Pippi Langstrumpf

75 Jahre Pippi Langstrumpf: Lindgren fürchtete das Jugendamt

Astrid Lindgren mit Inger Nilsson – der Darstellerin von Pippi Langstrumpf – bei den Dreharbeiten.

Astrid Lindgren mit Inger Nilsson – der Darstellerin von Pippi Langstrumpf – bei den Dreharbeiten.

Foto: Oetinger Verlag

Stockholm.  Pippi Langstrumpf polarisierte anfangs. „Fantasie eines Irren“, so ein Literaturkritiker. Dabei war es die Fantasie von Astrid Lindgrens Tochter.

Als Astrid Lindgren das Manuskript für Pippi Langstrumpf an einen Verlag schickte, tat sie dies mit den Worten: „In der Hoffnung, dass Sie nicht das Jugendamt alarmieren.“ So ungewöhnlich war ihre Heldin, die Erwachsenen widersprach, die Schule schwänzte und Spaghetti mit Schere aß. Sie war so unangepasst in einer Zeit, in der der pädagogische Zeigefinger aus der Backfischliteratur den Mädchen auf ihren Platz in der Gesellschaft verwies.

Tochter Karin denkt sich den Namen Pippi aus

Es war wiederum ein Mädchen, das solche Geschichten von braven Kindern nicht hören wollte. „Erzähl mir von Pippi Langstrumpf“, sagte die siebenjährige Karin, die sich den Namen ausgedacht hatte, zu ihrer Mutter Astrid Lindgren. Und die Mama wollte das Kind trösten, das mit einer Lungenentzündung im Bett lag. So erfand sie das mutige Mädchen mit den Zöpfen und den Sommersprossen, das einer Freundin ihrer Tochter ähnlich sah. Dabei hätte es bleiben können, wenn Astrid Lindgren nicht selbst wenig später auf dem Eis ausgerutscht wäre.

Mit verstauchtem Knöchel lag sie im Bett – und überließ ihren Kopf der Fantasie. So entstanden die wunderbaren Geschichten über die Seeräubertochter in der Villa Kunterbunt, die alte Rollenmuster durcheinanderwirbelt. Schließlich schrieb Astrid Lindgren diese auf und schenkte die Seiten ihrer Tochter zum Geburtstag am 21. Mai.

Der erste Verlag lehnte das Buch ab, aber dann gewann Astrid Lindgren einen Kinderbuch-Wettbewerb. Und 1945 erschien das Buch in Schweden, wo Pippi nicht nur gefeiert wurde. So meinte der damals geachtete Literaturkritiker John Landquist in der Zeitung Aftonbladet: „Kein normales Kind isst eine ganze Sahnetorte auf oder geht barfuß auf Zucker. Beides erinnert an die Fantasie eines Irren.“

Affe Herr Nilsson zog an Pippis Perücke

Die jungen Leser sehen das anders, mögen auch die beiden Folgebände. 1949 erscheint Pippi in Deutschland, wo bis heute 8,6 Millionen ihrer Bücher gekauft wurden. Im gleichen Jahr wurde Pippi Langstrumpf erstmals verfilmt – aber Astrid Lindgren gefiel das Ergebnis gar nicht. Zu sehr hatte man ihre Geschichte verändert. So übernahm sie später selbst die Drehbücher bei der heute bekannten Serie, die für das deutsche Publikum zu Filmen zusammengeschnitten wurde.

8000 Mädchen hatten sich für die Rolle der Pippi beworben, darunter auch Maria Persson. Sie wurde die Annika. Denn die kleine Inger Nilsson mit ihrem unvergleichlichen Lächeln überzeugte alle. Der Affe Herr Nilsson war am Drehset kein gerngesehener Gast, denn das Totenkopfäffchen war alles andere als zahm. Es zog an Pippis Perücke und pinkelte auf ihre Schulter.

Pippi bescherte Astrid Lindgren ihren Durchbruch als Autorin, bevor sie weitere erfolgreiche Geschichten erdachte über Karlsson vom Dach, Madita, Michel aus Lönneberga und zuletzt Ronja Räubertochter. Ihre Bücher wurden in 107 Sprachen übersetzt und oft ausgezeichnet. Den Literaturnobelpreis bekam sie jedoch nicht. Weil sie ja „nur“ Kinderbücher schrieb.

Auch in Lindgrens Kindheit gab es einen Limonadenbaum

Ihre eigene Kindheit im südschwedischen Småland, wo sie 1907 als Astrid Ericsson auf die Welt kommt, erlebt sie als ähnlich unbeschwert wie ihre kleinen Helden. Sie springt von Heuhaufen und planscht im Fluss. Der Baum im Garten vor dem rotgestrichenen Holzhaus verwandelt sich in ihrer Fantasie in einen Limonadenbaum.

Später wird sie die erste junge Frau im Ort sein, die sich einen „Bubikopf“ schneiden lässt. Und dann wird sie schwanger. Mit 18. Was für ein Skandal!

Der Kindsvater ist der Chefredakteur der lokalen Tageszeitung, bei der sie gerade ein Volontariat macht. Er will sie heiraten. Aber sie will nicht. Denn verliebt ist sie nicht in ihn – „kein bisschen“.

Und damit beginnt ihr Erwachsensein. Es ist kein Bullerbü-Leben – das erklärt auch ihre Sehnsucht nach der glücklichen Kindheit, die sie in ihren Büchern lebendig werden lässt. Sie geht nach Stockholm, beginnt eine Ausbildung zur Sekretärin. Später engagiert sie sich für Kinderrechte, prangert Nazis und Atomkraft an. Jedoch einen unehelichen Sohn allein aufzuziehen, erscheint ihr in der damaligen Zeit undenkbar. Sie geht nach Kopenhagen, wo eine anonyme Geburt möglich ist – und lässt ihren Lars, den sie Lasse nennt, bei Pflegeeltern.

Dann verliebt sie sich in einen Kollegen, in Sture Lindgren. Sie heiraten und holen den inzwischen vierjährigen Lasse zu sich nach Stockholm, drei Jahre später kommt seine Schwester Karin auf die Welt.

Als Wiedergutmachung für den den Sohn

Die Germanistin und Klett-Kinderbuch-Verlegerin Monika Osberghaus interpretiert in dem Buch „Heldin, Ikone, Freundin“ die Pippi-Geschichte als nachträglichen Wiedergutmachungsversuch der Autorin ihrem Sohn gegenüber: „Du wirst reich belohnt für das Alleine- und Tapfersein, sagt ihm dieses Buch: Du hast Geld im Überfluss, du bist so stark wie sonst keiner, du brauchst niemandem zu gehorchen und darfst dich über alle Leute lustig machen, vor denen andere Kinder kuschen müssen, du darfst Süßigkeiten essen, so viel wie du willst, ins Bett gehen, wann du willst...“

Vielleicht ist das auch zu viel der Interpretation. Astrid Lindgren, die 2002 mit 94 Jahren verstarb, sagte einmal: „Wenn ich jemals beabsichtigt hätte, die Figur der Pippi zu etwas anderem als der Unterhaltung meiner jungen Leser dienen zu lassen, so wäre es dieses: ihnen zu zeigen, dass man Macht haben kann, ohne sie zu missbrauchen. Denn von allen schweren Aufgaben des Lebens scheint mir das die allerschwerste zu sein.“

>> Neue Bücher zu Pippi Langstrumpf

Der Oetinger Verlag hat nun erstmals Pippi Langstrumpf mit den Zeichnungen von Ingrid Vang Nyman aus der schwedischen Originalausgabe veröffentlicht. Auch die Folgebände gibt es mit ihren Zeichnungen: Pippi Langstrumpf geht an Bord und Pippi Langstrumpf im Taka-Tuka-Land (je 14 €, ab 6 Jahren).

Zudem ist ein Buch erschienen, das sich eher an die erwachsenen Fans richtet: „Pippi Langstrumpf – Heldin, Ikone, Freundin“ (Oetinger, 224 S., 30 €). Darin analysieren Wissenschaftler die Bücher und bekannte Persönlichkeiten erzählen, was sie mit Pippi verbinden. Darunter ist auch die Schauspielerin Eva Mattes, die Pippi Langstrumpf die deutsche Synchronstimme gegeben hat.

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