Klimaschutz-Paket

Wie ein CO2-Preis eine Verzinkerei in Gelsenkirchen belastet

Staatssekretär Oliver Wittke (l.) und der Lars Baumgürtel, Chef von Voigt & Schweitzer GmbH, in der Feuerverzinkungsanlage in Gelsenkirchen.

Staatssekretär Oliver Wittke (l.) und der Lars Baumgürtel, Chef von Voigt & Schweitzer GmbH, in der Feuerverzinkungsanlage in Gelsenkirchen.

Foto: Lukas Schulze / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen.  Ein CO2-Preis würde die Gelsenkirchener Verzinkerei Voigt & Schweitzer mit einer Million Euro jährlich belasten. Was der Chef vom Bund fordert.

Lars Baumgürtel wäre gern dabei gewesen, als der Pariser Eiffelturm für die Weltausstellung im Jahr 1889 aufgebaut wurde. Der Unternehmer aus Gelsenkirchen ist davon überzeugt, dass seine Feuerverzinkungstechnik dem französischen Riesen den alle sieben Jahre fällig werdenden Antirost-Anstrich ersparen würde. „Mit Zink hält Stahl über 100 Jahre“, rechnet Baumgürtel vor. Es gebe keinen nachhaltigeren Schutz.

Um die hauchdünne Schicht auf den Stahl aufzubringen, muss der Zink freilich auf 450 Grad erhitzt werden. Dazu braucht die Voigt & Schweitzer GmbH mit ihren weltweit 1700 Mitarbeitern große Mengen Erdgas, das bei der Verbrennung CO2 freisetzt. Mit Unbehagen erwartet Baumgürtel deshalb die für Freitag erwarteten Entscheidungen des Klimakabinetts. Sollte die Bundesregierung einen CO2-Preis von 35 Euro pro Tonne festlegen, wie gemutmaßt wird, kämen auf das Familienunternehmen nach eigenen Berechnungen eine Million Euro Mehrkosten zu. „Diese Belastung drückt man nicht so einfach weg“, betont Baumgürtel. „Das Geld wird uns bei Investitionen in Innovationen fehlen.“

„Wir reden über Ausnahmen“

Die Schilderungen des Unternehmers, der auch Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer Nord Westfalen ist, hört sich Oliver Wittke an diesem Nachmittag aufmerksam an. Der CDU-Politiker und ehemalige Gelsenkirchener Oberbürgermeister ist Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. Wittkes Chef Peter Altmaier wird am Freitag dabei sein, wenn das Klimakabinett womöglich weitreichende Entscheidungen treffen wird, damit Deutschland die globalen Klimaziele erreichen kann.

Was dabei herauskommen wird, weiß auch Wittke nicht. Er zeigt aber großes Verständnis für die Sorgen der Voigt & Schweitzer GmbH. „Wir müssen die industriellen Kerne in Deutschland bewahren“, meint der Staatssekretär. „Im Ruhrgebiet hängen knapp 30 Prozent der Arbeitsplätze von der Industrie ab“, so Wittke. „Wir reden über Ausnahmen für energieintensive Betriebe, wie es sie jetzt schon bei der EEG-Umlage gibt. Das müssen wir auch beim CO2-Preis im Auge behalten“, betont er.

Doch der Oberflächenbeschichter aus Gelsenkirchen gehört gar nicht zum Kreis der Firmen, die von der ermäßigten EEG-Umlage für die Erzeugung erneuerbaren Stroms profitieren. Baumgärtner nutzt Erdgas, um sein Zink zu erhitzen. Längst hat sich der Unternehmer um Sparmaßnahmen bemüht und den Energieverbrauch zuletzt um rund 30 Prozent gesenkt.

Voigt & Schweitzer hat sich überdies dazu verpflichtet, einen Produktionskreislauf ohne Abfall und Einsatz von Kohlenstoff anzustreben. „Wenn ich morgen Wasserstoff erhielte, würde ich sofort auf die Alternative zu Erdgas umstellen“, sagt Baumgürtel. Doch umweltfreundlich erzeugter Wasserstoff sei kaum verfügbar oder nicht bezahlbar.

Ob der Unternehmer am Freitag nach der Verkündung des Klimapakets schlauer sein wird, was auf ihn zukommt, vermag selbst Staatssekretär Wittke nicht vorherzusagen. Die Koalitionspartner Union und SPD verhandeln noch. Als CDU-Bundestagsabgeordneter aus dem Revier stellt Wittke im Hinblick auf einen CO2-Preis aber Forderungen: „Es darf keine Benachteiligung deutscher Unternehmen geben.“ Und: „Energie muss bezahlbar bleiben.“

Das hört man bei der IHK Nord Westfalen gern. Vizepräsident Baumgürtel fordert deshalb Kompensationsregelungen für bundesweit 300.000 Mittelständler, die keine Ausnahmeregelungen in Anspruch nehmen können. Die Existenz vieler dieser Betriebe hält er für „massiv gefährdet“.

Als Chef von Voigt & Schweitzer hofft Baumgürtel auf die Einsicht der Politik. „Mit Zink hält Stahl eben länger als 100 Jahre. Deshalb habe ich auch kein schlechtes Gewissen, dass die Feuerbeschichtung so energieintensiv ist.“

>>> Veredelung von Stahlprodukten

Nach Angaben der IHK Nord Westfalen gibt es bundesweit 300.000 Großfeuerungsanlagen. Viele von ihnen seien in mittelständischen Firmen im Einsatz, um mit Prozesswärme Stahlprodukte zu veredeln.

Teile, die Voigt & Schweitzer verzinkt, kommen in Autos und Maschinen zum Einsatz.

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