren. Hauptgrund dafür waren die Flüchtlingsströme vor allem in den Jahren 2015/16. Laut Bundesagentur haben viele Zuwanderer inzwischen die für eine Vermittlung in den Arbeitsmarkt nötigen Sprach- und Qualifizierungsprogramme abgeschlossen. Bei ihrer Suche nach einem Arbeitsplatz benötigten sie aber vielfach weiterhin Unterstützung.

Zahl deutscher Kinder in Hartz IV seit 2015 rückläufig

Dass ausländische Familien zunehmend auf Unterstützung angewiesen sind, überdeckt die gute Entwicklung bei deutschen Arbeitslosen: Bereits seit 2015 profitieren sie vom langjährigen Aufschwung, damit leben auch weniger Kinder in deutschen Hartz-IV-Familien. Bis 2017 hat der starke Zuwachs ausländischer Kinder im Hilfesystem die Zahl der bedürftigen unterm Strich wachsen lassen, im vergangenen Jahr hat die deutliche Besserung erstmals auch für insgesamt weniger Betroffene gesorgt.

Leserkommentare (32) Kommentar schreiben