Konzernaufspaltung

Siemens: Zehntausende Siemensianer erhalten neue Verträge

Der frühere Eon-Finanzchef Michael Sen – hier bei unserem Gespräch in Mülheim – soll den neuen Konzern Siemens Energy führen.

Der frühere Eon-Finanzchef Michael Sen – hier bei unserem Gespräch in Mülheim – soll den neuen Konzern Siemens Energy führen.

Foto: Kai Kitschenberg / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Zäsur bei Siemens: Fast jeder vierte Beschäftigte soll zum Konzern Siemens Energy wechseln. Interview mit dem künftigen Konzernchef Michael Sen.

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Siemens steht vor einem tiefen Einschnitt. Mit der Abspaltung der Energiesparte soll fast jeder vierte Beschäftigte den heutigen Konzern verlassen. Mit Siemens Energy entsteht ein eigenständiges Unternehmen. Siemens-Vorstand Michael Sen ist designierter Vorstandschef des künftigen Konzerns mit rund 88.000 Mitarbeitern und Standorten unter anderem in Mülheim, Duisburg und Berlin. In unserem Interview in Mülheim spricht Sen darüber, wie der geplante Börsengang laufen soll, warum es keine Standort-Garantien gibt und wie Bürgermeister um die Ansiedlung der neuen Firmenzentrale werben.

Herr Sen, war Siemens nicht in der Lage, die Energiesparte aus eigener Kraft in eine gute Zukunft zu führen?

Sen: Siemens ist als sehr breites industrielles Konglomerat in vielen unterschiedlichen Industrien unterwegs. In jedem dieser Geschäfte gibt es enorme Veränderungen, unter anderem durch die Digitalisierung. Auch der Energiemarkt wandelt sich komplett und mit großer Geschwindigkeit. In einer solchen Situation ist es richtig, sich zu fokussieren. Wir müssen uns schließlich mit den Besten in der jeweiligen Branche messen.

Im Geschäft mit Kraftwerken und Windrädern sind die Gewinnmargen niedriger als in anderen Bereichen von Siemens. Musste die Abspaltung auch her, damit der verbleibende Siemens-Konzern höhere Umsatzrenditen ausweisen kann?

Sen: Es stimmt, dass die Marge im Energiebereich niedriger ist als im industriellen Kerngeschäft von Siemens. Deshalb macht es auch keinen Sinn, unsere Marge etwa mit Software oder Industrieautomatisierung zu vergleichen. Für Siemens Energy und unsere Einschätzung durch den Kapitalmarkt wird entscheidend sein, dass wir immer besser sind als unsere Wettbewerber. Das ist unser Ziel.

Große Kohlekraftwerke gelten als Auslaufmodell. Auch die Zahl der neuen Gaskraftwerke ist begrenzt. Wie wollen Sie darauf reagieren?

Sen: Siemens Energy ist ja weit mehr als das Geschäft mit Gasturbinen. Mehr als die Hälfte unseres Umsatzes entfällt bereits heute auf Erneuerbare Energien und Stromübertragung- und verteilung. Unser Auftragsbuch ist mit aktuell rund 70 Milliarden Euro gut gefüllt, und wir sind in einem sehr attraktiven Markt aktiv. Die

Energiebranche steht vor einem tiefgreifenden Strukturwandel. Der Bedarf an Energie steigt ständig. Eine Milliarde Menschen haben heute noch keinen Zugang zu Energie. Und gleichzeitig ist der Klimawandel Realität. Deshalb müssen wir alle die CO2-Emissionen reduzieren. In diesem vermeintlichen Widerspruch liegt eine große Chance für uns. Ich behaupte, kein anderes Unternehmen auf der Welt kann seinen Kunden besser helfen, die Energiewende zu verwirklichen.

Bis September 2020 soll Siemens Energy an die Börse gehen. Ist dieser Zeitplan in Stein gemeißelt?

Sen: Unser Zeitplan ist ambitioniert und machbar. Für den kommenden Sommer planen wir eine außerordentliche Hauptversammlung, im Herbst wollen wir an der Börse notiert sein. Wir sind gut unterwegs und kommen Schritt für Schritt gut voran.

Wie soll die Eigentümerstruktur nach dem Börsengang aussehen?

Sen: In der Stunde null bekommen die Siemens-Aktionäre Anteile an der neuen Siemens Energy Gesellschaft in ihr Depot gebucht. Siemens gibt die Mehrheit ab, bleibt aber als Ankeraktionär an Bord. Geplant ist, dass Siemens langfristig mehr als 25,1 Prozent der Anteile halten wird. Wir haben die DNA von Siemens. Aber wenn Kinder erst einmal aus dem Haus sind, gehen sie ihren eigenen Weg. Das gilt auch für uns. Wenn wir an der Börse sind, müssen wir uns unsere Sporen verdienen.

Ist Siemens Energy ein Übernahmekandidat?

Sen: Ein großer Aktionär bleibt: die Siemens AG, die langfristig eine Sperrminorität halten will. Ansonsten kann jeder, der Interesse hat, Aktien über den Markt kaufen. Am Ende des Tages schützt nur eines vor einer Übernahme: Sie müssen Leistung abliefern und besser als der Wettbewerb sein.

Siemens-Betriebsrat- Eigenständigkeit ist auch eine ChanceWo wird sich eigentlich der Sitz von Siemens Energy befinden? Können Sie sich Mülheim als Standort vorstellen?

Sen: Wo sich der Firmensitz befinden wird, steht noch nicht fest. Klar ist: Der Sitz wird in Deutschland sein, und eine gute Flughafenanbindung ist uns angesichts unseres internationalen Geschäfts sehr wichtig. Wir wollen schnell bei unseren Kunden sein. Wir bekommen gerade jede Menge Gesprächsangebote von Bürgermeistern, die sich für das Thema interessieren. Unsere Mitarbeiter stellen mir häufig die Frage: Muss ich umziehen? Ich sage dann immer: Nein. Ihr müsst euren Standort nicht verlassen.

Was kommt bei der Abspaltung auf die 88.000 Mitarbeiter zu?

Sen: Für die deutschen Mitarbeiter wird die Siemens Gas and Power GmbH & Co. KG neuer Arbeitgeber. Das ist ein sehr technischer Akt, der in einem so genannten Unterrichtungsschreiben erklärt wird. Die 15 Seiten lesen sich also ein bisschen wie ein Beipackzettel. Darin ist alles geregelt bis hin zur Altersversorgung. Die klare Botschaft lautet aber: Niemand wird schlechter gestellt sein. Das sagen wir unseren Mitarbeitern gerade überall in Deutschland. Klar und transparent.

Bis 2022/23 wollen Sie Kosten in Höhe von einer Milliarde Euro einsparen. Das dürfte auch Stellenabbau bedeuten – oder?

Sen: Es laufen bereits an verschiedenen Standorten Stellenabbauprogramme. Auch in Mülheim haben wir zuletzt ohne betriebsbedingte Kündigungen 600 Stellen abgebaut. Ob wir weitere Einsparungen erzielen müssen, hängt von der Marktsituation ab.

Siemens Energy wird in vielen deutschen Städten vertreten sein, in Berlin, Mülheim, Duisburg, Hamburg, Görlitz und Erfurt zum Beispiel. Gibt es Standort-Garantien für ihre Werke?

Sen: Nein. In dem Markt, in dem wir uns befinden, wären solche Vereinbarungen nicht zielführend. Der Markt ist attraktiv, aber er ist umkämpft. Der Kunde diktiert, wie sich das Geschäft entwickelt. Es wird ein harter Weg werden, aber es wird der beste Weg werden für uns.

Wegen der Auftragsflaute bei großen Turbinen und Generatoren fordert der Betriebsrat für Mülheim den Ausbau alternativer Produkte wie Schiffsmotoren. Unterstützen Sie Ideen dieser Art?

Sen: Ich kann diese Haltung sehr gut nachvollziehen. An den Standorten entwickelt sich ein Unternehmergeist, der nach vorn gewandt ist. Das ist gut so und wir werden diese Haltung unterstützen.

Muss sich das Werk Mülheim angesichts geringer Bestellungen von großen Dampfturbinen und Generatoren Sorgen machen?

Sen: In der Tat ist das Geschäft mit den großen Maschinen in den vergangenen drei Jahren um 60 bis 70 Prozent zurückgegangen. In Mülheim sitzt aber ja auch eine große Entwicklungsabteilung für Gasturbinen, die wir in Berlin bauen. Zudem verkaufen wir nicht nur Neuanlagen. Das Servicegeschäft ist extrem stabil. Die Wartungsverträge laufen zum Teil über Jahrzehnte. Auch das sichert Beschäftigung in Mülheim.

Wo sehen Sie Siemens Energy in fünf Jahren?

Sen: Wir wollen als Unternehmen wahrgenommen werden, das an der Spitze der Energiewende steht.

Ist das auch eine Botschaft an die Klimaschutzbewegung Fridays For Future?

Sen: Ich kann gut verstehen, dass die nächste Generation auf die Straße geht, um den Planeten zu retten. Das ist wichtig, und manchmal brauchen wir als Gesellschaft ja auch Menschen, die uns wachrütteln. Unsere Botschaft ist: Die Energiewende findet in der ganzen Welt statt, und wir haben die technologischen Lösungen dafür.

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