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Besser als Silbereisen: Seniorenheim mit eigenem TV-Programm

„Let’s Twist Again!“ Während Sänger Rainer Migenda draußen zum Fernsehstar von „Marienfried TV“ wird, erfreuen sich drinnen die Senioren in Gelsenkirchen am Bildschirm.

„Let’s Twist Again!“ Während Sänger Rainer Migenda draußen zum Fernsehstar von „Marienfried TV“ wird, erfreuen sich drinnen die Senioren in Gelsenkirchen am Bildschirm.

Foto: foto: Ingo Otto, Montage / Shutterstock

Gelsenkirchen-Horst.  Ein Seniorenheim in Gelsenkirchen erfindet in der Corona-Zeit einen Fernsehsender. „Marienfried TV“ überträgt Live-Konzerte: Zur Freude der Fans.

„Tanze mit mir in den Morgen“, singt Rainer Migenda in die Kamera – und in das Wohnzimmer einer jeden Wohngruppe. Es ist Dienstagnachmittag. Für die meisten Bewohner des Seniorenheims „Haus Marienfried“ bedeutet das, Zeit für das eigene „Marienfried TV“. Das bringt den Menschen ein Stück Normalität zurück, überträgt Livekonzerte der Musiker, die sonst mittendrin sind in der großen Runde im Wohnbereich der Etagen.

Weil das nicht geht, hat Heimleiter Marcus Becker mit dem Beginn der Corona-Kontaktbeschränkungen ein eigenes Fernsehprogramm entwickelt. Der Vorteil: Die technische Grundausstattung ist schon seit Jahren im Saal installiert. „Die ursprüngliche Idee war, Gottesdienste aus der Hauskapelle oder der benachbarten Kirche in die Wohnbereiche zu übertragen“, erklärt er. Pfarrer Wolfgang Pingel, Vorstandsvorsitzender des Trägervereins der katholischen Einrichtung, habe damals schon die Meinung vertreten, mit bekannten Gesichtern ließen sich die Menschen mehr ansprechen. „Das bewahrheitet sich jetzt. Musiker wie Rainer Migenda zu sehen, die die Menschen hier persönlich kennen, das berührt sie mehr als ein Florian Silbereisen.“

Zeit für Tanzmusik: „Rote Lippen soll man küssen“, erklingt es nun – im Saal und im Fernsehen. Während Rainer Migenda singt und spielt, liegt so viel Energie in der Luft, da kann man sich gut vorstellen, wie es zeitgleich auf den einzelnen Etagen zugeht. „Es ist schon schwierig, ohne Publikum zu spielen“, verrät der Sänger, kurz bevor er auf Sendung geht. „Da hilft es schon, die Bewohner zu kennen.“ Schließlich ist der Ruhrgebietsbarde seit neun Jahren alle zwei Wochen im Haus zu Gast. „Ich stelle mir bei jedem Lied einen Bewohner vor – immer wenn ich weiß, der eine oder andere hat diesen Song besonders gern. Eine 94-jährige Dame etwa wünscht sich oft: ,Let’s Twist Again’.“

„Generation Elvis“ ist im Seniorenheim angekommen

Tatsächlich gehe es bei den Konzerten weniger beschaulich zu, als man so meinen mag. Sicher, es stünden auch mal Volkslieder auf dem Programm oder alte Schlager. Aber mittlerweile sei die „Generation Elvis“ in den Heimen angekommen, da könne man auch englische Titel einstreuen. „Das wird sich in den nächsten Jahren auch noch mehr verändern.“ Demnächst, erzählt der Sänger, solle es auch ein Wunschkonzert geben. Angepasst an die Corona-Zeiten seien Bewohner eingeladen, Liederwünsche auf Zettel zu schreiben, welche dann an Rainer Migenda übergeben werden.

Drei, vier Mal in der Woche sende das „Marienfried TV“, erzählt Marcus Becker. Das Programm sei ganz unterschiedlich. Mal gebe es eine aufgelockerte Märchenstunde für Erwachsene, mal Musik, demnächst auch Videos. „Als erstes zeigen wir nächste Woche einen mehrstündigen Mitschnitt unserer hauseigenen Karnevalsfeier“, erzählt Marcus Becker. Auch Rainer Migenda arbeitet schon an einem Film. „Das wird ein musikalischer Waldspaziergang.“ Weil man technisch etwas aufgerüstet hat, ist das alles möglich.

„Aber dich, gibt’s nur einmal für mich“, haucht Rainer Migenda ins Mikrofon. Da geht sicher besonders einer Dame das Herz auf: Renate Brauner. Die 80-Jährige ist der größte Fan des Musikers im Haus, kennt ihn seit vielen Jahren. An ihm gefalle ihr einfach alles, schwärmt sie bei einem kurzen Gespräch vom Balkon aus und will gleich Missverständnissen vorbeugen: „Aber seine Frau mag ich auch.“ Das Konzert verfolgt sie am Bildschirm, gemeinsam mit ein paar anderen Bewohnern. Das sei gestattet, erklärt Marcus Becker, weil die Menschen hier in familienähnlichen Gruppen lebten, die für sich durchaus isoliert seien. Der Vorteil: Im kleinen Saal steigt eine große Party. Die besten Plätze sind bereits lange reserviert. „Schon seit heute Morgen“, sagt Renate Brauner und lacht. Da sitze man nun bei Kaffee und Kuchen. „Und ich singe alles mit.“ Gleich, verrät sie und freut sich sichtlich, gebe es noch ein Sektchen. „Für den Kreislauf“, erklärt Marcus Becker und lacht.

Und jetzt möchten alle Senioren eine Currywurst mit Pommes

Als sie gerade wieder rein gehen will, um nicht so viel vom Konzert zu verpassen, dreht sich Renate Brauner noch einmal um. Eins will sie noch loswerden: „Wenn wir dann gleich so sitzen und sagen, Chef, jetzt möchten wir eine Currywurst mit Pommes, dann bestellt er uns das. Wo gibt es so ein Heim?“

Vorsichtig, aber doch immer mehr drängt sich die Frage nach der Finanzierung auf. Currywurst und Sektchen „für den Kreislauf“ sind wohl kaum im Pflegesatz vorgesehen, oder? „Nein“, sagt Marcus Becker ganz klar. „Das ist mir im Moment aber auch egal.“ Der Trägerverein habe bereits gestattet, in diesem Jahr keine schwarze Null zu schreiben. Bewusst habe man sich gemeinsam entschieden, für kleine Dinge Geld in die Hand zu nehmen. „Das Schlimmste, was jetzt passieren könnte, ist doch, dass hier im Haus die Stimmung kippt.“ Die Zeiten seien schwierig für die Bewohner, geprägt von fehlenden Kontakten. Da sei es wichtig, etwas für das seelische Wohlbefinden zu tun. Nur so könne ein Seniorenheim sein, was es dem Namen nach ist: den Senioren ein Heim.

„Unser Job ist es, zuzuhören, was die Menschen gerade brauchen, und darauf einzugehen.“ Dann geschehe es schon mal, dass Notlösungen zu Erfolgsrezepten werden. „Das Marienfried TV wird Corona überleben. Wir denken jetzt schon weiter: In der Zeit danach könnten Bewohner Teile des Programms gestalten. Vielleicht gibt es dann einmal in der Woche eine eigene Nachrichtensendung mit Neuigkeiten aus dem Haus. Da sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt.“

>> Weiterhin Besuchsbeschränkungen im Seniorenheim

Heimleiter Marcus Becker hat es geschafft, dass „seine“ Bewohner nicht nur in schwierigen Zeiten guter Dinge sind, es hat bislang im Haus und in dessen Umfeld keinen einzigen Corona-Fall gegeben.

Damit das auch so bleibt, will er sich an den neuen Lockerungen zu Besuchsregelungen noch nicht beteiligen. Den Bewohnern des Hauses gehe es gut und Kontakte mit Angehörigen seien auch jetzt schon über den Gartenzaun möglich. Mehr werde es auch in den nächsten Wochen nicht geben.

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