Jasis Woche

Altern, aber in echt

Internet-Training für Senioren? Ist toll für Rentner, hat man aber auch schon mal am Arbeitsplatz. Foto:

Internet-Training für Senioren? Ist toll für Rentner, hat man aber auch schon mal am Arbeitsplatz. Foto:

Foto: Dietmar Wäsche

Neuerdings bekommt unsere Kolumnistin merkwürdige Post: Einladungen zum Hörtest und Seminarangebote für „Senioren ab 50“. Läuft da was schief ?

Unter den Briefen in meinem Postkasten fand ich neulich neben zwei Rechnungen, einer Mahnung und einer Einladung meines Autohauses zu den Neuvorstellungen des Frühjahrs (mit Erbsensuppe und Bratwurst) auch einen Brief eines Hörgeräteakustikers aus der Nachbarschaft. Keine Postwurfsendung, die an alle ging, nein, ein Brief an mich. Persönlich. Es war eine Einladung zum kostenlosen Hörtest, der in fortgeschrittenem Alter dringend empfehlenswert sei, schrieb er. Fortgeschrittenes Alter? Hat er denn noch nie gesehen, wie jugendlich beschwingt und hip gestylt ich jeden Morgen an seinem Laden vorbeilaufe?!

Einen Tag später drückte mir jemand milde lächelnd den Flyer eines Nachbarschaftsnetzwerks aus meinem Stadtteil in die Hand. Inhalt: Ein Bildungs- und Serviceangebot speziell für „Senioren über 50“ mit Gedächtnistraining und Kursen zur Handy- und Tabletbedienung für Einsteiger. Bestimmt alles toll! „Ist ja wohl eher was für ältere Leute“, sage ich zu meinem Mann, während ich die Broschüre ins Altpapier werfe. „Ähem, wir SIND ältere Leute“, erwidert mein Mann mahnend.

Ich seh die Sache so: Mein Arbeitgeber erwartet täglich von mir, dass ich morgens in der Konferenz vor Ideen nur so sprudele, dass ich maile, google, chatte, im Internet recherchiere und rumtelefoniere, mir dann die Ergebnisse meiner Recherchen merke und die auch noch zügig in möglichst flotte Sätze gieße. Das ist Gedächtnistraining genug. Sogar gebührenfrei. Mehr noch: Ich bekomme sogar Geld raus und das, wenn es nach meinem Rentenbescheid geht, auch noch rund anderthalb Jahrzehnte. Allerdings wird im Gegenzug der pannenfreie Umgang mit modernen Kommunikationsgeräten vorausgesetzt.

Zwei Tage später war ich abends auf einem Konzert. Ein coole Band spielte coole Songs , es ging um so was wie „Kiss“ und „Sympathy for the devil“. Ich stand in der ersten Reihe und der Sänger, der dem Aussehen nach um einiges jünger war als ich, hatte mich offenbar als Premiumzuschauerin auserkoren. Er sang mich schmachtend an, er tanzte mit mir und ich muss zugeben, dass ich mich im ersten Moment ein wenig geschmeichelt fühlte.

Und dann nannte er mich „Mäuschen“. Übers Mikrofon. Alle im Saal hörten es. Alle! Ich überlegte eine Millisekunde lang, ob Mord die passende Antwort auf „Mäuschen“ wäre, verwarf diesen Gedanken aber natürlich sofort wieder und beschränkte mich darauf, so böse zu gucken, dass nur noch das Weiße in meinen Augen zu sehen war.

In diesem Moment beschloss ich, gerne alt zu sein. Alt ist in jedem Fall besser als Mäuschen.

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